Vergiss nie, dass ich dich liebe

Erschienen: Januar 2002

Bibliographische Angaben

  • München: Blanvalet, 2002, Seiten: 320, Übersetzt: Mechtild Sandberg-Ciletti
  • München: Goldmann, 2004, Seiten: 315
  • ?: ?, 2005, Seiten: 2, Übersetzt: Hannelore Hoger

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Almut Oetjen
 Ein Zwischenfall in der Galerie...

Buch-Rezension von Almut Oetjen Jun 2004

"Vergiss nie, dass ich dich liebe" beinhaltet fünf Erzählungen, vier sind Kriminalgeschichten, in denen es um Kapitalverbrechen geht. Zu jeder Erzählung hat Elizabeth George eine Vorbemerkung geschrieben, in der sie darlegt, was sie zu der Story inspirierte oder vor welche spezifischen Probleme sie sich gestellt sah. Das ist instruktiv und informativ.

Die Geschichten sind locker, leicht und mit satirischem Unterton erzählt, sorgfältig gearbeitet, mit clever komponierten Plots, fertig ausgearbeiteten Figuren, jede mit einem eigenen Charakter.

George ist eine Spezialistin in der Obduktion menschlicher Bedürfnisse und Schwächen und zeigt, wie weit ganz gewöhnliche Menschen zu gehen gewillt sind, um ans Ziel ihrer Obsession zu gelangen. Die Auflösungen sind überraschend bis schockierend und immer nachvollziehbar.

Besonders schockierend ist das Ende von Vergiss nie, dass ich dich liebe, der längsten Geschichte. Es waren die letzten Worte von Eric Lawton zu seiner Frau Charlotte, genannt Charlie. Die Geschichte handelt von einer Ehe, die auf einem abscheulichen Satz Lügen aufgebaut ist, der erst im Tod ans Licht kommen kann. Charlie beginnt nach Erics plötzlichem Tod zu recherchieren und findet die Wahrheit über ihn heraus, die auch die Wahrheit über ihre Ehe - ist und über die tödlichen Folgen ihrer obsessiven Eifersucht. Das Narrativ erinnert an eine Katze, die sich selbst in den Schwanz beißt.

Geschichte über Detective Lynley wurde von George umgeschrieben

Für Fans von Detective Lynley dürfte Schnappschuss interessant sein. Es ist eine Neufassung ihrer ersten Kriminalgeschichte, The Evidence Exposed, die zuerst bei Sisters in Crime erschien, und die George umarbeitete, weil ihr die Erzählperspektive, das Opfer und der Besitzer von Abinger Manor nicht mehr gefielen. Lynley besucht mit seiner Verlobten Helen Clyde seine Tante Augusta auf Abinger Manor im ländlichen Buckinghamshire. Sie hat das Herrenhaus für Besucher geöffnet und möchte Lynley die Gefahrlosigkeit des Unterfangens demonstrieren, damit er sein Herrenhaus in Cornwall ebenfalls Besuchern zugänglich macht.

Bei der Führung kommt es zu einem Zwischenfall. Der Besucher Ralph Tucker, der zum Seminar "Geschichte der britischen Architektur" gehört, stirbt an einem Herzanfall. Lynley, auf dem Land aufgewachsen, sieht sofort, dass Tucker an giftigen Eibe-Beeren starb, also ein Mordopfer ist.

Bei den Ermittlungen erweist es sich als hilfreich für Lynley, dass er einige Jahre eine Fotografin als Geliebte hatte.

George gibt jedem der anglophilen Kursteilnehmer einen unverwechselbaren individuellen Charakter und beschreibt ironisch die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen dem unterschiedlichen Personal, die Eifersüchteleien, Unterstellungen, Gerüchte, Verdächtigungen. George versteht es geschickt, den Leser von Beginn an in die Irre zu führen.

Eifersüchtiger Manager will seine Ehefrau ermorden

Um Mord geht es auch in Die Überraschung seines Lebens. Douglas Armstrong, erfolgreicher Generaldirektor einer Ölfirma in Kalifornien, erfährt während einem seiner heimlichen Besuche bei einer Wahrsagerin, er müsse sich auf einen externen Schock vorbereiten, der ihn ins Mark treffen werde. Douglas verdächtigt natürlich sofort seine Ehefrau Donna, die wesentlich jünger ist als er. Er ist besessen von ihr und der Idee, sie betrüge ihn und wolle ihn verlassen. Douglas will seine Frau ermorden und schmiedet einen Plan. Der Leser folgt der Perspektive von Douglas, und lernt zusammen mit ihm in der Schlusspointe die grausame Wahrheit kennen.

