Der blaue Hammer

  • Diogenes
  • Erschienen: Januar 1978
  • Zürich: Diogenes, 1978, Seiten: 325, Übersetzt: Peter Naujack
  • München: Süddeutsche Zeitung, 2006, Seiten: 284, Übersetzt: Peter Naujack, Bemerkung: Süddeutsche Zeitung Kriminalbibliothek; Band 22
  • New York: A.A. Knopf, 1976, Titel: 'The Blue Hammer', Originalsprache
  • Zürich: Diogenes, 2013, Seiten: 424, Übersetzt: Karsten Singelmann
  • Zürich: Diogenes, 2014, Seiten: 424, Übersetzt: Karsten Singelmann
Der blaue Hammer
Der blaue Hammer
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Thomas Kürten
94°

Krimi-Couch Rezension vonJan 2004

Abschluss und Höhepunkt der Archer-Reihe

Ein neuer Auftrag für Lew Archer: dem Ehepaar Biemeyer wurde ein gerade erst erstandenes Gemälde aus dem Haus gestohlen. Es scheint sich um ein bislang unbekanntes Meisterwerk des verschollenen Malers Richard Chantry zu handeln, der vor fünfundzwanzig Jahren bei Nacht und Nebel aus Santa Teresa verschwunden ist. Auch einen Verdächtigen haben die Biemeyers bereits im Auge. Dabei handelt es sich um Fred Johnson, den neuen Freund der rebellischen Tochter Doris. Fred will sich einen Ruf als Sachverständiger am örtlichen Chantry-Museum aufbauen, aber ist das ein Motiv, ein Gemälde zu stehlen?

Archer merkt sehr schnell, dass er mit seinen Ermittlungen in ein Wespennest sticht. Sollte der todgeglaubte Chantry noch leben? Wer ist die Frau auf dem Gemälde? Warum ist der Maler damals eigentlich untergetaucht? Was ist vor zweiundreißig Jahren in Arizona passiert? Und was hat das alles mit dem Diebstahl des Gemäldes zu tun? Je weiter Archer in der Vergangenheit wühlt, desto verzwickter wird das Gespinst aus Lügen, Mord, Verrat und Betrug. Am Ende steht ein Familiendrama mit vielen über lange Jahre schweigenden Mitwissern. Ein Durcheinander, das nur ein wahrer Meisterdetektiv wieder ordnen kann.

Macdonalds Abschied

Der blaue Hammer ist neben Der Fall Galton und dem frühen Unter Wasser stirbt man nicht der absolute Höhepunkt einer der besten Krimi-Reihen. Man kann in ihm bereits Anzeichen erkennen, dass Macdonald hier einen Abschluss für die Archer-Reihe gesucht hat. Er nimmt beispielsweise an einer Stelle Bezug auf ein Ereignis aus dem allerersten Archer-Roman, den Kampf mit Puddler, den Archer schließlich ertränken muss, in Das wandernde Ziel. Ganz erstaunlich auch, dass sich Archer mit Abschluss der Serie erstmals ernsthaft verliebt. Stets war er der geschiedene, ehemalige Polizist, der als Privatdetektiv volles Augenmerk auf den Fall richtete, und waren die Klientinnen auch noch so jung und verführerisch. Nun sind es zum ersten mal Gefühle, die seinen Arbeitseifer anstacheln, als die Redakteurin einer lokalen Tageszeitung spurlos verschwindet. Wie lange hat man Archer gewünscht, dass der einsame Wolf endlich wieder in die Arme einer Frau sinkt?

Überhaupt hat sich Archer in rund siebenundzwanzig Jahren deutlich entwickelt. Weniger Verfolgungsjagden und Schlägereien, dafür immer mehr Gespräche und Verhöre, letztlich aber stets die Gabe, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Im blauen Hammer erleben wir einen reiferen Archer, der weniger raucht und säuft, sich allerdings über die lange Zeit in seinem Wesen selbst treu geblieben ist.

Ein verworrenes Netz von Beziehungen

Was am letzten Roman der Archer-Reihe besonders beeindruckt ist die Art und Weise, wie Macdonald hier eine große Anzahl von auftretenden Figuren so unterschiedlich charakterisieren kann, dass er eigentlich auch gar keine Namen benutzen müsste. Jede Figur erhält vom Autor eine ganz eigene und typische Verhaltensweise, an der der Leser die größten Wiedererkennungseffekte ableiten kann. Nur durch eine mit leichten Worten transportierte Genauigkeit in der Beschreibung der auftretenden Personen schafft es der Autor, dass der Leser zu keiner Zeit den Überblick zu verlieren droht. Und das bei einem nahezu unbeschreiblich komplexen Netzwerk von Beziehungen, gegenseitigen Verstrickungen, Lügen und Verbrechen.

Der blaue Hammer ist einer der verworrensten und kompliziertesten Detektivromane überhaupt. Es ist nur der hohen erzählerischen Meisterklasse eines Ross Macdonald zuzurechnen, dass dem Leser eigentlich zu keiner Zeit die Übersicht verloren zu gehen droht. Für einen der ganz großen Krimi-Autoren ein mehr als würdevoller Abgang, für seine Fans aber gerade nach einem solchen Meisterwerk ein wehmutsvoller Abschied von Lew Archer, Detektiv in L.A.

Der blaue Hammer

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