Das Patent

Erschienen: Januar 2004

Bibliographische Angaben

  • New York: Doubleday, 2002, Titel: 'Utopia', Seiten: 385, Originalsprache
  • München: Droemer, 2004, Seiten: 620, Übersetzt: Ronald M. Hahn
  • München: Knaur, 2005, Seiten: 620

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Michael Drewniok
Child auch ohne Preston ein Thriller-Tipp der Spitzenklasse Klischee-Terroristen auf dem Hightech-Rummelplatz

Buch-Rezension von Michael Drewniok Okt 2004

Utopia - ein Freizeitpark, wie es ihn kein zweites Mal gibt. Alles was sich dem vergnügungssüchtigen Besucher bietet, ist die perfekte Illusion. Nichts ist dem Zufall überlassen und dem staunenden Gast werden Welten vorgegaukelt, die es gar nicht gibt. Roller Coasters von unvorstellbaren geistigen und technischen Dimensionen, gesteuert von einer alles überragenden, aber nie präsenten Technik steuern die Besucherströme. So zuverlässig, wie die hier eingesetzten Roboter, kann kein Mensch arbeiten.

Doch plötzlich passieren Pannen. Pannen, die tödlich enden können. Darum muss der Erfinder dieses Neuronennetzes künstlicher Intelligenz persönlich nach dem Rechten sehen und Dr. Andrew Warne reist mit seiner vierzehnjährigen Tochter an. Sarah Boatwright ist die Geschäftsführerin dieses ultimativen Freizeitparks und sie war mit früher mit Dr. Warne liiert, was natürlich zusätzlich zu Komplikationen menschlicher Natur führt. Aber alles wird nebensächlich, als sich ein Mann namens John Doe meldet und beweist, dass er die Technik des Riesenspektakels manipuliert hat und auch vor tödlichen Maßnahmen nicht Halt macht, um das Patent zu erlangen, mit dessen Hilfe er unvorstellbar reich werden könnte. Nur Dr. Andrew Warnes ist in der Lage, ihm Paroli zu bieten ...

Lincoln Child hat auch ohne seinen kongenialen Partner Douglas Preston das Zeug zum Bestsellerautor. "Das Patent" weicht in keinster Weise vom bewährten Rezept der beiden Thrillerautoren ab. Auf 620 Seiten bietet es in gewohnter Manier Spannung von der ersten Seite an. In der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Ronald M. Hahn ist es gelungen, mit der deutschen Version ein wesentlich dichteres atmosphärisches Lesevergnügen zu schaffen, als es die amerikanische Originalausgabe bieten kann. Hier muss man dem Übersetzer wirklich ein dickes Lob aussprechen.

Die Thematik eines gigantischen Vergnügungsparks und der Background über die technischen Notwendigkeiten, sowie die Möglichkeiten des Einsatzen von künstlicher Intelligenz bei der Steuerung von Robotern, sind wie gewöhnt bestens recherchiert und können in dieser Form auch dem technischen Laien ohne Probleme vorgelegt werden, denn die gekonnte Verabreichung populärwissenschaftlichen Wissens an den Leser konnte man bereits in den bislang vorliegenden Thrillern bewundern. Während sich der Autor, wie immer, aus einer Bewertung der wissenschaftlichen Diskussion heraus hält, zeichnet er auch in "Das Patent" seine Figuren plakativ schwarz-weiß. Aber Freunde und Leser dieses Genres und vor allem der beiden Autoren wird das nicht abhalten, auch dieses Buch mit angehaltenem Atem zu verschlingen.

"Das Patent" fügt sich nahtlos in der Qualität an Vorgänger, wie "Ice Ship" oder "Riptide" an. Für dieses Buch kann man ohne Wimpernzucken eine eindeutige Leseempfehlung vergeben. Lincoln Child bleibt auch ohne Douglas Preston ein Thriller-Tipp der Spitzenklasse. (Wolfgang Weninger)

"Utopia", der derzeit größte und modernste Freizeitpark der Welt, ist eine Schöpfung des unlängst verstorbenen Zauberkünstlers und Visionärs Eric Nightingale. In der Wüste des US-Staats Nevada erhebt sich die gigantische Kuppel, unter der vier virtuelle Welten perfekter Illusionen täglich bis zu 70.000 Besucher anlocken.

Doch nun gibt es Ärger im bisher so einträglichen Paradies: Die vielen Roboter, die vor und hinter den Kulissen aktiv sind, zeigen seit einiger Zeit Besorgnis erregende Fehlfunktionen. Gerade hat eine fehlgeleitete Reparaturmaschine eine katastrophale Achterbahn-Entgleisung provoziert. Funktioniert etwa "Metanet", das neurale Netz, welches besagte Roboter zentral steuert, nicht mehr richtig? Oder noch schlimmer: Probt es den Aufstand? Dazu könnte es fähig sein, wurde es doch von seinem Schöpfer als lernfähige künstliche Intelligenz entworfen.

