Das Messias Phantom

Erschienen: Januar 2004

Bibliographische Angaben

  • München: Knaur, 2004, Seiten: 380, Originalsprache

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70°
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Peter Kümmel
Hervorragende Satire ohne Mord und Totschlag

Rezension von Peter Kümmel Aug 2004

Wer ist die Frau, die da gerade aus dem Koma erwacht? An ihren Namen kann sie sich erinnern: Maria Coral. Und sie ist Schauspielerin. Doch warum reden sie die Leute in den weißen Kitteln mit Frau Drengski an?

Maria Coral flimmert täglich als Star des Privatsenders XTC-TV über die Mattscheibe. Als von Gott bekehrtes Luder präsentiert sie sich mit Live-Auftritten ihrer riesigen Anhängerschar und ist mittlerweile zum Kultobjekt "Maria" geworden. Der Sender und sein Direktor Marius Kotte machen mit der neuen Reality-TV-Show ein Millionengeschäft.

Doch sitzt das Publikum hier einem Riesenschwindel auf? Ist die Frau in der Anstalt etwa die echte Maria? Die glauben zumindest Fred, Pfleger in der Anstalt, Ruth, Putzfrau beim Fernsehsender und Ruben, der gelähmte Inhaber eines Shops für Überwachungsgeräte.

Der Leser erfährt ziemlich schnell die wirklichen Hintergründe und kann als übergeordneter Beobachter sowohl das verfolgen, was sich hinter den verschlossenen Sendertüren abspielt als auch die Bemühungen des ungleichen Teams, - dem außerdem noch ein 13-jähriges Mädchen, eine von ihrem Freund mißhandelte Putzfrau und Ruths senile Großmutter angehören - dem Sender ins Handwerk zu pfuschen.

Daß die Autorin als Redakteurin eines Wissenschaftsmagazins sehr gut recherchieren kann, zeigt sie hier deutlich. Und so erfährt man einiges, was heutzutage an technischen Manipulationen bereits über unsere Bildschirme flimmert und noch mehr von dem, was nicht mehr allzu ferne Zukunftsphantasien sind.

Ob man Hanne Tügels Buch als Kriminalroman sehen will, bleibt jedem selbst überlassen. Zumindest ist es ein subtiler Roman und eine hervorragende Satire ohne Mord und Totschlag. Ist es denn ein Verbrechen, Menschenmassen zum eigenen Vorteil zu manipulieren? Dann machen sich unsere realen Fernsehsender dieses auch schuldig. Doch zumindest ist es nicht die feine Art, unliebsame Personen in einer geschlossenen Anstalt unterzubringen. Auch die Erpressungsversuche der sympathischen Gegenspieler sind nicht legal, doch machen sie dem Leser ungleich viel mehr Spaß.

Denn die Autorin hat auch eine recht angenehme Schreibe und einige sehr eingängige Charaktere erschaffen, die so unterschiedlich sind, dass sie einfach eine gute Mischung ergeben müssen.

Das Wort "Thriller", das groß unter dem reißerischen Titel "Das Messias Phantom" prangt, sollte man sich jedoch ganz klein denken. Denn wer von einem solcherart angeprießenen Werk atemlose Spannung und rasante Action erwartet, den muß ich enttäuschen. Dieses Buch ist eben "nur" ein nett gemachter Roman über Money, Macht und Manipulation.

Das Messias Phantom

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