Rote Gardenien

Erschienen: Januar 1964

Bibliographische Angaben

  • New York: Doubleday, 1939, Titel: 'Red Gardenias', Seiten: 280, Originalsprache
  • München; Wien; Basel: Desch, 1964, Seiten: 173, Übersetzt: Walter Kolbenhoff
  • Zürich: Diogenes, 1991, Seiten: 263

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Michael Drewniok
Latimers Werk ist zwar schmal, aber immer unterhaltsam!

Buch-Rezension von Michael Drewniok Sep 2004

Ein neuer Fall für William Crane, Mitarbeiter der Detektivagentur des knurrigen Colonel Black. Der Industriemagnat Simeon March hat ihn angeheuert, den mysteriösen Tod seines Sohnes John aufzuklären. Der wurde tot in der Garage gefunden - erstickt am Kohlenmonoxyd der Abgase seines Wagens, den er angeblich reparieren wollte. Leichtsinn, so meint die Polizei, die auch nicht irritiert, das kurze Zeit vor John sein Cousin Richard einem ähnlichen "Unfall” zum Opfer fiel.

Simeon March scheut den Skandal, den ein Mord in der Familie für die Öffentlichkeit bedeuten würde. Denn er verdächtigt Carmel, seine Schwiegertochter, die mit John keine gute Ehe geführt hat. Auch mit Richard war sie sehr vertraut - und jetzt zieht sie die Aufmerksamkeit von Peter, dem jüngeren March-Sohn, auf sich. Zu denken gibt March sr. auch, dass über den Leichen von Richard und John deutlich der Duft von Gardenien schwebte, die in Carmels Lieblingsparfüm reichlich Verwendung finden.

Diese Sippe übertrifft jeden Gangster ...

Damit Crane inkognito ermitteln kann, gibt er sich als Werbetexter aus, der für eine der vielen March-Firmen tätig werden soll. Zur Verstärkung stellt ihm Colonel Black seine Nichte, die Detektivin Ann Fortune, zur Seite. Sie gibt sich als Cranes Ehefrau aus und muss in dieser Eigenschaft viel Langmut aufbringen, denn ihr "Gatte” vermutet nicht ganz zu Unrecht, dass Ann ihn auch kontrollieren soll: Crane ist ein nur mühsam trockener, stets rückfälliger Alkoholiker.

Die Ermittlungen gestalten sich schwierig. Es herrscht wenig Nächstenliebe in der Familie March. Jedes Mitglied hütet außerdem seine oder ihre kleinen Geheimnisse. Dummerweise hat man sich auch die Feindschaft des Nachtclub-Besitzers und Gangsterbosses "Slats” Donovan zugezogen, den stets seine zu allen Schandtaten bereite Schlägertruppe begleitet. Weitere Mitglieder des March-Clans müssen ihr Leben lassen, und auch auf Crane und Ann werden Anschläge verübt, bis sich der Mörder mit dem Auspuffrohr endlich zu erkennen gibt ...

Chandlers & Hammetts vergessener Thriller-Bruder

Raymond Chandler, Dashiell Hammett - sie kennt jede/r, wenn von den "harten” Detektiven der 1930er Jahre die Rede ist. Darüber hinaus gibt es jedoch eine ganze Reihe ebenso fähiger Autoren, die primär nur den Krimi-Fachleuten bekannt sind. Jonathan Latimer gehört zu ihnen - ein Abseits, das er nicht verdient, wie man weiß, nachdem man nur eines seiner Bücher gelesen hat.

Auch "Rote Gardenien” ist viel mehr als "nur” ein Krimi. Der Plot ist ein klassischer "Whodunit”, der nach und nach aufgelöst wird. Er erfüllt seinen Zweck, und mehr ist auch nicht nötig. Deshalb sollte man es tunlichst vermeiden über diverse Details nachzudenken. Der Mord mit Hilfe von Autoabgasen ist so, wie Latimer es hier beschreibt, ganz und gar nicht perfekt, sogar höchst unwahrscheinlich. Sogar die offenbar notorisch trantütige Polizei müsste eigentlich bemerken, dass ein Mann nicht einfach, d. h. ohne "Nachhilfe”, in seinem Wagen erstickt.

Schlagfertige Trinker entlarven listige Killer

Der Ton macht in diesem Fall die Musik, Realismus ist Nebensache. Intrigen und Mord gibt es reichlich, aber sie werden uns mit geradezu frivoler Leichtigkeit serviert: Zucht und Ordnung sind weitgehend außer Kraft gesetzt in der Welt der Reichen & Schönen, wie sie die Mitglieder der Familie March repräsentieren. Dass sie sich diesen Status eher anmaßen als ihn sich verdient zu haben, passt sehr gut in das durchaus zynische Weltbild, dass uns Verfasser Latimer hier vermittelt.

Es wird getrunken, geraucht, sich amüsiert aus Leibeskräften. Nur zu oft ist die Kluft zwischen "Gut” und "Böse” schwer oder gar nicht erkennbar. Gangsterboss "Slats” Donovan wirkt manchmal wie der einzige Ehrenmann in einer Becken voller intriganter Haie. Gegen den alten Simeon March ist er ohnehin nur ein kleiner Fisch. Mit dem (gekauften) Gesetz auf seiner Seite rafft dieser geschäftlich und privat an sich, was er begehrt. Da ist es womöglich gar keine so schlechte Idee, wie William Crane des Schnapsspiegel im Blut immer ein wenig über Normalnull zu halten ...