Sarah Boatwright, die ehrgeizige Geschäftsführerin von "Utopia", ruft diesen Schöpfer, Dr. Andrew Warne, nach Nevada. Warne kommt gern, denn mit seiner Karriere als Robotiker steht es in letzter Zeit eher schlecht. Auch lockt ihn die Anwesenheit Boatwrights, mit der ihn einst ein Verhältnis verband. Sein Erwachen kommt jäh: Die Parkleitung will das unzuverlässig gewordene "Metanet" abschalten, die Roboter durch Schauspieler ersetzen. Der Wissenschaftler wehrt sich gegen die Zerstörung seines Lebenswerks. Er ahnt nicht, dass die genannten Fehlfunktionen auf das Konto einer Bande entschlossener Industriespione gehen. Unter der Leitung des charismatischen, aber völlig skrupellosen "John Doe" haben sie "Utopia" und das "Metanet" infiltriert. Nun schlagen sie zu, postieren Heckenschützen, legen Zeitbomben, nehmen die gesamten Besucher als Geiseln, um die Herausgabe des revolutionären Patents zu erzwingen, auf dem die Attraktionen von "Utopia" basieren. Die Technik ließe sich von findigen Schurkenstaaten in eine Waffe verwandeln, die der Weltpolizei USA schwer zu schaffen machen könnte.

Wie lassen sich die Verbrecher aufhalten? Hilfe von außen kann nicht angefordert werden, ohne dass es zu einem Massaker kommt. Also schließt sich das übliche US-Normalbürger-Dreamteam weltfremder, aber schlauer Wissenschaftlern, Computerhexer, Kinder & intelligent gewordener Roboter zusammen, um dem übermächtigen Feind mit Köpfchen Paroli zu bieten ...

"Westworld"-Update ohne lästige Sozialkritik

Was im Film womöglich recht unterhaltsam anzuschauen wäre, wirkt als Roman absolut langweilig. Da stimmt es eher noch ärgerlicher, wenn der Verfasser allzu deutlich ökonomisch arbeitet und "Das Patent" wie ein Drehbuch gestaltet. Zukünftige Szenenwechsel sind bereits eingearbeitet; sie ereignen sich erfahrungsgemäß stets dann, wenn es gerade brenzlig oder sonst wie spannend wird: Fortsetzung folgt!

Dieses schlichte Konzept wird erbarmungslos durchgezogen. Es könnte ja auch funktionieren, wäre die Geschichte, die hier "erzählt" wird, nicht ganz so bekannt. Doch sie ist es, sie meidet beinahe panisch das Risiko der Überraschung und kann deshalb nicht davon ablenken, dass dieses Buch wie der "Utopia"-Park in sämtlichen Bestandteilen knirscht.

Child greift den Uralt-Plot vom Amok laufenden Roboter auf, aber er beschränkt sich darauf, ihn technisch auf den aktuellen Stand zu bringen. Im inzwischen altmodischen, aber weiterhin Denkanstöße liefernden Filmklassiker "Westworld" von 1972 (Drehbuch und Regie: Michael Crichton - jawohl, der Autor von "Jurassic Park" und vielen anderen Bestsellern hat auch eine Hollywood-Geschichte!) drehen die metallenen Geister, die der vergnügungssüchtige Mensch sich rief, nach einer ausgeklügelten Dramaturgie durch. Child schlachtet dieses Konzept aus, vergröbert und bläst es auf. Größer, schneller, gefährlicher und womöglich intelligenter sind seine Roboter. Das Internet bildet den Hintergrund für die daraus resultierende Bedrohung.

Bestseller-Bastelei als Fünf-Teile-Puzzle ...

Um auf Nummer Sicher zu gehen, greift Child zusätzlich auf menschliche Bösewichte zurück. Seine Schurken sind genial, "larger than life", ihr mörderisches Treiben nicht entsprechenden Trieben geschuldet, sondern bloß Teil des "Geschäfts". Das soll besonders verworfen wirken, ist aber wiederum als Motiv so ausgelaugt, dass es nur noch langweilt. In den USA mag freilich die "Terrorismus"-Karte stechen: Die Belagerer von "Utopia" arbeiten für Burnus-Teufel oder andere Heiden aus der Dritten oder Vierten Welt. Da fiebert der brave Bush-Bürger womöglich stärker mit, wenn diesem Pack zumindest in der Fantasie ordentlich in den Arsch getreten wird!

