Moulin Rouge, Las Vegas

Erschienen: Januar 2002

Bibliographische Angaben

  • Zürich: Unionsverlag, 2002, Seiten: 272, Übersetzt: Anke Caroline Burger
  • Zürich: Unionsverlag, 2009, Seiten: 266
  • New York: Walker, 1995, Titel: 'Death of a tenor man', Seiten: 233, Originalsprache

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Wolfgang Reuter
Ein zeitbezogenes Dokument der Jazzgeschichte aus erster Hand

Buch-Rezension von Wolfgang Reuter Feb 2004

Clifford Brown, Chet Baker, Lee Morgan - Trompete
Albert Ayler, Wardell Gray - Saxophon

Dieses Quintett hat in dieser Besetzung niemals miteinander gespielt. Und doch verbindet diese Musiker etwas ganz Wesentliches: Sie sind viel zu früh verstorben, und die Umstände ihres Todes sind nicht vollständig geklärt, sind zumindest Stoff für Legenden oder Bücher, wie etwa "Moulin Rouge, Las Vegas".

Hier geht es um Wardell Gray, der 1955 - nur drei Monate nach Charly Parker - vierunddreißig Jahre alt unter mysteriösen Umständen gestorben ist. Im Mai 1955 wurde in Las Vegas das Hotel Moulin Rouge eröffnet. Gray war Mitglied der Benny Carter Band, die bei der Eröffnungsgala spielte. Doch am nächsten Tag fand man ihn, den Heroinsüchtigen, tot in der Wüste. Damals war der Polizei der Tod eines Junkie - Jazzmusikers keine Untersuchung wert, die Sache wurde als Tod durch Überdosis zu den Akten gelegt. Evan Horne, der Hauptdarsteller und Ich-Erzähler, hat bereits in Solo Hand einen Auftritt als Detektiv hinter sich gebracht. Eigentlich war er Jazz-Pianist, bevor seine rechte Hand durch einen Unfall verletzt wurde.

Recherchen im siebenunddreißig Jahre alten Fall Wadell Gray

Der Aufforderung seines Freundes Professor Charles Buffington, nach Las Vegas zu kommen und Recherchen im siebenunddreißig Jahre alten Fall Wardell Gray anzustellen kommt er nur allzu gerne nach, da er hier zwei Fliegen auf einen Schlag erledigen kann: Nachforschungen auf einem Gebiet, in dem er sich auskennt und erste Versuche, wieder öffentlich als Pianist aufzutreten, und sei es nur als Hintergrundmusiker in einem Einkaufszentrum.

Doch was zunächst einfach erscheint, erweist sich zunehmend als sehr gefährlich: Horne kommt mit seinen Ermittlungen Teilen der lokalen Unterwelt in die Quere, die gar nicht an der Aufklärung der Wardell Gray-Geschichte interessiert sind. Es kommt zu ersten ernstzunehmenden Drohungen und tätlichen Angriffen durch bezahlte Schläger, sogar zu einem Mord. Doch Horne ist zäh, und sein Freund, der Polizist Coop, setzt ihn als Mittel zum Zweck gegen die Mafia ein.

Gemeinsam mit der Polizeijuristin Natalie, der ehemaligen Freundin Coops, recherchiert er weiter, doch erst ein gefälschtes Tagebuch, ein lebendiges Mordopfer und ein Musikstück namens "Lavonne" führen ihn auf die richtige Spur...

Bill Moody schreibt mit der Sensibilität eines Musikers

Bill Moody ist Schlagzeuger, er spielte u.a. mit Earl Hines, Annie Ross und Maynard Ferguson. Er schreibt mit der Sensibilität eines Musikers, hohes Tempo und vordergründige Action sind ihm fremd. Seine Sprache ist ruhig und gemäßigt, zu Beginn manchmal fast zu gemütlich, doch gegen Ende kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen, so sehr versteht er es, die Spannung zu steigern. Die Nebenfiguren bleiben zwar ein bisschen farblos, auch Horne kann ich mir vom Äußerlichen her eigentlich nicht wirklich vorstellen - ich weiß nur, er ist fünfunddreißig Jahre alt.

Aber bei den Musikern ist Bill Moody zu Hause, dort kennt er sich aus, beschreibt einfühlsam und fast liebevoll das Leben und Handeln der Jazzkollegen, die zum einen realen Personen entsprechen, zum anderen aber äußerst glaubhaft erfunden sind. Diese Szenen tragen den Roman und geben ihm seine unverwechselbare Atmosphäre. Jazz wird öfters auch dort zum Ausdrucksmittel, wo die Sprache nicht mehr ausreicht: "Don't worry about me" spielt etwa der zum Straßenmusiker heruntergekommene Sonny Wells, als Evan Horne ihn nach einer Befragung verlässt.

Wardell Gray, um dessen Schicksal es hier geht, war Jazz-Saxophonist und bildete u.a. mit Dexter Gordon ein bekanntes Duo. Einige legendäre Aufnahmen aus dieser Zeit sind heute noch erhältlich, Gray orientierte sich an Lester Young, seine Spielkultur und seine Spontaneität waren eine ideale Ergänzung zu Gordon.

Zeit- und Gesellschaftskritik kein vordergründiges Thema

Im Nachwort des Buches findet sich ein kurzer Artikel des Autors über die Geschichte des Moulin Rouge in Las Vegas, die damalige Rassenproblematik wird aber im Roman selbst nicht wesentlich angesprochen oder thematisiert. Zeit - und Gesellschaftskritik spricht Moody nur indirekt an, das ist nicht vordergründig sein Thema.

Eingestreute authentische Erinnerungen an legendäre Jazzereignisse und Musiker machen dieses Buch auch zu einer Art zeitbezogenen Dokument der Jazzgeschichte aus erster Hand.

Für Jazzfreunde ist dieser Krimi höchst empfehlenswert, aber auch diejenigen, die mit Musik nichts am Hut haben, können sich auf einen spannenden, gut geschriebenen Krimi freuen. Und es wäre nicht Bill Moody, ließe er den Krimi nicht mit einem leichten Blues ausklingen...

Moulin Rouge, Las Vegas

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Letzte Kommentare:
07.10.2008 14:17:23
Herr Lazaro

Der KC Rezension ist wenig hinzu zu fügen. Fein und einfühlsam geschrieben, ruhig im Erzählton und dennoch spannend. Insbesondere gefällt die kenntniseiche Art, wie Moody seine Akteure gestalt werden lässt: Er kennt die Freuden und Nöte seiner Figuren und bringt sie deshalb so glaubwürdig in die Geschichte ein.

Empfehlenswert!