Der Teufel von Chicago

Erschienen: Januar 2004

Bibliographische Angaben

  • New York: Crown, 2003, Titel: 'The Devil in the White City: Murder, Magic, and Madness at the Fair', Seiten: 447, Originalsprache
  • Frankfurt am Main: Scherz, 2004, Seiten: 447, Übersetzt: Bernhard Robben
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2005, Seiten: 446

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Michael Drewniok
Weltglanz in der Schlachthaus-Stadt?

Buch-Rezension von Michael Drewniok Okt 2004

Chicago im US-Staat Illinois hat sich im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts von einer Provinzstadt zur Handelsmetropole entwickelt. Nur New York zählt mehr Einwohner, und diese Stadt ist denn auch der große Rivale Chicagos. Als Bewohner einer "windigen Stadt" müssen sich die stolzen Bürger verlachen lassen. Davon haben sie endgültig genug. Dem Ruf ist es zudem wenig hilfreich, dass in Chicago die größten Schlachthäuser des Kontinents rund um die Uhr arbeiten.

Ein Zeichen soll 1890 gesetzt werden. Im Vorjahr hat die Weltausstellung im europäischen Paris für weltweites Aufsehen gesorgt. Die großen und mächtigen Länder dieser Erde haben sich vor allem mit ihren technischen Errungenschaften präsentiert. Die USA waren kläglich von den Europäern deklassiert worden. Das wurmt die stolzen Amerikaner gewaltig. In Chicago treffen sich reiche und mächtige Männer und beschließen, im Sommer 1893 eine noch viel größere und prächtigere Ausstellung zu realisieren, die zeigen soll, wer auf dieser Welt zukünftig das Sagen haben wird!

 

 

Erik Larson:

 

Erik Larson (geb. 1954) wuchs in Freeport, Long Island, auf. Er absolvierte die "University of Pennsylvania, die er mit einem Abschluss in Russischer Geschichte verließ. Klugerweise ergänzte er dies mit einem Studium an der "Columbia Graduate School of Journalism". Im Anschluss arbeitete er viele Jahre für diverse Zeitungen und Magazine.

Inzwischen hat Larson vier Sachbücher veröffentlicht, von denen "Isaac's Storm" (1999, dt. "Isaacs Sturm") ihm Weltruhm brachte. Der Autor lebt mit seiner Familie in Seattle.

 

Der Traum von Utopia in Weiß

Der renommierte Architekt Daniel Hudson Burnham ist der Wortführer dieser Gruppe. Sein Wort zählt viel in den USA. Überall ragen die von ihm entworfenen "Wolkenkratzer" in die Höhe. Keine Kosten und Mühen scheut dieser Mann, der begeistern kann und die Unentschlossenen mitreißt. Burnham plant die "Weiße Stadt", ein Utopia auf Zeit, das vom menschlichen Können künden und natürlich Chicagos Ruhm mehren soll.

Die Umsetzung der hochfliegenden Pläne stellt die Stadt vor eine Zerreißprobe. Die Kosten sind selbstverständlich ein Problem. Aber vor allem ist niemand bisher ein Projekt dieser Größenordnung angegangen. Die Zeit drängt, Unwetter, Misswirtschaft, Kompetenzrangeleien und wuchernde Ausschüsse behindern die ohnehin unter permanentem Zeitdruck stehenden Vorbereitungen. Immerhin sind Arbeitskräfte billig in einer Welt ohne Arbeitsschutz. Rund um die Uhr wird auf einer der größten Baustellen aller Zeiten geschuftet. Unfälle sind an der Tagesordnung, der Blutzoll ist gewaltig. Doch danach fragt niemand - neue, unverbrauchte Menschen ziehen jährlich zu Tausenden nach Chicago.

Ein Pionier des modernen Serienmordes

Das organisatorische Durcheinander gewährleistet auch einem anderen Mann die Realisierung eines Traums. Der junge Arzt und Drogist Herman Webster Mudgett sucht das Gewimmel der großen Stadt, um ungestört seinem Wahn frönen zu können: Er verführt, ermordet und zerlegt junge Frauen. Chicago bietet ihm in dieser Beziehung ungeahnte Möglichkeiten. Unter dem Decknamen Henry Howard Holmes baut er ein großes Haus, das er zu einer Festung und Frauenfalle ausbaut. Das Zentrum seiner Burg: eine große, sorgfältig eingerichtete, schalldichte Tötungskammer samt Krematorium. Hier lässt Holmes seine inneren Dämonen von der Kette und ergötzt sich am Todeskampf seiner Opfer. Jahre währt sein Terrorregiment, denn Chicago ist groß, die Polizei korrupt und unfähig. Holmes gilt zudem als Gentleman, die verschwundenen Frauen gehören zu gesellschaftlichen Schichten, deren Schicksal niemanden interessiert. So wird Holmes immer dreister, seine Mordlust steigert sich, ohne dass ihm jemand Einhalt gebietet ...