Dieses Stilmittel setzt Child aus blanker Berechnung ein. Dies ist mehr als ein Verwurf, weil er wie gesagt sein Werk insgesamt nur aus Reißer-Modulen zusammenbastelt. Der Erfolg ist verdient kläglich: "Das Patent" ist triviale oder besser brachiale Unterhaltung ohne Atmosphäre, ohne Spannung, ohne Schwung - das Pendant zur Tütensuppe, d. h. angerührt aus künstlich geschmacksverstärktem Pulver und gestreckt mit sehr viel Wasser (und aufgesetzter Sozialkritik), bis mehr als 600 augenfreundlich bedruckte Seiten gefüllt sind. Dieses Buch könnte auch doppelt oder nur halb so dick sein. Neue Verwicklungen im Freizeitpark lassen sich nach Belieben einschieben oder auskoppeln, so dass zumindest das Handlungsgerüst absolut zeitgemäß wirkt: Es könnte einem der angeblich bereits existierenden Plot-Automaten eingefallen sein, die mit aktuellen Modethemen gefüttert werden und ein auf den größten gemeinsamen Konsumentennenner zugeschnittenes Endprodukt ausspucken - den Instant-Bestseller/Blockbuster.

Nullgesichter für einen Teflon-Thriller

Diffusität einerseits und Klischee andererseits sind Trumpf, wenn Child uns mit seinen menschlichen Protagonisten konfrontiert. Auch hier gilt es die Verfilmung im Auge zu behalten. "Kunst" bzw. "Literatur" in Gestalt individueller, womöglich kantiger oder sonst wie von der Norm abweichender Figuren mit "Persönlichkeit" gilt es offenbar unbedingt zu vermeiden!

Mit ärgerlich stimmender Konsequenz bevölkert Child sein Spektakel: Da haben wir den redlichen Helden, hier ein liebenswert verlotterter Professor, tragischer Witwer und allein erziehender Vater, zwar guten Willens, aber mit dieser Aufgabe überfordert & auch sonst ziemlich unter Druck. Was fehlt dem guten Mann? Richtig: eine Frau! Die sollte aber bitte nicht nur hübsch und verständnisvoll, sondern auch klug sein. Child zügelt auch hier seinen Hang zur geschäftstüchtigen Anbiederung nicht und überträgt die Rolle politisch korrekt einer (amerikanischen) Schönheit asiatischer Abstammung.

Über die Zulassung besagter Dame als neue weibliche Familienstütze zu entscheiden obliegt des Professor Töchterlein, einer altklugen, pubertärmodisch verwirrten US-Teenie-Nervensäge schlimmsten Kalibers. Gar sehr fehlt ihr die Mutter, und Kumpel Daddy versteht sie nicht, seit ihr der Busen schwillt. Selbstverständlich stolpert das liebe Kind ständig dort hinein, wo gerade das Böse seinem Job nachgeht, und muss zeitaufwändig und unter dem Absingen diverser Gefühlsduseligkeiten gerettet werden.

Die Rolle der bösen Hexe geht wie zufällig an eine Power-Frau. Die Chefin von "Utopia" ist eigentlich gar keine Vertreterin ihres Geschlechts, sondern - pfui! - ein von krankhaftem (= unweiblichem) Ehrgeiz zerfressenes, über Leichen gehendes, ihre natürliche Bestimmung (Ehefrau oder wenigstens Lebensgefährtin, Mutter, gute Freundin) leugnendes Zerrbild. Da folgt in jenem Winkel, in dem solche Bestseller ausgebrütet werden, die Strafe zuverlässig auf dem Fuße!

Verbrechen ist irgendwie geil, lohnt aber immer noch nicht

Sie wird vollzogen von "John Doe", dessen Deckname diese Figur mit einer Treffsicherheit charakterisiert, die Autor Child ganz sicher nicht beabsichtigt hat. Doe ist der seelen- und gewissenlose Schurke par excellence; Mord ist sein Geschäft, das er überaus globalisiert und ohne Vorurteile betreibt: Wer ihn bezahlt, bestimmt die Musik und sieht die Puppen nur tanzen, aber nicht fallen. So ein eiskalter Schweinehund kann sehr unterhaltsam sein, wie uns Thomas Harris mit Hannibal Lecter bewiesen hat. Doe ist hingegen nur ein Popanz, dessen übermenschliche Bosheit nur behauptet wird. Da kann er seine vertierten Handlanger so viele Touristen killen lassen wie er will - er wirkt dadurch keineswegs eindrucksvoller.

