Prosciutto di Parma

Erschienen: Januar 2005

Bibliographische Angaben

  • Hamburg; Leipzig; Wien: Europa, 2005, Seiten: 317, Übersetzt: Wolfgang Körner , Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2006, Seiten: 286, Originalsprache

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Peter Kümmel
Fälschung kommt dem Original qualitativ nahe

Buch-Rezension von Peter Kümmel Feb 2005

Der Untertitel "Commissario Trattonis tiefster Fall" und die Aufschrift "Ein Kriminalroman aus Venedig", das weckt sofort Assoziationen. Daß diese nicht unbeabsichtigt sind, wird einem spätestens nach den ersten Seiten klar.

Hochwasser in Venedig. Commissario Antonio Trattoni macht sich auf den Weg zu seinem Arbeitsplatz, der Questura. Im Vorzimmer des Vize-Questore trifft er auf dessen Sekretärin Singorina Elektra. Nun dürfte auch der Letzte begriffen haben, dass der Roman der Autorin Franca Permezza auf die Commissario Brunetti-Reihe von Donna Leon zielt. Auch hier hat der Commissario eine liebende Gattin, Giulia, die für ihn mittags und abends kocht, sowie einen Sohn und eine Tochter. Bereits bei Brunetti habe ich übrigens schon nicht verstanden, wie eine berufstätige Frau die Zeit findet, für ihre Familie zweimal täglich ein mehrgängiges Menü zuzubereiten. Und wie man dann die Rolle des Commissario, der außer den beiden Mahlzeiten zwischendurch auch noch die ein oder andere Süßspeise zu sich nimmt, mit einem schmächtigen Kerl wie Joachim Krol besetzen kann. Aber dies nur nebenbei.

Contessa Brambilla sucht den Commissario auf, weil sie davon überzeugt ist, dass ihr Bruder, der Rechtsanwalt Davide Brambilla, von seiner Frau vergiftet worden ist. Trattoni hatte den Totenschein bereits auf dem Tisch gehabt. Darin war eine Lebensmittelvergiftung als Todesursache angegeben. Trattoni ordnet eine Obduktion an, die jedoch keine neuen Erkenntnisse bringt. Trotz allem zweifelt der Commissario daran, dass beim Tod des Anwalts niemand nachgeholfen hat. Der Fall ist kein offizieller Fall, doch trotz allem beginnt Trattoni mit Ermittlungen. Erst als es einen zweiten Todesfall mit der Diagnose Lebensmittelvergiftung gibt, darf er nun auch mit Genehmigung des Vize-Questore offiziell daran arbeiten. Aber nur deshalb, weil Trattonis ausländerfeindlicher Chef davon überzeugt ist, dass ein türkischer Glaswarenhändler seine Frau umgebracht hat.

Trattoni sucht nach Verbindungen zwischen den beiden Verstorbenen, und der Fall nimmt ihn derart in Anspruch, dass er sogar mehrmals hintereinander das heimische Mittagessen ausfallen lassen muß.

Auf der Suche nach der Intention für dieses Buch stellt man sich zunächst die Frage, ob die (fiktive?) Autorin ein Parodie erstellen wollte. Dafür jedoch müssten die Charaktere stärker überzeichnet sein. Leicht überzeichnet wirkt hier jedoch allenfalls der Commissario selber, der immer vergesslicher wird und ständig Namen verwechselt und Hüte vertauscht. Die weiteren aus der Brunetti-Reihe übernommenen Figuren dagegen wirken fast originär. Selbst die Eigenschaften einer Satire auf Donna Leons Romane muß man ihm absprechen. Nicht etwa deshalb, weil die venezianischen Gepflogenheiten nicht genügend pointiert wären, sondern weil man Leons Bücher selbst bereits als satirisch ansehen darf, ob gewollt oder ungewollt, sei dahingestellt.

Daß die Autorin auch kein Hehl daraus macht, dass sie hier fremdes Gedankengut verarbeitet, wird schnell dadurch klar, dass in diesem Buch überall von Fälschungen die Rede ist.

