Das Loch

Erschienen: Januar 1962

Bibliographische Angaben

Wien, drei Uhr früh. Im Radiosender Hitstation Number One bemerkt der Moderator Tommy König erstaunt, dass sein eigenes Blut über das Mischpult rinnt. Offensichtlich hat ihn jemand von hinten erschlagen. Er findet das nicht fair, denn einem Mann seines Kalibers stünde doch ein ganz anderer Abgang zu, spektakulärer und medienwirksamer inszeniert. Aber es hilft nichts, er stirbt.

Tommys Freundin Lisa wartet zur gleichen Zeit in einem Szenelokal auf ihren Dealer für die notwendige Ration Koks. Sie findet ihn ermordet im Taxi. Dabei wird sie mit der Leiche fotografiert. Tommys Freund Freddie Kruder, ein Starjournalist, rettet inzwischen auf Sizilien die kleine Tochter einer Bordellbesitzerin aus dem Meer. Mittelpunkt der höchst turbulenten Geschichte, die sich daraus entwickelt, ist eine Tonbandkassette, auf der das Mordmotiv an Tommy zu hören ist. Die Ereignisse überschlagen sich.

In Wien geht ein Mafiakiller über Leichen

In Wien wird ein Mafiakiller aktiv und geht über Leichen. Ein Kommissar beginnt zu ermitteln und trifft auf den tödlich ehrgeizigen Radiomoderator Richard Launig. Lisa bittet Freddie telefonisch um Hilfe. Der Ex-Anarchist Dr.John muss erst einen grausamen Mordversuch an sich überstehen, bevor er mit seiner Nahkampftruppe aufräumen kann. Dann sind da noch ein wahnsinniger Frauenmörder, der sein Opfer zerlegt und auch sonst noch sehr gefährlich ist, sizilianische Fischer mit Mafiaehre, ein Totgeglaubter, sehr lebendig und dann wieder tot, auf Piranhas spezialisierte Fischhändler, ein actionreiches Blutbad im Wiener Prater, Lisas Rachefeldzug im Stile von Agatha Christie, und ein sehr turbulenter Showdown in Sizilien, mit entscheidenden Auswirkungen auf Wien ...

Wer ist eigentlich Clemens Stadlbauer? So möchte man sich fragen, wenn man seinen Roman "Quotenkiller" in der metro-Reihe des Unionsverlages verlegt findet. Diese bürgt gewöhnlich für eine besondere Qualität in der Auswahl ihrer Autoren. Und es sei vorweggenommen: Thomas Wörtche hat als Verantwortlicher auch diesmal nicht daneben gegriffen. Ganz im Gegenteil.

Stadlhofers Schreibstil ist sehr unkonventionell, locker schreibt er in einem hohen Tempo. Aber schon der Beginn zeigt eine ungewöhnliche ironische Distanz zum Schrecklichen, man meint, alles nicht weiter ernst nehmen zu müssen.

Blick auf die Oberfläche - aber eher von unten als von oben

Seine Protagonisten bewegen sich in der oberflächlichen Welt der Schickimicki-Szene, und dieser Eindruck färbt zunächst auch auf das Buch ab. Die Sprüche sind locker, die Figuren wie aus einem Kabarett entsprungen. Doch man sollte sich nicht täuschen: Clemens Stadlbauer richtet seinen Blick zwar auf die Oberfläche, aber eher von unten als von oben.

Er besitzt eine erstaunliche Genauigkeit in der psychologischen Charakterisierung einzelner Personen, und in seinem Furor und der Überzeichnung mancher Typen erreicht er gelegentlich Thomas Bernhardsche Intensität.

