66095

Erschienen: Januar 2004

Bibliographische Angaben

  • New York: Atria, 2002, Titel: 'Labyrinth', Seiten: 359, Originalsprache
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2004, Seiten: 441, Übersetzt: Sonja Schuhmacher u. Rita Seuß

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Michael Drewniok
Spukstein aus der Mondwüste

Rezension von Michael Drewniok Nov 2004

Während einer der letzten Mondlandungen (und daher von der Öffentlichkeit unbemerkt) wurde er 1972 gefunden: der seltsame Steinbrocken, dem sein Entdecker die Probennummer "66095". Mysteriöse Strahlen sendet er aus, wenn man ihn unvorsichtig mit Energie "füttert". Für Menschenhirne sind sie nicht bekömmlich, da sie Depressionen und Mordlust fördern. Leider bleibt dies auf Erden unbemerkt, so dass 66095 für Jahrzehnte in einem Laborarchiv versauert. Dann experimentiert ein allzu neugieriger Forschungsassistent damit herum, bis er gollumartig dem fatalen Zauber des Steins erliegt, diesen stiehlt und zum mondsüchtig verrückten Mörder mutiert.

Szenenwechsel: Im Jahre 2007 planen die USA ihre Rückkehr auf den Mond. Dort werden supraleitende Erze vermutet, mit deren Hilfe man Alternativen der Energiegewinnung zu realisieren gedenkt, nachdem sich auf Erden die lästigen Burnusträger nicht von ihren Ölquellen vertreiben ließen. Als ideales Training für angehende Luna-Bergleute empfiehlt die NASA aus logisch recht unerfindlichen, für die Dramaturgie dieses Buch jedoch unverzichtbaren Gründen einen unterirdischen Marsch durch die Labyrinth-Höhlen im US-Staat Kentucky.

Forscher & Schwerverbrecher zieht es in die Tiefe

Mit vielen hundert Kilometern Länge ist dies eines der größten Höhlensysteme der Welt. Der Forscher Tom Burke, ein eisenharter Grottenfex, fühlt sich hier wie zu Hause. Auch sein hübsches Töchterlein Alexandra - "Cricket" gerufen - kraxelt schon tüchtig mit. Das Familienglück wäre perfekt, gäbe es da nicht die vom Schicksal gebeutelte Mutter Whitney. Einst schwang sie sich ebenfalls von Stalagmit zu Stalaktit, aber seit ihr bei einer Höhlentour vor einem Jahr die Assistentin in einem Wasserloch versank, windet sie sich in Albträumen und Seelenqualen.

Jetzt soll der kernige Tom besagte Astronautenanwärter durch das Labyrinth führen und will sogar Cricket mitnehmen! Da hängt der Familiensegen gewaltig schief. Hätten Vater & Tochter bloß auf die von düsteren Vorahnungen geplagte Mutter gehört! Denn prompt beginnt es fürchterlich zu regnen, die Höhlen füllen sich mit Wasser. Außerdem schleicht eine Horde entflohener Schwerstverbrecher - unter ihnen unser Mondsteinanbeter, der den Brocken seines Herzens (natürlich) im Labyrinth versteckt hat - hinter der Expedition her, die sich schließlich derartig in einer Sackgasse verheddert, dass Rettung nur noch eine Ehefrau & Mutter mit dem Herzen einer Löwin bringen kann. Aber leidet Whitney nicht unter ihrer schlimmen Phobie? Und ob, aber wie durch ein Wunder ... und dann in der Dunkelheit ... Kampf gegen Kälte, Sturzbäche, Steinschlag & geile Strolche ... als schließlich der irre Mörder ...

Ein Thriller als B-Movie-Vorlage

Wie kommt man möglichst rasch von der Oberfläche des Mondes in den Schlund einer irdischen Riesenhöhle? Unter großzügiger Umgehend jeglicher Logik - das sollte zumindest für den Fan des aktuellen Hollywood-Katastrophenthrillers à la "The Day after Tomorrow" oder "Sky Captain & the World of Tomorrow" eine einfach zu beantwortende Frage sein.

Diese Parallelen werden hier nicht grundlos gezogen, bietet sich "66095" als Vorlage für einen Film geradezu schamlos an. Jedes Kapitel zerfällt bereits in einzelne kurze Sequenzen, spannungsförderliche Szenensprünge sind ebenfalls berücksichtigt. Auch die Darsteller wurden streng nach Blockbuster-Proporz besetzt, aber dazu weiter unten Näheres.

Wissenschafts-Thriller - nicht ganz Krimi, Science Fiction oder Horror, sondern irgendwie dazwischen schwebend - sind "in"; vermischt wird das möglichst laborferne Getümmel gern mit Rätseln aus ferner Vergangenheit. Sind es nicht von übelboldigen Päpsten irgendwo im Vatikan versteckte Zusatz-Evangelien, dann sicherlich Hinterlassenschaften versunkener Uralt-Zivilisationen oder Artefakte missionswilliger Außerirdischer, denen mit Hightech und Lara-Croft-Sprüngen über Stock und Stein nachgejagt wird.