"Wie immer boten auf dem Uferplatz Markthändler Obst und Gemüse feil. Vor einem Jahr noch hatte man hier auch gefälschte Rolex-Uhren, gefälschte T-Shirts mit dem Medusenhaupt Versaces - ja sogar gefälschte Romane von Donna Leon kaufen können..."

Gefäschte Bilder tauchen ebenso auf wie gefälschtes Murano-Glas und sogar gefälschter Parmaschinken, der titelgebend ist und dem für die Lösung des Falles eine entscheidende Rolle zukommt.

So bleibt ein netter literarischer Spaß, der von der Qualität des Kriminalfalls her absolut mit dem Original mithalten kann.

Zweifelsfrei ist "Prosciutto di Parma" eine sehr gute und absolut gelungene Fälschung. Doch als solche halte ich das Werk jedoch für überflüssig. Fälschungen haben gegenüber Originalen meist den Vorteil eines niedrigeren Preises, was jedoch in diesem Fall nicht gegeben ist.

Schriftstellerisch ist es nicht unbedingt eine Glanzleistung, von anderen erdachte Figuren zu übernehmen, um darum herum eine Geschichte zu erfinden, die den Originalen ähnelt. Erzähltechnisch dagegen braucht sich die Autorin absolut nicht hinter großen Namen zu verstecken. Auf jeden Fall verkürzt Franca Permezza den Fans von Brunetti die Wartezeit bis zum Erscheinen seines nächsten Falles, sofern ihnen nicht diese nett gemachte Fälschung sauer aufstösst.

Was nun die Identität der Autorin angeht, so darf gerätselt werden, wer hinter der Sache steckt. Informationen über eine Originalausgabe sucht man ebenso vergeblich wie Informationen über die Autorin, die über die Angabe auf dem Klappentext hinausgehen. Daß sie ausgerechnet mit einer Arbeit über einen Kunstfälscher dissertiert haben soll, spricht für sich. Einzig als Übersetzer taucht der Name eines bekannten Autoren auf.

Prosciutto di Parma

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Letzte Kommentare:
22.02.2014 20:10:39
UGeier

das einzige Positive war, daß ich den Roman nicht gekauft sondern geschenkt bekommen habe.
Satyre? - Thema verfehlt.
Dafür verwechselt die Autorin - oder doch ein Autor - die Ausdrücke Blutzucker mit Blutdruck. Denn daß mein Blutzucker steigt hab ich im Gegensatz zu dem an Alzheimer leidenden Commisario noch nie so gespürt, wie von ihr/ihm beschrieben.
Und die eingeworfenen schräg gestellten italienischen Ausdrücke wie caffe, und änliches, nerven nur. Jedenfalls mich.
Der Autor/die Autorin sollte sich eigene Personen der Handlung einfallen lassen und das Venedig der Donna Leon unangetastet lassen.

04.10.2007 22:43:26
Beate Müller

Tja, wahrscheinlich werde ich auch ein Buch schreiben. Ich suche mir ein schönes, bereits bestens verkauftes, aus und kupfere ab. Wenn das so gut klappt, wenn man sogar die Figuren gleich benennen kann, dann wird das ja nicht wo schwer sein.
Trotzdem muss ich sagen, habe ich es mit Vergnügen gelesen, manchmal gedacht, dass kann doch nicht sein, dass die Figuren sich so ähnlich sind, aber gegen Donna Leon kommt es meines Erachtens natürlich nicht an.

28.04.2007 15:23:30
rena thiele-neff

Ich glaube, die ganze Aufregung ist umsonst. Die Krimis sind gefakt und von
einem gewissen Wolfgang Körner geschrieben! Wird jedenfalls bei Google
behauptet!!

07.03.2007 15:44:48
Hans Jürgen Möller

Mich haben die Kommentare wesentlich mehr fasziniert als der "Roman" selbst. Alles ist bereits gesagt: Die merkwürdige Figur des Ermittlers, dessen Bandscheibenbeschwerden wenig interessieren, die langweilige Sprache, die unglaublichen Banalitäten usw. Am lustigsten ist noch, dass jedesmal beim Auftauchen einer neuen Figur der "Commissario" schreit: Der war es.
Wirklich interessieren würde mich aber, warum ein Verlag, der mal ein sehr anständiges Programm verlegt hat, solchen unerträglichen Scheiß bringen muss.