Auf dramatische Momente folgen humoristische Einlagen, ohne dass das Tempo darunter leidet. Er liebt Übertreibungen, Banalitäten, absurde Situationen, er plaudert und formuliert dahin, oft scheinbar ohne Rücksicht auf Logik oder Wahrscheinlichkeit, manche Formulierung liegt sogar an der Grenze zum schlechten Geschmack. Gerade die Absurdität mancher Passagen, wie den Clou in der Mitte des Buches oder die Schlussszene, machen den lockeren Humor Stadlbauers aus. Wer hier als Moralist mit dem erhobenen Literaturkanonfinger auftritt, hat nichts verstanden und sollte zu einem anderen Buch greifen. Erst gegen Ende der Lektüre habe ich bemerkt, wie sorgfältig und klug der ganze Roman konstruiert ist, es scheint so, als wäre nichts dem Zufall überlassen worden. Unterhaltung ist hier das oberste Prinzip, und Stadlbauers Wortwitz tut dazu ein Übriges. Aber manches geht auch unerwartet plötzlich in die Tiefe, mit wenigen Worten erzeugt er beklemmende Momente, wie etwa das Schicksal der Prostituierten am Babystrich, oder anderes über Mediengeilheit oder Machtmissbrauch.

Als Wiener oder Österreicher tut man sich natürlich leichter, Schauplätze, Zitate, Anspielungen und Personen nachzuvollziehen, auch bezüglich ihrer möglichen realen Vorbilder. Das ist aber absolut keine Voraussetzung für das Verständnis der Geschichte. Stadlhofer kennt aus seiner Tätigkeit als Chefredakteur von Zeitschriften und Rundfunksendern diese Szene quasi von innen, hier schont er nichts und niemanden. Schonung ist auch nicht seine Absicht, wenn es um Mord und Totschlag geht. In diesen Passagen greift einen manches auf die Nieren, real und ungeschminkt, ganz im Stile eines Roman Noir. Thomas Wörtche, Herausgeber der metro-Reihe im Unionsverlag, nennt dieses Buch einen "Slapstick-Noir", und liegt damit völlig richtig.

Das metro-Konzept findet in Stadlbauer eine sehr individuelle Fortsetzung

Es spricht für Clemens Stadlbauer, dass sein Roman in der metro-Reihe erscheint. Aber es spricht gerade auch für metro, dass sie "Quotenkiller" aufnimmt. Es ist schon erstaunlich, wie sich dieses Unternehmen entwickelt: Alte Klassiker wiederentdecken, internationale Autoren hoher Qualität dem deutschsprachigen Raum bekannt machen und junge, unkonventionelle Schriftsteller fördern. Autoren wie Driss Chraibi, Nury Vittachi oder Santiago Gamboa bringen auf unterschiedliche Weise die Elemente Satire, Ironie und Humor in die Kriminalliteratur. Das hat nun mit Clemens Stadlbauer eine weitere, sehr individuelle Fortsetzung gefunden.

Quotenkiller beweist, wie man völlig unverkrampft dem Kriminalroman als Unterhaltungsliteratur gerecht werden kann.

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Michael Drewniok
Dramatische Ausbrecherstory ohne falsche Romantik

Buch-Rezension von Michael Drewniok Aug 2005

"Das Loch" - so nennen die sechs Männer ihre Zelle 11/6 im Pariser "Prison de la Santé". Eng ist es hier, kalt, feucht und schmutzig. Der Gefängnisalltag ist eintönig und streng reglementiert, die Wärter sind abgestumpft und nach Ansicht der Gefangenen oft unnötig brutal.

Manu Borelli kommt nach einem missglückten Ausbruch ins Santé. Schon bei der Ankunft kreisen seine Gedanken um eine neue Flucht. In den Zellengenossen sieht er vor allem potenzielle Bundesgenossen. Die Chancen stehen gut: Roland Darbant gilt als notorischer Ausbrecher. Georges Cassid ist ein alter Bekannter, der kürzlich bei einem Fluchtversuch niedergeschossen wurde. Roland Vosselin, genannt "Hochwürden", und Maurice Willman sind alte Knastveteranen, die es auch in die Freiheit und zu ihren Frauen zieht. Jean Jarinc ist ein Großmaul, aber er wird kurze Zeit später verlegt.