Ebenfalls entlarvend wirkt die Gleichgültigkeit, mit der vom Leser das großzügige Killen unschuldiger Parkbesucher quittiert wird. Dabei reißt sich Child schier in Stücke, diese als unbescholtene, hart arbeitende Handwerker, idealistische Wissenschaftlicher oder brave, liebenwerte Durchschnitts-Bürger zu charakterisieren, die sich im Kreis der Familie ein bisschen verdienten Spaß gönnen möchten. Statt dessen verfolgen wir teilnahmslos, wie profillose, aus billigen TV-Serien importierte Hülsenmenschen und Spießer ihrer Funktion als Kanonenfutter zugeführt werden - je mehr, desto besser! So komplettiert sich der Eindruck eines oberflächlich spannenden, aber absolut seelenlosen Romans bar jeglicher Originalität.

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Letzte Kommentare:
10.02.2007 16:55:36
axelp

Ich schließe mich der Bewertung von der Krimi-Couch an.
Ein Drittel des Buches beschreibt allein die Achterbahnen und die übrigen Attraktionen des Freizeitparks. Im Rest werden alle Sequenzen so detailliert beschrieben, daß immer wieder die Spannung herausgenommen wird und das Buch richtig langweilig wird. Sogar am Ende, wo es richtig spannend werden könnte, setzt sich dies fort.
Eigentlich ist nur der Epilog richtig flüssig geschrieben.
Ich hoffe, daß Eden besser ist und ein Glück, daß bei den übrigen Romanen Preston seinen Stil reinbringt.

30.08.2005 14:09:22
Miriam Nahrath

Ich war total begeistert von dem Thriller! Das Buch ist richtig spannend geschrieben. Wenn man das Buch durchliest, bekommt man richtig Lust dazu, auch mal diesen Park zu besuchen. Die Attraktionen sind bildhaft beschrieben und das Buch hat mich bis zum Ende hin in den Bann geschlagen. Ich konnte es kaum aus der Hand legen. Mein Fazit: Sehr empfehlenswert für Thrillerfans !!!

28.08.2005 15:26:04
florian

Kurz dazu: ich kenne weder den film aus den 70ern, noch habe ich bislang ein buch einer der beiden genannten autoren gelesen. bin gerade gestern bei der hälfte des buches angekommen und zumindest bislang erscheint mir das konzept des szenen wechsels bei spannungspunkten als äußerst passend für den aufbau des gesamten plots. zudem faszienieren mich die technischen ausführungen und unglaublich vielen ideen, die hier verpackt sind. bisheriges fazit: empfehlenswert für scifi-und thriller-fans!

23.08.2005 06:03:10
silke

Ich muss mich der meinung von Lächler anschliesen, besonders vom hocker gerissen hat mich dieses werk auch nicht!
Den Charakteren fehlt es an tiefe, so wie dem ganzen roman. Und ist es nicht das was einer geschichte erst die würze gibt?
Man möchte doch in die Welt der Fantasie eintauchen, doch dazu bedarf es fliesender Dynamik.
Hier gibt es reichlich Action, die einen sicher auch kurz mitreist.
Doch das Handlungsschema ist immer vorhersehbar, und das ist schade.

29.04.2005 19:51:00
Lächler

Zitat: "Child auch ohne Preston ein Thriller-Tipp der Spitzenklasse"
Das ist wohl eher nicht der Fall, denn außer abgedroschenen Klischees und Standarddialogen bietet dieses Buch nichts, was den stolzen Preis von 22,90 € rechtfertigt. Wäre es ein Erstlingswert von einem Autor aus der zweiten Reihe, könnte man die Einfallslosigkeit und sehr simple Schreibweise dieses Buches vielleicht verstehen, doch wenn man spannende und extrem durchdachte Thriller a la Preston&Child gewohnt ist, wird man hier mehr als nur enttäuscht. Die ersten 200 Seiten ziehen sich wie kalter Kaffee und erzählen von einem derart abstrakten und unrealistischen Szenario, dass man meinte man lese einen Roman von Perry Rhodan, Sci-Fi fans würden hier vielleicht auf ihren Geschmack kommen. Leider wird auch nicht wirklich klar, um was für ein tolles "Patent" es sich handelt, diese Unklarheit zeugt nicht gerade von Fachkenntnis des Autors weder von guter Recherchearbeit. Es wäre nicht schlimm gewesen, wäre die Buchwelt von diesem Kitsch verschont geblieben. Nun drängt sich wohl eine ganz logische Frage auf, wer ist eigentlich der Denker und die treibende Kraft der Preston&Child Romane? Nach diesem sinnlosen Geschreibsel eines Romans dürfte die Antwort wohl klar sein, oder?