29.09.2006 00:48:25
frank permesso

Wenn dieses Buch Satire sein soll, dann eine sehr schlechte. Ein Kommissar, der unsympatisch, besserwisserisch, schlecht gelaunt und inkompetent sich durch\'s Buch quält und dabei versucht einen Fall aufzuklären. Ähnlichkeiten mit Brunetti? Ja: Familienstand, Namen der Mitarbeiter. Sonst nichts. Satire? Wenn damit gemeint ist, daß "eine Krimiautorin ins Wasser fällt oder gefälschte Donna Leon Romane verkauft werden, dann tut es mir leid. Es amüsiert einen nicht, es schockiert einen nicht. Was allerdings stört ist die sehr stockende Erzählweise. Nette Idee, was ich zugeben muß, ist die Sache mit dem "Duce". Ein treffender Name auch für Patta.Fazit: Wartet auf den neuen von Leon oder von Remin.... oder geht in eine andere Stadt, z.B. ULM mit Kommissar Berndorf (--> Ulrich Ritzel). Viel besser als die 8 Euro für das Taschenbuch der Franca Permezza.

26.09.2006 17:34:07
Giovanni Montereggio

Beim Lesen habe ich mich immer wieder dabei ertappt, dass ich die Personen- und örtlichen Vorstellungen der Brunetti-Romane hatte. Allein bei der Person des Kommissars hatte ich fremde Eindrücke: so ist Trattoni anders als Brunetti alles andere als sympatisch. Er ist unhöflich, behandelt seine Untergebenen schroff und ungerecht. Darüberhinaus sind seine investigativen Gedankengänge oft nicht nachvollziehbar. Trotz der erzählerischen Qualität und der unbestreitbaren kriminalistischen Spannung ist die Abkupferung vorherrschend, lästig, allzu bemüht und letztlich völlig überflüssig. Ausserdem wimmelt die Übersetzung von italienischen Grammatikfehlern und die sehr zahlreichen und unnötigen Kursiv-Hervorhebungen gängiger Ausdrücke nerven ausserordentlich.

07.09.2006 14:08:36
Markus Mayer

Postmodern? Travestie? Parodie oder gar Plagiat? Ich bin keine Literaturwissenschaftlerin und kenne mich mit solchen Schubladen nicht besonders gut aus. Ich habe diesen querköpfigen Roman lediglich gelesen und mich dabei amüsiert. Viele Bestandteile des Italienkrimis, von Donna Leons Ortsbeschreibungen bis hin zu Camilleris Beschwörungen der Culinaria Italia, werden maßlos übertreibend veralbert. Commissario Trattoni hat viele Krimis gelesen und orientiert sich am Verhalten ihrer Helden. Das Motiv Fälschung, das sich durch das ganze Buch zieht, gibt ihm wie das ungewöhnliche Verbrechen eine unverwechselbare Note. Für mich ist dieser "Schinken" ein gut gemachtes Stück intelligente Unterhal-tung, bei dem ich mich nicht gelangweilt habe.

28.08.2006 20:56:48
Heike Zöller

Vielleicht hätte ich das Buch mit Vergnügen gelesen - wären da nicht diese penetranten Ähnlichkeiten mit Donna Leons Commissario Brunetti und seinen Mitstreitern. Wer es nötig hat, so abzukupfern, sollte das Schreiben besser sein lassen.

13.08.2006 17:29:02
Wolfgang Reuter

Die beiden ersten Kommentare haben mich dazu verleitet, dieses Buch zu lesen. Was ist da nicht alles zitiert oder erwähnt worden, von Fellini bis - tatsächlich! - Borges!
Eine Läuterung von der kopflastigen postmodernen Literatur stand zu erwarten, und endlich auch der Fall der Mauer zwischen "Hochliteratur" und "Trivialliteratur"!

(Ein Hoch der Literatur!)

Also, dann aber die gewaltige Ernüchterung. Was für ein Buch ist das eigentlich? Die Motivation für diesen peinlichen Brunetti - Verschnitt ist mir völlig unklar. Die Autorin stolpert durch die Zeilen, macht aus ihrer Antipathie durch plumpe Erwähnungen Donna
Leons (Die "Amerikanerin") kein Hehl.