An die bewährten Bestandteile dieser Rezeptur hält sich Autor Mark T. Sullivan mit sklavisch anmutender Gefolgschaftstreue. Er will offenkundig den Erfolg - beim "normalen" Publikum und beim Testleser für potenzielle Drehbücher. Um dies zu erreichen, ist ihm kein Trick zu billig, d. h. kein Klischee zu ausgelaugt. Wir brauchen einen schmissigen Einstieg als Vorspann vor den Titeln? Bitte sehr, lassen wir Brummstein 66095 eben auf dem Mond finden, obwohl der im weiteren Verlauf der Handlung (oder überhaupt) nicht die geringste Rolle spielt!

Höllenjagd über mindestens drei Ebenen

Ansonsten lasse man sich als Leser/in besser in den Bann der Höhlenwelt ziehen, die Sullivan durchaus eindrucksvoll in Szene setzt. Dann ist es womöglich nicht ganz so störend, dass es hier im nassen Dunkel primär kreuz & quer und dann quer & kreuz geht. Gut und Böse jagen einander um die Tropfsteine, durch Schlupflöcher und Winkel, während ihnen das Wasser buchstäblich bis zum Hals steigt. Aus dieser einfachen, erprobten (und ausgelutschten ...) Konstellation entwickelt der Verfasser sein turbulentes Garn - und mehr ist es nicht.

Weil Sullivan - ganz anders als "Kollegen" wie James Rollins, Matthew Reilly oder andere Buchladen-Ärgernisse - wenigstens sein Handwerk als Unterhaltungsautor versteht, nimmt man ihm seinen Schreibdienst nach Vorschrift erst in der Figurenzeichnung wirklich übel.

Diese Figuren sind von Pappe ...

Denn hier kommt’s knüppeldick - für die Protagonisten, aber auch für die Leser. Dabei sollte Pappkameraden in einer so feuchten Umgebung wie dem Höhlenlabyrinth eigentlich keine lange Lebensdauer beschieden sein ... Leider scheint Autor Sullivan das mineralreiche Wasser zu nutzen, um damit seine Instant-Figuren aufzubrühen.

Zwar ist ein Thriller des Kalibers "66095" vor allem oder sogar ausschließlich der reinen Unterhaltung geschuldet. Ein wenig zu einfach macht sich Sullivan seinen Job aber doch. Da ist kaum ein Klischee, das er nicht irgendwann aufgreift. Wie mit der stumpfen Axt aus einem Holzkloben gehauen stehen die Protagonisten vor uns: die taffe, aber in den dramatischen Momenten schwache, natürlich schöne Frau und gute Mutter, die sich selbstverständlich zum Wohle ihrer Lieben exakt dem stellen muss, das sie am meisten fürchtet (Whitney Burke); die verfolgte Unschuld, jugendlich frisch und ungestüm, belauert von geilen Ganoven (Cricket); der überforderte, aber gutwillige und langmütige Geliebte und Vater, an dessen starke Brust sich Gattin und Tochter zuverlässig flüchten können (Tom Burke).

Dann gibt es als offiziellen Repräsentanten des Gesetzes den US-Marshall Damian Finnerty - auch so ein eindimensionaler Gutmensch, der gegen beschränkte Vorgesetzte, eiskalte Polit-Bürokraten, neidische Strolchfänger-Konkurrenz aus den eigenen Reihen und seine eingeschränkte Spermienzahl kämpfen muss. Für eine Weile gesellt sich sogar eine indianische Polizeifrau dazu. (Natürlich gibt es in einer größeren Nebenrolle auch einen dunkelhäutigen Mitspieler - Mr. Sullivan hat an alles gedacht ...)

Nie waren Strolche strolchiger ...

Auf der anderen Seite stehen der übergeschnappte, brutale, hässliche Finsterling (Gregor) und seine vertierten Kumpane, die sich schier zerreißen, um das gesamte Ausmaß ihrer Tücke offenbar werden zu lassen. So stark übertreibt es Sullivan damit, dass sich der Kenner der jüngeren Filmgeschichte fragt, ob schon wieder ein "Con Air"-Flugzeug mit auf "böse" geschminkten Vorzeige-Schurken abgestürzt ist ...

Sullivan weicht niemals ein Jota von diesen Standardcharakterisierungen ab. Die Lektüre ermöglicht es, selbst im Halbschlaf der Handlung zu folgen. Das ist ein bisschen wenig selbst für "leichte" Literatur. Wer es freilich vorzieht sich beim Lesen nicht anzustrengen (z. B. durch Vorstellen oder Nachdenken), der wird sich gut aufgehoben fühlen bei diesem Werk!

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