Der enthauptete Großonkel

Erschienen: Januar 1995

Bibliographische Angaben

  • Garden City, N.Y.: Doubleday, 1937, Titel: 'The Search for My Great Uncle’s Head', Originalsprache, Bemerkung: als Peter Coffin
  • Zürich: Diogenes, 1995, Seiten: 362, Übersetzt: Andre Simonoviescz

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Michael Drewniok
Erbschleicher-Treffen im einsamen Landhaus

Buch-Rezension von Michael Drewniok Nov 2004

Zwanzig Jahre hat Peter Coffin, Professor für Englische Geschichte an einer kalifornischen Universität, seinen Großonkel Tobias nicht mehr gesehen. Nun erhält er die Einladung in dessen feudalen, aber abseits am Lake Crystal gelegenen Landsitz nahe Traverse City in Michigan. Der alte Mann will vor seinem Tod noch einmal die Verwandtschaft um sich versammeln.

Da es eine ganze Menge zu erben gibt, sperren sich die noch lebenden Coffins nicht und reisen schleunigst an. Sie werden von Tobias höchst unfreundlich empfangen. Der Alte wirft ihnen Versagen im Leben und Erbschleicherei vor. Die Empörung ist groß, aber eine Abreise unmöglich: Ein Unwetter tobt, und um das einsame Haus schleicht außerdem Elmer Glunt, ein aus der Irrenanstalt entsprungener Massenmörder, der seinen Opfern den Kopf abzuschlagen pflegt.

Peter ist es, dem Tobias interessante Offenbarungen bezüglich seines jüngst geänderten Testaments ankündigt. Was er damit meint, wird sein Geheimnis bleiben: In der Nacht findet man Tobias in seinem Arbeitszimmer - tot und enthauptet, der Kopf ist verschwunden! Eine eilig anberaumte Suche im Haus bleibt erfolglos. Sheriff Wilson, hauptberuflich im Samenhandel tätig, zeigt sich nicht als Ausbund kriminalistischer Begabung.

Auch Onkels Kopf macht die Sammlung nicht komplett ...

Wohl oder übel nimmt Peter die Fäden in die Hand. Leider nimmt seine Verwandtschaft den weltfremden Professor nicht Ernst. Dieser führt sich als Amateur-Ermittler zunächst freilich ziemlich ungeschickt auf. Als noch in der Mordnacht Tobias' Arbeitszimmer durchsucht wird, ist er es, dem der unerkannt bleibende Einbrecher einen heftigen Hieb mit dem Schürhaken versetzt.

Trotzdem setzt sich in Peters schmerzendem Schädel die Erkenntnis durch, dass nicht unbedingt Glunt der mysteriöse Schurke ist. Die Mitglieder der Familie Coffin benehmen sich selbst verdächtig. Wollte womöglich jemand dem enterbenden Zorn des alten Tobias zuvorkommen? Dann allerdings ist die Gefahr weiterhin akut.

Pech für Peter, dass er offenbar als Haupterbe vorgesehen war. Das lässt seine Beliebtheit weiterhin schwinden, lockt aber den Mörder aus der Reserve. In dem alten Haus am See belauern sich die Coffins, während der wahnsinnige Glunt weiterhin sein Unwesen treibt. Und wo ist eigentlich Tobias Coffins Kopf geblieben ...?

Wie mit Entsetzen echter Scherz getrieben wird

Bereits die Handlung verrät im Grunde, dass "Der enthauptete Großonkel” nicht gerade ein ernsthafter Vertreter seiner ehrwürdigen Gattung ist. Prinzipiell gehört dieser Roman ins Genre des "Whodunit”, dessen Autoren gern eine Gruppe verdächtiger Personen an einem isolierten Ort versammeln, der dann Schauplatz eines "unmöglichen” Mordes wird.