Beziehungen von mörderischer Gier, Gemeinheit und Verrat geprägt

In Ich, Richard geht es um Richard III. und den Mord an den beiden kleinen Prinzen im Tower und um einen Ehegattenmord. Nur will hier eine Frau in der Gegenwart ihren Mann töten, und die Geschichte wird aus der Perspektive einer anderen Person erzählt, Malcolm Cousins, der Liebhaber dieser Frau. Malcolm ist ein kleiner Geschichtslehrer aus Sutton Cheney, das in Sichtweite von Bosworth Field liegt, wo Richard III. 1485 in der Schlacht gegen Henry Tudor, später Henry VII, fiel.

Malcolm ist besessen von Richard und will ihn rehabilitieren, indem er nachweist, dass Richard nicht der böse König war, der seine beiden kleinen Neffen im Tower ermordete. Er kann das auch beweisen. Es gibt einen Brief, den Richard in der Nacht vor seinem Tod in der Kirche von Sutton Cheney hinterlegte. Dieser Brief befindet sich seit Generationen im Besitz der Küsterfamilie Perryman. Bernie Perryman, der derzeitige Besitzer, ist ein versoffener, herzkranker alter Schulkamerad von Malcolm und hat ihm den Brief einmal gezeigt. Um in den Besitz des Briefes zu gelangen, geht Malcolm eine Affäre mit Bernies Frau Betsy ein und will sie zum Gattenmord überreden.

Georges Hauptfigur ist so besessen von einem 500 Jahre zurückliegenden Doppelmord, das das Mordkomplott in der Gegenwart eher wie eine Bagatelle anmutet. Der Übergang von Geschichtsschreibung zum Geschichtenschreiben ist nahtlos. George erzählt die Geschichte von Richard und dem Mord an seinen beiden Neffen neu, indem sie einen eindeutigen aber fiktiven - Beweis vorlegt. Sie parallelisiert Vergangenheit und Gegenwart, beschreibt die zwischenmenschlichen Beziehungen früher wie heute als von mörderischer Gier, Gemeinheit und Verrat geprägt. Brillant gelingt George die Schilderung von sexueller Abscheu und abgrundtiefer Verachtung, die der Mann gegenüber der Frau empfindet.

In Ein guter Zaun reicht nicht immer geschieht kein Verbrechen, es sei denn, der Massenmord an kleinen putzigen braunen Nagern fällt darunter. Es geht um eine exzentrische alte Russin, die in eine bevorzugte Wohngegend mit einer aufmerksamen Nachbarin zieht und ein schockierendes Geheimnis hütet.

Elizabeth George lotet in den fünf Erzählungen von "Vergiss nie, dass ich dich liebe" die dunkle Seite ganz gewöhnlicher Menschen aus, bringt ihre verborgenen Bedürfnisse und Schwächen zum Vorschein, und legt offen, wie weit ein Mensch in seiner Obsession zu gehen gewillt ist, um sein Ziel zu erreichen. Spannend, clever, schockierend.

Vergiss nie, dass ich dich liebe

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Letzte Kommentare:
27.05.2014 08:46:47
Perlenfischerin

Dieses Buch hatte mir eine Kollegin geliehen. Und zuerst war ich skeptisch, da die Bewertung nicht sehr positiv ausgefallen ist. Aber Geschichten haben mir außer der letzten sehr gut gefallen. Daher vergebe ich 75 Punkte. Man darf hier nicht - wie gewohnt - Inspektor Lynley erwarten. Vom Ausgang der Geschichten war ich zum Teil geschockt.

16.09.2007 22:07:23
cinx

unbedingt lesenswert. ich bin letzten monat ziemlich zufällig drauf gestoßen und war angenehm überrascht. die geschichten sind typisch e.George. es geht im Buch weniger darum dem leser Spannung zu vermitteln, eher zeigen diese Kurzgeschichten, wieviel Rafinesse hinter einer geschichte von George steckt. Für Fans ein Muss.

05.03.2007 19:49:42
ernstes

Ich fand dieses Buch super, konnte es nicht mehr aus der Hand legen. Allerdings schockte mich das Ende regelrecht. Das schlimme war, ich konnte mit niemanden daüber reden, da ich in meinem Bekanntenkreis die erste war, die es gelesen hatte.
Also, auf alle Fälle lesen.

07.10.2004 21:45:44
Corinna

Ich fand das Buch derartig langweilig, dass ich es gleich nach dem Lesen wieder verschenkt habe. Ich hatte beim Lesen die ganze Zeit das Gefühl diese Geschichten, allerdings viel besser geschrieben, schon von anderen Autoren gelesen zu haben. Und die Vorgeschichten waren auch nur lala. Wenn man die Sammlung vervollständigen möchte, sollte man sich das Buch nur als Taschenbuch kaufen - als Hardcover finde ich es echt schon fast eine Frechheit.