Der Arzt als (fast) perfekter Mörder

Eine fantastisch anmutende Horrorgeschichte, tatsächlich genauso geschehen: Die große Weltausstellung, die doch nur Gutes über ihre vielen Millionen Besucher bringen soll, perfektioniert die Tarnung eines Mannes, der Jack the Ripper, aber auch die meisten Serienmörder, die nach ihm kommen sollten, zu Waisenknaben degradiert. H. H. Holmes ist der womöglich erfolgreichste und grausamste Mörder der Neuzeit. Der disziplinierte, hochintelligente Psychopath tötet nicht für eine Idee oder ein Programm, sondern ausschließlich zum eigenen Vergnügen und für Geld.

Sein "Erfolg" basiert vor allem auf der Tatsache, dass die Welt auf jemanden wie ihn nicht vorbereitet ist. Serienmörder gab es zwar schon vor 1890. Sie blieben jedoch Ausnahmeerscheinungen (soweit man dies sagen kann - wer weiß schon, wie viele dieser Killer nie erwischt, ihre Untaten nicht aufgezeichnet wurden). Jack the Ripper schien 1888 in London ein erster Vorbote dieser seltsamen Spezies gewesen zu sein. Aber vor allem die Vereinigten Staaten würden sich in den folgenden Jahrzehnten als wahre "Wiege" des Serienmordes erweisen.

Industrialisierung & Serienmord?

Erik Larson verknüpft diese Beobachtung mit der schon älteren These, dies sei so geschehen, weil Serienmörder à la Holmes quasi ein Produkt der industrialisierten, großstädtischen, anonymen Gesellschaft seien, die um 1900 und dann vor allem in den USA ihren Aufschwung nahm. Holmes hat selbst in seinen Memoiren auf die Möglichkeiten hingewiesen, die ihm Chicago bot: Ein Wolf in einer riesigen Herde kann viele Opfer reißen, bis man ihn bemerkt.

Dies gilt um so mehr, wenn besagte Herde in Aufruhr ist. Chicago 1893 beschreibt Larson als Hexenkessel. Die Stadt wächst praktisch ohne kommunale Aufsicht. Niemand weiß genau, wie viele Menschen hier leben. Es ist kein Problem, unter falschem Namen ein neues Leben zu beginnen. In einer Welt praktisch ohne Fernkommunikation oder überregional aktive Gesetzeshüter kann auch ein Krimineller wie Holmes sich in Chicago sicher fühlen.

Zwar wurde H. H. Holmes schon früher als True-Crime-"Held" von mehreren Autoren verewigt. Erik Larson schwebte allerdings ein ehrgeizigeres Projekt vor. Er wollte keine der üblichen, auf sich selbst beschränkten "wahren" Kriminalgeschichten erzählen. Andere Fragen beschäftigten ihn. Wie kann es beispielsweise geschehen, dass ein Serienmörder vom Kaliber dieses H. H. Holmes so lange sein Unwesen in einer dicht bevölkerten Stadt treiben kann?

Reise in eine fremde Vergangenheit

Holmes muss Chicago in einem besonderen, ihn begünstigenden Augenblick betreten haben, so Larsons Schlussfolgerung. Er weitet sein Untersuchungsgebiet auf die ganze Stadt aus - und stößt das Tor zu einer fremden Welt auf. Mit Larson betreten wir eine Stadt, die ohne Strom, fließendes Wasser, Telefon oder andere moderne Selbstverständlichkeiten funktioniert. Die Straßen sind ebenso überlastet wie heute, doch es sind Kutschen, Droschken und andere Gefährte, die von Pferden gezogen über das Pflaster holpern. Geheizt wird mit Kohle, die Straßen werden mit Gas beleuchtet. Eine dichte Schwefelwolke liegt ständig über der Stadt.

Dieses alltägliche Tohuwabohu wird ab 1890 noch turbulenter. Die Ausstellung soll nach dem Willen ihres "Vaters" Daniel H. Burnham die Welt nach Chicago holen. Dem Historiker Larson bietet dies eine einmalige Chance: Er findet in seinem Untersuchungsgebiet einen "dreidimensionalen Schnappschuss" der Welt am Ende des 19. Jahrhunderts. Leben und Wirken der Beteiligten sind - der Bedeutung des Ereignisses angemessen - gut dokumentiert. Larson steht vor wohl gefüllten Archiven. Er beweist eindrucksvoll, was man aus solchem Material machen kann.