Er weiß sich da in guter Gesellschaft, z. B. in der von Nick Charles, der von Dashiell Hammett geleitet die unsterblich gewordene "Mordsache Dünner Mann” ("The Thin Man”) aufgeklärt hatte und dabei auch selten nüchtern war. Mit Ann Fortune steht Crane seine eigene Nora zur Seite. Latimer leugnet das Vorbild nicht und lässt seine beiden Helden die Parallelen sogar selbst ansprechen.

Thriller mit Hollywood-Touch

Überhaupt wirkt "Rote Gardenien” recht "filmisch”, was nicht verwundern sollte, da Jonathan Latimer ein begehrter und fähiger Drehbuchautor im Hollywood der 1930er Jahre war. Allein in diesem Jahrzehnt wurden drei seiner Crane-Romane verfilmt.

In einer "vernünftigen” Zeit (man könnte sie auch "nüchtern” nennen ...) würde man William Crane zweifellos als hoffnungslosen Alkoholiker bezeichnen. Doch in den 1930er Jahren war der Griff zur Flasche noch gesellschaftlich gestattet, solange der endgültige Absturz ins Delirium im privaten Kämmerlein erfolgte. Zumal besagte 1930er Jahre die Geburtsstunde der "Srewball Comedy” sahen, jener Komödien, in denen die Protagonisten sich in absurden Situation mit aberwitzigen Wortattacken beharkten. Da half der Alkohol die Zungen zu lösen.

Detektiv mit Schlagseite

Dennoch verschweigt uns Verfasser Latimer nicht, dass Crane sich entlang einer gefährlichen Grenze bewegt. Eine recht eindringliche Szene beschreibt, wie er den nach einer Saufnacht heftig zitternden Arm mit einer Krawattenschlinge bändigen muss, um sein Glas mit dem Katerfrühstück Tomatensaft halten zu können. Auch geht das gefährliche Experiment, Whisky mit Laudanum zu "veredeln”, eindeutig über den Horizont eines Gelegenheitstrinkers hinaus.

Dabei ist Crane kein schlechter Detektiv. Seinen Job beherrscht er besser als er in der Regel deutlich werden lässt - das Trinken dient ihm auch als Maske. Im Vergleich zu den hartgesottenen Schnüfflern seiner Zeit schneidet Crane freilich schlecht ab. Er trägt selten eine Waffe, verabscheut Verfolgungsjagden, deckt jedem Gauner seine Karten auf, wenn Prügel drohen. Jonathan Latimer spielt hier sichtlich mit den Statuten des "Hard Boiled”-Thrillers, die er nach eigener Auskunft nie ernst zu nehmen pflegte, weil sie allzu rasch zum Klischee verkamen.

Frau ist hübsch = Frau ist gefährlich!

Auch den Frauen ist Crane durchaus zugetan. Sie halten kräftig mit in dieser bourbonfröhlichen Vorkriegsära und wirken überhaupt recht emanzipiert. Cranes Partnerin Ann Fortune ist ihm sogar gleichberechtigt. Was ihr an kriminalistischer Erfahrung noch fehlt, macht sie durch Energie und Einsatzfreude wett. Nicht selten reißt sie sogar den manchmal allzu sehr in Routine erstarrten Kollegen mit.

Carmel March gibt die typische femme fatale. Hochelegant und mysteriös ist sie, begehrenswert aber latent gefährlich, weil undurchschaubar, vielleicht sogar eine Lügnerin und Mörderin. In dieser Rolle verdreht sie Crane den Kopf, der sich letztlich natürlich von den Spinnweben in seinem Hirn befreien und die Wahrheit ans Licht bringen kann.

Der March-Clan ist Latimer gut gelungen in ihrer ganzen Verlogenheit. Der Schein ist alles für diese Sippe, die der alte Simeon unter seiner eisernen Knute hält. Ehebruch, Faulheit, Lügen sind keine Sünden im Hause March, so lange die Öffentlichkeit nichts erfährt. Liebe ist ein Fremdwort bzw. wird sorgfältig verborgen ausgelebt, gilt sie doch als Zeichen von Schwäche. Dass der alte March nicht die Polizei mit dem Verdacht konfrontiert, sein Sohn sei ermordet worden, sondern Privatdetektive anheuert, passt da gut ins Bild: Er ist nicht nur der Herr, sondern auch der Rächer seiner Familie, der wie selbstverständlich das Gesetz in die eigene Hand nimmt.

So schließt sich der Kreis bzw. ist das Vergnügen für den Leser perfekt, der das bunte Treiben der anheimelnd verantwortungslosen Protagonisten bis ins verspielte Finale verfolgt - und sich hoffentlich den Namen des Verfassers gut merkt, denn dessen Werk ist zwar schmal, aber immer unterhaltsam!

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Letzte Kommentare:
30.07.2005 14:04:42
Rolf Wamers

Die Rezension von Dr. Drewniok enhält einen Zwischentitel, der in einem Satz zusammengefasst alles über Latimers William Crane Bücher aussagt: "Schlagfertige Trinker entlarven listige Killer."
Wie das im Einzelnen abgeht muss man gelesen haben.

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