Die Äußerungen Trattonis strotzen vor Banalitäten ("Was versprechen sich eigentlich manche Menschen, einen anderen um sein Leben zu bringen?"). Viele der beabsichtigten witzigen Passagen haben das Niveau einer Provinzstegreifbühne.

Was ist das alles? Eine Satire auf Brunetti? Nie im Leben! Ein Plagiat einer Trittbrettfahrerin? Wo ist aber dann der literarische Benefit für den/die LeserIn? Ich persönlich kann ihn nirgens erkennen.

Fazit: Banal, unerheblich, einfach ärgerlich
Permezzas tiefster Fall.


wolfgang reuter

12.03.2005 17:08:27
C. Peveing

Tja, die Druckfehler in der ersten Auflage waren ärgerlich. In der zweiten sind sie sämtlich korrigiert und stören nicht mehr. Was "tags" betrifft, stimme ich Goerlitz zu. Das Ersetzen des schönen "sagte" durch "erwiderte", "gab zu bedenken", "entgegnete" usw. ist ein veraltetes Stilmittel. Mit dem servilen "Come desidera" (etwa: "Wie Sie wünschen") haben tags überhaupt nichts zu tun. Daß Trattoni wie Brunetti einen Sohn und eine Tochter hat, störte mich nicht. Das dürfte in Italien, trotz niedriger Geburtenzahlen, bei unzähligen Italienern der Fall sein. Permezza veralbert zwar manchmal liebevoll die Donna, aber nicht nur sie. Der Plot, der Kriminalfall in diesem Roman, ist eigenwillig. Das ist bei einem Krimi für mich das wichtigste. Die Methoden dieses Täters waren mir bislang völlig unbekannt, und ich mag den kauzigen Querkopf Trattoni.
Inzwischen gibt es hier in Canada die englische Ausgabe der neuen Leon. Mit Verlaub, und so schwer es mir fällt, das zu schreiben: Ich habe "Blood from a Stone" inzwischen gelesen, und, sorry, mir erscheint Permezzas Roman eindeutig besser, stilistisch um Längen und dazu noch moderner.
Vielleicht empfinden manche das als Permezzas größtes Verbrechen: sie beweist, wie verbraucht mittlerweile das Milieu, die Figuren und die Plots der Königin des Italienkrimis sind und wirbelt sie wie ein erfrischender Sturm durcheinander. Das schmälert die Leistungen der Leone nicht im geringsten. Es erweist ihr Respekt - und einen Platz im Altenteil zu.
Wenn Franca Permezza das gewollt hätte - ich glaube, nichts wäre für sie einfacher gewesen, als Trattoni z.B. mit zwei Töchtern leben und in der Kantine essen zu lassen.

11.03.2005 21:21:36
edith prantl

Schon lange habe ich kein so ärgerliches Buch wie dieses gelesen. Die "Anlehnung" an berühmtere Autoren(innen) ist derart, dass man sich fragt, ob es die Autorin wirklich notwendig hat mit offensichtlichen Namensähnlichkeiten, deckungsgleichen Tagesabläufen, identischen Familienkonstellationen und dergleichen zu agieren. Nichts gegen eine Krimipersiflage - auf wen auch immer, aber diese ist doch zu vordergründig und ohne Subtilität. Das Fehlen von "tags vor oder hinter Dialogzeilen" (s.o.) wird durch oftmalige Wiederholung der Redewendung "come desidera" wettgemacht. Auch sind die Gespräche zwischen Trattoni und "seinem" Vizequestore so, dass man sicht fragt, warum der Kerl nicht schon längst entlassen oder degradiert wurde. Und selbst für italienische Begriffe scheint mir das mutwillige Zerstören eines polizeilichen Schnellbootes, nur um dem Vorgesetzten eins auszuwischen, etwas übertrieben.

Nun kann man sagen, ich hätte den Witz nicht verstanden oder es entspräche nicht meinem Geschmack - in Ordnung. Dass in Büchern Druckfehler sind, kann vorkommen, deutet aber nicht gerade auf sorgsame Arbeit hin und ist in Zeiten von Rechtschreibprogrammen nicht unbedingt nötig . Es überrascht aber, wenn Personen, deren Namen immer in italienischer "Schreibweise" vorkamen, plötzlich eingedeutscht werden.