Die Poesie des Alltags & des Grauens

Damit nicht genug: Larson hat schriftstellerisches Format. Das verrät nicht nur die (sorgfältig übersetzte) Prosa, die durchaus literarische Qualitäten erreicht. Durch die Geschichte Chicagos und seiner Weltausstellung "führen" zwei Figuren. Burnham & Holmes verkörpern die gute und die böse Seite ihrer Ära. Sie leben und "arbeiten" beide in Chicago, eine Stadt, die diese Dualität geradezu filmreif unterfüttert, gilt sie doch nicht nur als moderne Metropole, sondern auch als Schlachthaus Nordamerikas: In den größten Schlachthöfen der Welt verschwindet Vieh zu Millionen. Die böse Parallele zu Holmes Untaten blieb bereits den Zeitgenossen nicht verborgen.

"Der Teufel von Chicago" ist über die gesamte Distanz ein vorbildliches Sachbuch, das der Leser kaum aus der Hand zu legen vermag. Wer nunmehr ein zwar perfekt recherchiertes, brillant geschriebenes, aber letztlich trockenes Epos fürchtet, sei beruhigt: Larson lässt bei allem Wortreichtum stets die Fakten für sich sprechen, mit denen er nie hinter dem Berg hält. Seine Schilderungen dessen, was in "Dr." Holmes Horrorhaus vor sich geht, sind nach gegenwärtigen Maßstäben überaus dezent, fordern seinem Publikum aber trotzdem starke Nerven ab. Abbildungen spart Larson aus; wir sind ihm dankbar dafür.

Was übrigens nicht heißt, dass "Der Teufel von Chicago" ganz ohne Bilder daherkommt. Anlässlich der Weltausstellung hielten sich die Fotografen keineswegs zurück. Sie hielten denkwürdige Szenen einer versunkenen Epoche fest, die das im Text Gesagte wirkungsvoll unterstreichen.

 

 

Erik Larson:

 

Erik Larson (geb. 1954) wuchs in Freeport, Long Island, auf. Er absolvierte die "University of Pennsylvania, die er mit einem Abschluss in Russischer Geschichte verließ. Klugerweise ergänzte er dies mit einem Studium an der "Columbia Graduate School of Journalism". Im Anschluss arbeitete er viele Jahre für diverse Zeitungen und Magazine.

Inzwischen hat Larson vier Sachbücher veröffentlicht, von denen "Isaac's Storm" (1999, dt. "Isaacs Sturm") ihm Weltruhm brachte. Der Autor lebt mit seiner Familie in Seattle.

 

Der Traum von Utopia in Weiß

Der renommierte Architekt Daniel Hudson Burnham ist der Wortführer dieser Gruppe. Sein Wort zählt viel in den USA. Überall ragen die von ihm entworfenen "Wolkenkratzer" in die Höhe. Keine Kosten und Mühen scheut dieser Mann, der begeistern kann und die Unentschlossenen mitreißt. Burnham plant die "Weiße Stadt", ein Utopia auf Zeit, das vom menschlichen Können künden und natürlich Chicagos Ruhm mehren soll.

Die Umsetzung der hochfliegenden Pläne stellt die Stadt vor eine Zerreißprobe. Die Kosten sind selbstverständlich ein Problem. Aber vor allem ist niemand bisher ein Projekt dieser Größenordnung angegangen. Die Zeit drängt, Unwetter, Misswirtschaft, Kompetenzrangeleien und wuchernde Ausschüsse behindern die ohnehin unter permanentem Zeitdruck stehenden Vorbereitungen. Immerhin sind Arbeitskräfte billig in einer Welt ohne Arbeitsschutz. Rund um die Uhr wird auf einer der größten Baustellen aller Zeiten geschuftet. Unfälle sind an der Tagesordnung, der Blutzoll ist gewaltig. Doch danach fragt niemand - neue, unverbrauchte Menschen ziehen jährlich zu Tausenden nach Chicago.