Aber der Verfasser ist Jonathan Latimer, den die in der Kriminalliteratur etwas bewanderten Leser als echten Witzbold kennen. Er schuf einige der schönsten Thriller der 1930er Jahre, die Spannung mit Humor zu verbinden wissen. "Sophisticated” nennt man den Ton, in dem Geschichten von bizarren, durchaus blutigen Verbrechen erzählt werden. Mit knochentrockenem, aber pechschwarzem Humor präsentiert der Autor ein kunstvoll gestricktes, völlig unwahrscheinliches Garn, wie es in den überdrehten "Screwball”-Komödien Hollywoods - Latimer war ein erfolgreicher Drehbuchautor - in dieser Phase überaus beliebt war.

Die "Thin Man”-Reihe mit dem ständig angesäuselten Hobby-Detektiv Nick Charles und seiner neugierigen, schwerreichen Gattin Nora fällt einem da ein, aber "Der enthauptete Großonkel” spielt gleichzeitig mit Klischees, die Gruselklassiker wie "The Cat and the Canary” (1927) oder "The Old Dark House” (1932) zu Kino-Blockbustern ihrer Ära machten.

Latimer zieht praktisch jede Szene aus solchen und vielen anderen Filmen und Romanen heran, um sie geradezu lustvoll gegen den Strich zu bürsten. In dunkler Nacht krachen Blitz & Donner, ein Irrer geistert durch das riesige, uralte Haus, dessen Bewohner sämtlich etwas zu verbergen haben. Was in Gefahr gerät, veraltet und langweilig zu geraten, entwickelt sich unter Latimers Feder spielerisch nostalgisch, dabei jederzeit flott und zügig und steckt voller Überraschungen.

Jede/r ist irgendwie verdächtig

Die Figuren passen zum Ambiente. Sie bewegen sich hart an der Wende zur Karikatur. Da haben wir als zentralen Helden einen ungeschickten Geschichtsprofessor, der - das ist Latimers Prinzip - quasi gegen jede Regel kriminalistischer Ermittlungen verstößt. Natürlich gibt es einen verschwiegenen oder besser undurchsichtigen Butler, der sehr leichtfüßig aufzutreten und zu verschwinden versteht, sowie einen seltsamen "Doktor”, dessen Rezepturen man lieber nicht ausprobieren möchte. Der Sheriff ist eher ein Original als ein Kriminalist; er vermeidet es tunlichst, Großonkel Tobias' kopflose Leiche zu betrachten und lässt sich lieber aus zweiter Hand davon berichten. Dann taucht auch noch ein Colonel Black auf, der lieber über Shakespeares und Viehzucht schwärmt als sich als Detektiv zu betätigen - und damit alle Beteiligten hinters Licht führt. Die Ehefrauen der Coffin-Männer sind Megären, die Söhne Tunichtgute, die Töchter oberflächlich. Eine Ausnahme bietet nur die nicht zur Verwandtschaft gehörende Joan, was Absicht ist, denn Peter Coffin benötigt ein "love interest”, ohne gleichzeitig mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen ...

Nach den Regeln ihrer Zeit ist Joan eine scheinbar selbstbewusste und emanzipierte Frau, die mit beiden Beinen fest in ihrer Welt steht. Den schauerlichen Geschehnissen im Coffin-Haus steht sie gelassen gegenüber. Tatsächlich ist Joan nur "frei” auf Zeit: Ist der Mord an Onkel Tobias gelöst, hat sie sich in den in der Krise gar nicht mehr so untauglichen Peter verliebt, den sie anschließend heiraten wird: Aus heutiger Sicht aufdringlich ist die Welt wieder in Ordnung gebracht. Dieses Klischee wusste sogar Jonathan Latimer nicht auszuhebeln ... Wir zollen der Entstehungszeit dieses Romans unseren Tribut & erfreuen uns ansonsten eines rundum gelungenen Krimi-Spaßes!

Der enthauptete Großonkel

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Letzte Kommentare:
31.03.2009 00:41:16
Nicky Name

Ich habe das Buch grade zum dritten Mal durchgelesen und finde es (mal wieder) wirklich gut. Dazu muss ich sagen, dass Latimer mein absoluter Lieblingsautor ist. Die Reihe um Privatdetektiv Crane ist auch herausragend. Kann ich nur weiterempfehlen. Jeder sollte mindestens einmal im Leben einen Latimer gelesen haben ;)

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