Und so rufe ich trotz einiger Bedenken wegen erheblicher Qualitätsschwankungen "Lang schreibe Donna Leon".

04.03.2005 12:01:38
Uwe Goerlitz

Daß Franca Permezza uns neben einem interessanten Plot auch noch ein Rätsel ueber ihre (Nicht-)Existenz aufgibt, ist ein erfreuliches Bonmot, sollte aber nicht zu sehr davon ablenken, daß mit Prosciutto di Parma ein stilistisch moderner Roman vorgelegt wurde.

Auf angenehme Weise, dem Lesefluß und sprachlichen Ausdruck dienend, verzichtet die Autorin bei Dialogen weitgehend auf die Ausnutzung der Bandbreite von tautologisch wirkenden tags, ganz im Gegensatz etwa zu Donna Leon. Volker Hage hat in dieser Hinsicht jüngst im Spiegel u. a. auf das unglückliche Verwenden von Verben hingewiesen – nicht bezogen auf Permezzas Roman, sondern auf Eva Menasses Vienna.

Nein, diese längst nicht mehr moderne, nicht nur Anfängern eigene (sondern auch gestandener Autoren, etwa Dan Brown – Meteor; Diabolus; Martin Cruz Smith – Treue Genossen; Peter Prange Die Prinzipessa; Barbara Abel – Nichts schöner als der Tod; Charlotte Link – Sturmzeit; Noah Gordon – Die Erben des Medicus; u. v. a. m.) Unart, Figuren „murmeln“, „erwidern“, „erklären“, „seufzen“, „fortfahren“, „drängen“, „grunzen“, „schrillen“, „vorschlagen“, „antworten“, usw. zu lassen und als tag vor oder hinter die Dialogzeile zu schreiben, findet sich kaum in Permezzas Roman. Und sie ein Füllwort-Syndrom, der überflüssige Einsatz von Adverbien, ist auch nicht auszumachen. Und das ist gut so. Es weist insofern nicht nur auf der Autorin Verständnis für zu lesende Sprache hin, sondern auch auf das des Lektorats. Schon Hemingway kam im wesentlichen mit „sagte“ und „fragte“ aus. Nun ist Hemingway zwar nicht mehr modern, doch diese einfachen tags sollten es sein.

Permezzas Roman ist ein gehörig Maß and Schreibspaß anzumerken, und ein kaum minder Maß an Süffisanz. Anlehnungen an berühmte(re) SchriftstellerInnen sind nicht verboten, und von etwaigem Plagiat, wie mit Fragezeichen in der Fachpresse mitunter geunkt wurde, kann keine Rede sein. Der Ansicht von Peter Kümmel, es handele sich bei Prosciutto di Parma um eine „Fälschung“ hinsichtlich Donna Leons Romanen, kann ich mich auch nicht anschließen, denn Fälschung hieße ja, es wäre eine Raubkopie erstellt worden. Mit Prosciutto di Parma liegt m. E. schlicht ein Kriminalroman vor, der lesenswerter ist als alles, was etwa von Donna Leon bisher ins Deutsche übersetzt wurde.