Ein Pionier des modernen Serienmordes

Das organisatorische Durcheinander gewährleistet auch einem anderen Mann die Realisierung eines Traums. Der junge Arzt und Drogist Herman Webster Mudgett sucht das Gewimmel der großen Stadt, um ungestört seinem Wahn frönen zu können: Er verführt, ermordet und zerlegt junge Frauen. Chicago bietet ihm in dieser Beziehung ungeahnte Möglichkeiten. Unter dem Decknamen Henry Howard Holmes baut er ein großes Haus, das er zu einer Festung und Frauenfalle ausbaut. Das Zentrum seiner Burg: eine große, sorgfältig eingerichtete, schalldichte Tötungskammer samt Krematorium. Hier lässt Holmes seine inneren Dämonen von der Kette und ergötzt sich am Todeskampf seiner Opfer. Jahre währt sein Terrorregiment, denn Chicago ist groß, die Polizei korrupt und unfähig. Holmes gilt zudem als Gentleman, die verschwundenen Frauen gehören zu gesellschaftlichen Schichten, deren Schicksal niemanden interessiert. So wird Holmes immer dreister, seine Mordlust steigert sich, ohne dass ihm jemand Einhalt gebietet ...

Der Arzt als (fast) perfekter Mörder

Eine fantastisch anmutende Horrorgeschichte, tatsächlich genauso geschehen: Die große Weltausstellung, die doch nur Gutes über ihre vielen Millionen Besucher bringen soll, perfektioniert die Tarnung eines Mannes, der Jack the Ripper, aber auch die meisten Serienmörder, die nach ihm kommen sollten, zu Waisenknaben degradiert. H. H. Holmes ist der womöglich erfolgreichste und grausamste Mörder der Neuzeit. Der disziplinierte, hochintelligente Psychopath tötet nicht für eine Idee oder ein Programm, sondern ausschließlich zum eigenen Vergnügen und für Geld.

Sein "Erfolg" basiert vor allem auf der Tatsache, dass die Welt auf jemanden wie ihn nicht vorbereitet ist. Serienmörder gab es zwar schon vor 1890. Sie blieben jedoch Ausnahmeerscheinungen (soweit man dies sagen kann - wer weiß schon, wie viele dieser Killer nie erwischt, ihre Untaten nicht aufgezeichnet wurden). Jack the Ripper schien 1888 in London ein erster Vorbote dieser seltsamen Spezies gewesen zu sein. Aber vor allem die Vereinigten Staaten würden sich in den folgenden Jahrzehnten als wahre "Wiege" des Serienmordes erweisen.

Industrialisierung & Serienmord?

Erik Larson verknüpft diese Beobachtung mit der schon älteren These, dies sei so geschehen, weil Serienmörder à la Holmes quasi ein Produkt der industrialisierten, großstädtischen, anonymen Gesellschaft seien, die um 1900 und dann vor allem in den USA ihren Aufschwung nahm. Holmes hat selbst in seinen Memoiren auf die Möglichkeiten hingewiesen, die ihm Chicago bot: Ein Wolf in einer riesigen Herde kann viele Opfer reißen, bis man ihn bemerkt.

Dies gilt um so mehr, wenn besagte Herde in Aufruhr ist. Chicago 1893 beschreibt Larson als Hexenkessel. Die Stadt wächst praktisch ohne kommunale Aufsicht. Niemand weiß genau, wie viele Menschen hier leben. Es ist kein Problem, unter falschem Namen ein neues Leben zu beginnen. In einer Welt praktisch ohne Fernkommunikation oder überregional aktive Gesetzeshüter kann auch ein Krimineller wie Holmes sich in Chicago sicher fühlen.

Zwar wurde H. H. Holmes schon früher als True-Crime-"Held" von mehreren Autoren verewigt. Erik Larson schwebte allerdings ein ehrgeizigeres Projekt vor. Er wollte keine der üblichen, auf sich selbst beschränkten "wahren" Kriminalgeschichten erzählen. Andere Fragen beschäftigten ihn. Wie kann es beispielsweise geschehen, dass ein Serienmörder vom Kaliber dieses H. H. Holmes so lange sein Unwesen in einer dicht bevölkerten Stadt treiben kann?

Reise in eine fremde Vergangenheit

Holmes muss Chicago in einem besonderen, ihn begünstigenden Augenblick betreten haben, so Larsons Schlussfolgerung. Er weitet sein Untersuchungsgebiet auf die ganze Stadt aus - und stößt das Tor zu einer fremden Welt auf. Mit Larson betreten wir eine Stadt, die ohne Strom, fließendes Wasser, Telefon oder andere moderne Selbstverständlichkeiten funktioniert. Die Straßen sind ebenso überlastet wie heute, doch es sind Kutschen, Droschken und andere Gefährte, die von Pferden gezogen über das Pflaster holpern. Geheizt wird mit Kohle, die Straßen werden mit Gas beleuchtet. Eine dichte Schwefelwolke liegt ständig über der Stadt.