Rasch ist man sich einig. Bei einem Unternehmer, der billig im Gefängnis fertigen lässt, bestellt man Kartonagebögen, die ungefalzt einen großen Teil des Zellenbodens abdecken. Darunter bricht man mit organisiertem und improvisiertem Werkzeug die Betondecke zum Kriechgang unter dem Zellenblock durch. Dadurch erhält man Zugang zu den riesigen Kellergewölben, durch die sich praktisch jeder Punkt des Gefängniskomplexes erreichen lässt. Ein mannshohes Abflussrohr wird als möglicher Durchstich zur Freiheit gewählt. Zwar wurde es mit einem Betonklotz gesichert, doch die Rohrwand ist morsch: Man kann sich um das Hindernis herum graben!

Die Arbeit ist hart und gefährlich. Mehrfach ereignen sich Unfälle, die knapp glimpflich ausgehen. Zudem entwickelt sich der Ausbruch zu einem Wettlauf mit der Zeit: Die Gefängnisaufseher sind misstrauisch. Sie wissen nichts über die Vorgänge in Zelle 11/6, doch sie beginnen etwas zu ahnen. Der Druck auf die Männer wächst. Wird ihm etwa jemand nachgeben ...?

Menschengeist überwindet alle Ketten

Die große Flucht aus dem eigentlich ausbruchssicheren Gefängnis - eine Geschichte, die auch der gesetzestreue Zeitgenosse seltsamerweise immer wieder gern verfolgt. Es geht nicht darum, dass es Verbrecher sind, die sich ihren Weg in die Freiheit bahnen. Die Story selbst ist es, die in ihren Bann zieht: Da sind Menschen, die einem mächtigen System scheinbar hilflos ausgeliefert sind. Sie werden ständig kontrolliert, beobachtet; im Grunde bleibt ihnen gar nichts übrig als sich zu beugen. Und doch triumphiert der Wille frei zu sein. Unter unsäglichen Mühen und mit unerhörtem Einfallsreichtum werden Fluchtwerkzeuge improvisiert, Wächter getäuscht, Tunnel gegraben. Ja, es sind Kriminelle, die sich hier aktiv zeigen - und Autor Giovanni spricht es mehrfach deutlich an -, aber das vergessen wir rasch. Stattdessen hoffen und bangen wir mit den Ausbrechern, jubeln, wenn sie es schaffen, sind traurig, wenn sie scheitern.

José Giovanni spielt in "Das Loch" virtuos mit dieser Ambivalenz. Er schreibt einen Gefängnisroman auf mehreren Ebenen. Da ist natürlich der eigentliche Ausbruch, eine höchst verwickelte, von zahlreichen Zwischenfällen erschwerte Angelegenheit, die den Leser tüchtig Fingernägel beißen lässt. Einfachste Utensilien werden umfunktioniert und in den Dienst der Sache gesetzt. Man kann nur staunen, was sich beispielsweise mit einer einfachen Schnur anstellen lässt. Vor allem wirken diese steinzeitähnlichen Werkzeugkonstruktionen ungemein realistisch. Kein Wunder, denn "Das Loch" ist auch die halb dokumentarische Schilderung des Alltags in einem französischen Gefängnis in den 1950er Jahren. Der Autor kannte diesen zur Genüge, er war als langjähriger Insasse bis ins Detail mit dem fast zeremoniellen Einerlei vertraut, der den Tagesablauf im Knast prägt. Auch als Ausbrecher hat er sich (vergeblich) versucht.