03.03.2005 16:45:26
Hannah Bodmer

Permezzas „Prosciutto di Parma“ - Dekonstruktion einer Krimi-Reihe
Es ist gewiß nicht alltäglich, daß ein deutscher Verlag bereits vier Wochen nach dem Erstverkaufstag dem Buchhandel mitteilen kann, daß er die zweite Auflage drucken läßt. Dieser Roman, das haben nahezu sämtliche Rezensenten erkannt, polarisiert.
Was bisher selten deutlich gesagt wurde: Permezza dekonstruiert das Schema der Venedigkrimis der Donna Leon, zitiert zahlreiche Versatzstücke, und erzählt einen Kriminalfall, der bisher - und das will etwas heißen angesichts der Fülle von Krimis - noch nie erzählt wurde.
Dabei ist ihr Kommissar ein gebrochener, vergeßlicher alter Mann, der die für den klassischen Kriminalroman kennzeichnende Annahme, die Ratio, diese Errun-genschaft der Aufklärung, könne jeden Verbrecher dingfest machen, längst als irrational erkannt hat. Trattoni löst seine Fälle mit Intuition und verstößt bei seinen Ermittlungen regelmäßig gegen Dienstvorschriften. Er nimmt wahr, daß, spätestens mit der Globalisierung, auch die klassischen Methoden wie die Suche nach Spuren und Motiven obsolet geworden sind.
Er empfindet die gesellschaftlichen Verhältnisse als Chaos, dem er durch gleichfalls chaotisches Verhalten begegnet. Er hat es mit syrischen und türkischen Verdächtigen zu tun. Wenn er den Täter aufspürt, dann mit Hilfe seiner halbwüchsigen Kinder, die mit den Gebräuchen muslimischer Einwnderer besser vertraut sind als er. Sein Interesse und seine Liebe gelten zuerst seiner Familie sowie der italienischen Küche, mit der sich Permezza aller-dings delikater beschäftigt als C.E. Gadda. Es ist auffällig, wieviel sich in diesem Roman spiegelt: die Bilder in der Galerie der Ehefrau Trattonis sind nicht signiert und ein gefälschtes Gemälde hängt im Büro des stellvertre-tenden Polizeichefs. Der prosciutto, der Parmaschinken, ist gefälscht, und als "Schinken" wird manchmal auch ein dickes Buch bezeichnet. Schließlich hat Permezza - wenn es sie denn überhaupt gibt - über Kunstfälschungen promo-viert.
Wie zu erwarten, spielt Permezza auch mit den Namen ihrer Protagonisten. Gewiß, der Name des Sergente Vitello erinnert auf den ersten Blick ebenso an Leones Vianello wie Permezzas Elektra an Leones Elettra, aber Vitello heißt in Italien auch ein Kalb. Junge, unerfahrene Kälbchen nannte schon Federico Fellini "Vitelloni". Elektra, nein, der Name verweist nicht nur auf Leones Elettra, sondern, für mich deutlicher, auf die Elektra des Euripides, die in Permezzas Roman anfangs neben ihrem Schreibtisch tanzt wie die des Euripides am Ende des Dramas, wenn sie ihre Rache vollendet hat. Zugegeben, auch ich habe nicht sofort bemerkt, daß Tadeusz / Tadzio, der homosexuelle Verdäch-tige, den Namen des polnischen Objekts der Begierde Aschenbachs im "Tod in Venedig" trägt. Daß der Vize-Polizeichef Berlusco heißt und von seinen Mitarbeiter Duce, d.h. Führer, genannt wird, sind allerdings überdeutliche Anspielungen auf Berlusconi, den Permezza gleichsam nebenher, gewaltig über-treibend, zum Wiedergänger Mussolinis erklärt.
Im Gegensatz zu vielen post-modernen Texten, die leider oft kopflastig sind und ohne Erkennen der Verweise wenig hergeben, ist Permezzas Prosciutto durchgängig ein Lesevergnügen, weil sie gekonnt flüssig erzählt und die - nur in Deutschland noch übliche - Unterscheidung zwischen Hochliteratur und Tri-vialliteratur ad absurdum führt. Das war in den Siebziger Jahren ein Konzept der französischen Postmodernisten, das leider nur selten so überzeugend ver-wirklicht wurde wie hier. Permezza erzählt auf mehreren Textebenen. Wer den ungewöhnlichen Krimiplot schätzt, kommt ebenso auf seine Kosten, wie der an Bildender Kunst und Kunstfälschung interessierte Leser. Kenner des Kriminal-romans dürfte gefallen, daß Permezza den Meistern des Genres höflich ihre Referenzen erweist. Jorge Luis Borges spart sie zwar aus, aber dieser Roman läßt an seine unendliche Bibliothek denken, in denen Texte von Texten leben.
Wer sich für die Poetik des Kriminalromans interessiert sei noch auf die vorzügliche Arbeit von Alida Bremer, "Kriminalistische Dekonstruktion", 1999 bei Königshausen & Neumann hingewiesen. Nicht nur in Permezzas Krimi steckt mehr, als sich auf den ersten Blick erschließt.