Dieses alltägliche Tohuwabohu wird ab 1890 noch turbulenter. Die Ausstellung soll nach dem Willen ihres "Vaters" Daniel H. Burnham die Welt nach Chicago holen. Dem Historiker Larson bietet dies eine einmalige Chance: Er findet in seinem Untersuchungsgebiet einen "dreidimensionalen Schnappschuss" der Welt am Ende des 19. Jahrhunderts. Leben und Wirken der Beteiligten sind - der Bedeutung des Ereignisses angemessen - gut dokumentiert. Larson steht vor wohl gefüllten Archiven. Er beweist eindrucksvoll, was man aus solchem Material machen kann.

Die Poesie des Alltags & des Grauens

Damit nicht genug: Larson hat schriftstellerisches Format. Das verrät nicht nur die (sorgfältig übersetzte) Prosa, die durchaus literarische Qualitäten erreicht. Durch die Geschichte Chicagos und seiner Weltausstellung "führen" zwei Figuren. Burnham & Holmes verkörpern die gute und die böse Seite ihrer Ära. Sie leben und "arbeiten" beide in Chicago, eine Stadt, die diese Dualität geradezu filmreif unterfüttert, gilt sie doch nicht nur als moderne Metropole, sondern auch als Schlachthaus Nordamerikas: In den größten Schlachthöfen der Welt verschwindet Vieh zu Millionen. Die böse Parallele zu Holmes Untaten blieb bereits den Zeitgenossen nicht verborgen.

"Der Teufel von Chicago" ist über die gesamte Distanz ein vorbildliches Sachbuch, das der Leser kaum aus der Hand zu legen vermag. Wer nunmehr ein zwar perfekt recherchiertes, brillant geschriebenes, aber letztlich trockenes Epos fürchtet, sei beruhigt: Larson lässt bei allem Wortreichtum stets die Fakten für sich sprechen, mit denen er nie hinter dem Berg hält. Seine Schilderungen dessen, was in "Dr." Holmes Horrorhaus vor sich geht, sind nach gegenwärtigen Maßstäben überaus dezent, fordern seinem Publikum aber trotzdem starke Nerven ab. Abbildungen spart Larson aus; wir sind ihm dankbar dafür.

Was übrigens nicht heißt, dass "Der Teufel von Chicago" ganz ohne Bilder daherkommt. Anlässlich der Weltausstellung hielten sich die Fotografen keineswegs zurück. Sie hielten denkwürdige Szenen einer versunkenen Epoche fest, die das im Text Gesagte wirkungsvoll unterstreichen.

Der Teufel von Chicago

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Letzte Kommentare:
01.09.2008 13:19:30
Vogelsang, Hildegard

bauconsulting zu "Erik Larson: Der Teufel von Chicago".
Konnte das Buch kaum zur Seite lesen, zum einen ein Krimi, zum anderen viel Geschichte. Einfach fantastisch. Habe mir anschließend über ein Antiquariat in New York das Buch "The Holmes-Pitezel Case" gekauft, welches der Detective Frank P. Geyer nach seiner Pensionierung über diesen Fall geschrieben hat.

29.12.2007 10:55:05
Ann-Katrin

Also ich bin 16 habe aber das Buch mit 15 gelesen. Ich fand es sehr interessant mit der Weltausstellung, ich konnte mir auch gut alle Charaktere merken. Jedoch wird es an manchen Stellen etwas zähflüssig, wenn zuviel über historische Fakten geschrieben wird.

13.08.2007 13:30:38
Natasa Gajic

ich wuerde das buch eher als historischen roman mit kriminalgeschichte bezeichnen, denn nur krimi ist das buch sicherlich nicht. auf jeden fall sehr lesenwert und um nicht zu vergessen, gaensehaut-erregend, sowohl bei den historischen fakten als auch bei den details der kriminalgeschichte

22.10.2005 14:43:44
pickenpack

Im "Teufel von Chicago" nur einen Krimi zu sehen, wäre komplett falsch. Immerhin nimmt die Geschichte der Weltausstellung 1893 und deren Bedeutung im Amerika der Jahrhundertwende einen größeren Teil des Buches ein. Aber egal: Ich habe es an zwei ruhigen Tagen durchgelesen. Weil es fesselt, packt, zum Träumen inspiriert (in Sachen Ausstellung). Ein großartiges, grndioses Buch!
Tipp: Erik Larsons "Isaacs Sturm" über den Hurrikan, der 1900 die texanische Stadt Galveston verwüstet statt. Ebenfalls Non-fiction vom allerallerbesten.