Wo Menschen nur Nummern und Roboter sind

Eine fremde Welt tut sich auf. Da sind die Gefangenen, 6000 an der Zahl, die nicht bestraft im Sinne von Buße mit anschließender Rehabilitierung, sondern weggeschlossen und verwahrt werden. Das Santé ist heillos überbelegt, die sanitären Verhältnisse schreien zum Himmel. In den Zellen sind die Männer allein mit ihren Ängsten und sexuellen Nöten - und mit ihrer Langeweile. Die Wächter sind überfordert und ausgebrannt, mechanisch erledigen sie ihren Dienst oder reagieren ihre Frustration an den Gefangenen ab. Dann gibt es noch Anwälte und die Gefängnisleitung, die indes nur größere Teile einer veralteten Justiz-Maschinerie sind, die völlig isoliert von der Außenwelt und ohne echten Zweck zu funktionieren scheint.

Das Individuum ist nichts im Santé. Die Zellengemeinschaft stellt die Grundfeste dar. Schon aufgrund der ständigen Überbelegung ist es wichtig miteinander auszukommen. Dafür gibt es eigene, recht komplizierte Regeln, die Giovanni in die Handlung einfließen lässt. Man ist nicht befreundet, aber man steckt zusammen im "Loch" und hat zusammenzuhalten gegen die Wärter und die Anwälte. Wer die Regeln nicht begreift oder gegen sie verstößt ist wie Jean Jarinc isoliert. Die Buschtrommeln funktionieren im Gefängnis ausgezeichnet. Manu Borelli weiß schon eine Menge über die Männer, die er in Zelle 6/11 trifft.

Wer ist der Verräter unter uns...?

Giovanni begnügt sich nicht mit einer typischen "Männer unter sich"-Geschichte. Roland Darbant ist nie Clint Eastwood, der nur die "Flucht von Alcatraz" personifiziert. Darbant ist ein Mensch mit entsprechenden Bedürfnissen, seinen Gefährten ergeht es ebenso. Für sie ist der Ausbruch kein sportliches Unternehmen, kein Wettbewerb mit dem System, sondern nichts als der Weg nach "draußen", wohin es sie zieht, obwohl sie dort - welche Ironie! - weitaus weniger stark verwurzelt sind als im Knast. Im Grunde sind Darbant und Co. verdammt. Ihr Ausbruch muss misslingen, das wird bei der Lektüre rasch deutlich. Irgendwo ist der Wurm drin, schon bevor wir vom Verräter erfahren.

Der ist (sein Name bleibt hier natürlich unerwähnt) die tragische Figur der Geschichte. Er hat dem Druck nicht mehr standgehalten, hat resigniert und die Todsünde begangen zu "singen". Der Kodex hinter Gittern mag nicht viele Kapitel besitzen, aber die Verschwiegenheit gegenüber dem "Feind" mit der Schlüsselgewalt steht an oberster Stelle. Der Verräter kann vielleicht mit Verständnis, mit Nachsicht aber niemals rechnen. Von nun an ist er allein, schrecklich allein: Sollte ihn das Schicksal noch einmal in ein Gefängnis verschlagen, wird man dort Bescheid wissen.

Ein missglückter Ausbruch wird zur Erfolgsstory

Spannend und authentisch, wenn auch - verständlicherweise - gänzlich Partei ergreifend für die Häftlinge, fand José Giovanni mit seinem Debütroman verdient und leicht nachvollziehbar sein Publikum. "Das Loch" wurde von Regisseur Jacques Becker als Drehbuch angekauft und 1960 sehr erfolgreich verfilmt. (Die Rolle des Roland Darbant übernahm Jean Keraudy, ein bekannter Ausbrecher und Zellengenosse Giovannis.) Der Film war sogar noch erfolgreicher und ist seinerseits zum Klassiker geworden, der auch in Deutschland hoch gelobt wurde. Während "Das Loch" in Frankreich stets neu aufgelegt wird, gab es in Deutschland merkwürdigerweise nur eine Ausgabe. Die Mühe, die es bereitet diese heute zu finden, wird durch das Lesevergnügen leicht aufgewogen.

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