Die Pythagoras-Morde

Erschienen: Januar 2005

Bibliographische Angaben

  • Buenos Aires: Planeta, 2003, Titel: 'Crímenes imperceptibles', Seiten: 246, Originalsprache
  • Frankfurt am Main: Eichborn, 2005, Seiten: 205, Übersetzt: Angelica Ammar
  • München: Heyne, 2006, Seiten: 206
  • München: Heyne, 2008, Seiten: 206

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Lars Schafft
Mathematik und Literatur — eine lesenswerte Mixtur!

Buch-Rezension von Lars Schafft Feb 2005

Von einem besonders warmen Empfang in Oxford kann für den jungen argentinischen Austauschstudenten keine Rede sein. Kaum richtig auf der Insel angekommen und kaum eingelebt, muss er die Leiche seiner Vermieterin in ihrem Wohnzimmer auffinden. Alles sieht nach einem sehr gewöhnlichen Mord aus, sowohl aus Sicht des ermittelnden Inspectors Petersen als auch aus Sicht Professor Arthur Seldoms, der den Argentinier bei seiner Entdeckung begleitet hat. Dennoch: Raubmord scheidet aus — es wurde schließlich nichts gestohlen und auch wirkliche Feinde Mrs. Eagletons, der gelähmten Dame im Rollstuhl mit einer Leidenschaft für Scrabble, wollen sich nicht wirklich auftun.

Ganz so gewöhnlich, wie der Mord scheint, war er allerdings doch nicht, wie Seldom, seines Zeichens Oxforder Mathemathik-Koryphäe und Autor eines Buches über die Logik von Serienmördern, seinem südamerikanischen Studenten und Inspektor Petersen eröffnet. Er, Seldom, habe vorher eine kleine Notiz erhalten: "Nummer eins in der Reihe". Darunter Mrs. Eagletons Adresse und "3 p.m.", wie eine Verabredung. Das Bemerkenswerte sei aber ein Detail, ein kleiner, perfekt gezeichneter Kreis.

Der Mathematik-Professor analysiert Serienmorde

Grund genug für die Mathematiker und Petersen, zu orakeln. Denn Seldom behauptet in seinem Buch, dass es sich bei den meisten Fällen von Serienkillern "eher um Fälle für eine psychiatrische Analyse als um wirklich logische Rätsel" handele. Ergo gebe es ihn nicht, den perfekten, "intellektuellen Mord" — außer in Krimis oder so geschickt verübt, dass der Mord als solcher gar nicht wahrgenommen worden ist.

 

"Ich verstehe, sagte Petersen, "Sie denken, dass jemand, der Ihr Buch gelesen hat, die Herausforderung angenommen haben könnte. Und in diesem Fall wäre der Kreis..."
"Vielleicht das erste Symbol einer logischen Reihe", ergänzte Seldom.

 

Wie befürchtet folgt dem ersten Mord ein zweiter und ein dritter. Seldom wird vorher "gewarnt", doch will sich keine direkte Reihe erkennen lassen. Natürlich haben Seldom und der junge (übrigens namenlose) argentinische Ich-Erzähler ihre Theorien, doch sehen sie keinen Zusammenhang zu den Ermordeteten. Lediglich eins fällt auf: Der Mörder scheint auf eine bestimmte Art fürsorglich und mitleidend zu handeln, er scheint sich Opfer auszusuchen, die eh sehr bald das Zeitliche gesegnet hätten. Mrs. Eagleton litt an Krebs, Toter Nr. 2, ein Neunzigjähriger, lag bereits komatös im Krankenhaus und wurde seit Jahren künstlich beatmet. Toter Nr. 3, ein Musiker, erstickt während eines Konzerts vor Publikum, war an einem Lungenemphysem erkrankt.

Die Symbol-Folge des Killers

Doch was will der Täter bezwecken? Tatsächlich den Mathematiker herausfordern? Aufzeigen, dass es den perfekten Mord eben doch gibt? Als Seldom mutmaßt, dass die Symbol-Folge des Killers auf den uralten, ausgelöschten Orden der Pythagoräer hindeutet, ist das Verwirrspiel komplett. Und die logische Folge der Symbole noch nicht abgeschlossen...

Etwa 200 Seiten ist Guillermo Martinez´ Kriminalnovelle nur lang. Es müssen halt nicht immer dicke Wälzer werden, um einen clever-kniffligen Plot zu entwickeln und einige interessante Charaktere zu zeichnen. Beides ist dem 1962 geborenen Argentinier bestens gelungen. Und Leser, die schon zu Schulzeiten mit Mathe auf Kriegsfuß standen, können aufatmen. "Die Pythagoras-Morde" ist keineswegs ein dröger Rätselkrimi für Zahlenkünstler oder Logik-Akrobaten. Vielmehr hat Martinez einen "klassisch-britisch" angehauchten, intelligent gestrickten Roman abgeliefert, dem es zwar nicht an Spannung mangelt, aber gänzlich auf Serienkiller-Klischees, Mystik-Thriller-Plattitüden und Brutalität verzichtet.

Martinez spielt auf eine sehr lesenswerte Art mit dem Genre

Martinez, der 2003 ein Essay über Jorge Luis Borges geschrieben hat ("Borges y la mathemática"), spielt so auf eine sehr lesenswerte Art mit dem Genre. Ein Mathematiker, der über Serienmorde schreibt. Eine junge Krankenhaus-Angestellte (mit der der Ich-Erzähler nebenbei bemerkt erfolgreich anbändelt), wie verrückt Kriminalromane liest und nur dadurch schon selbst einen Fall gelöst hat. Ein Mörder, der möglichst keinem weh tun möchte. Gespickt mit einer Überaschung nach der anderen, Pointe auf Pointe und einem für einen Logiker — Martinez ist selbst Doktor der Mathematik — mehr als würdigem Finale, ergibt dies einen Kriminalroman, der von vorne bis hinten auf eine angenehm unaufgeregte Art zu fesseln weiß.

Die Pythagoras-Morde

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