Ich habe keine Angst

Erschienen: Januar 2003

Bibliographische Angaben

  • Turin: Einaudi, 2001, Titel: ' Io non ho paura', Originalsprache
  • München: C. Bertelsmann, 2003, Titel: 'Die Herren des Hügels', Seiten: 256, Übersetzt: Ulrich Hartmann
  • München: Goldmann, 2004, Titel: 'Ich habe keine Angst', Seiten: 252

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Lars Schafft
Suspense italiana

Buch-Rezension von Lars Schafft Sep 2004

Drückende Hitze, die Luft flimmert. Wir befinden uns im Mezzogiorno, dem verarmten Süden Italiens, in einem winzigen verschlafenen Dorf namens Acqua Traverse. Dort lebt der neunjährige Michele mit seinen Eltern und Schwester Maria. Es ist einer dieser Tage wie jeder für Michele und seine Clique, die Sonne brennt unerbittlich, die Langeweile ist erdrückend. Es sind die späten 70er, wo sich die Freizeitgestaltung ohne Computer, Gameboy und Handy noch als deutlich schwieriger erwies als heutzutage. Das Leben besteht aus Schule, Fußball und kleinen Abenteuern, die sich die Jungs und Mädels aus Acqua Traverse zurechtschmieden.

Dieser Tag jedoch verspricht ein besonderes Abenteuer, ein wenig Abwechslung im tristen Alltag - und er droht, das zwar karge aber dennoch in seinen Verhältnissen glücklich-geregelte Leben Micheles aus den Fugen zu bringen.

Es soll eine besondere Mutprobe werden, die sich der "Totenkopf", so der Spitzname des Ältesten der Clique, ausgedacht hat. Erst zum alten Melichetti an den Dorfrand, von dem die Bewohner Acqua Traverses munkeln, dass seine Schweine seinen Dackel zerfleischten. Dann rauf zum Hügel, der so hoch war, "wie noch nie einer von uns geklettert war" und von dem man das Meer sehen musste.

 

"Es musste ein unglaublicher Ort sein, vielleicht bewohnt von einem irgendeinem eigenartigen Tier."

 

Oben angekommen, sehen der Totenkopf, Salvatore, Maria, Barbara und Michele jedoch nur ein leerstehendes, verfallenes Haus. Die nächste Mutprobe - und Michele ist an der Reihe.

Er muss hinein ins Gemäuer, die Räume erkunden und über morsche Bohlen und Bretter klettern. Er stürzt ab - und kommt vor einem Erdloch zu sich, in dem sich ein menschlicher Körper befindet. Ein Junge, so alt wie er, verschmutzt von Dreck und den eigenen Exkrementen, am Fuß gefesselt, das Gesicht verkrustet. Tot? Michele kann es nicht beurteilen, beschließt jedoch für sich, dass der Junge im Loch sein ganz eigenens Geheimnis sein werde.

Tag für Tag schleicht sich Michele von zu Hause fort, um nach dem Jungen auf dem Hügel zu schauen. Dieser lebt - und Michele hilft ihm, bringt ihm Essen, löscht seinen Durst, wäscht ihn. Doch warum der Junge dort gefangen gehalten wird, kann sich der Neunjährige in seinem kindlich-naiven Weltbild nicht erklären. Und Filippo, der Junge im Loch, kann es ihm auch nicht schildern, faselt deliriös von den "Herren des Hügels", vom Schutzengel, der Michele sein muss und von Waschbären, die mit ihm reden.

Erst eine Nachrichtensendung im Fernsehen bringt die Klarheit: Filippo wurde entführt! Ganz Acqua Traverse scheint die Finger in diesem schändlichen Spiel zu haben. Und schlimmer noch: Micheles Vater scheint einer der Rädelsführer zu sein...

"Ich habe keine Angst", eine kleine literarische Sensation in Italien, ist kein Kriminalroman im klassischen Sinne. Anfangs fühlt der Leser sich sogar an Enid Blyton erinnert, denn Autor Niccolò Ammaniti schreibt konsequent aus der Perspektive des neunjährigen Michele, versetzt sich und den Leser in dessen Welt, Gedankengänge und Sprache:

 

"Hör mal..." Sie wurde ganz rot, sah mich eine Sekunde lang an und sagte: "Willst du mit mir gehen"?
Mein Gesicht begann zu glühen. "Was?"
Sie bückte sich, um Togo zu streicheln. "Zusammen gehen."
"Du und ich?"
Ich sah nach unten, auf meine Fußspitzen. "Also ... Nicht so sehr."
Sie stieß einen Seufzer aus, den sie zurückgehalten hatte. "Macht nichts, wir sind sowieso nicht gleich alt." Sie fuhr sich mit der Hand durchs Haar. "Also, ciao."
"Ciao."

 

Doch "Ich habe keine Angst" ist kein Jugendroman um Verstecken-Spielen und Miteinandergehen. Vielmehr ist der Roman des noch recht jungen Autors (Jahrgang ´66) ein spannungsgeladenes Drama, eine Familientragödie, "Suspense italiana".

Denn diese Spannung schürt Ammaniti äußerst gekonnt vom anfänglichen Erklimmen eines Hügels, über den Besuch Sergios, des fremden alten Mannes aus dem Norden, über die Wandlung Micheles Vaters bis zum verstörenden Finale. Viele kleine Dramen deutet Ammaniti an, von Felice und dem "Totenkopf", den hässlichen Heranwachsenden, die ihre Anerkennung in Gewalt und Brutalität suchen. Von Salvatore, der seinen besten Freund verrät. Von Salvatores Bruder, der nach Jahren, die er ans Bett gefesselt verbringen musste, in die Irrenanstalt eingeliefert wird. Von Sergios Söhnen, von denen sich eine in Drogen und eine indischen Kommune geflüchtet hat, und der andere sich mutmaßlich von einer Klippe stürzte.

"Ich habe keine Angst" ist ein großartiges, emotionales Buch. Ein Roman über Kinder-Freundschaften, die Beziehung eines Sohnes zu seinem Vater, über Träume von einem besseren Leben und den missglückten Versuch, aus der Enge des Alltags und der Armut auszubrechen. Dass dies in einer Tragödie für ein ganzes Dorf enden muss, ist so bewegend wie hervorragend von Niccolò Ammaniti vorbereitet. Da capo!

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