Unter Wasser stirbt man nicht

Erschienen: Januar 1955

Bibliographische Angaben

  • New York: Knopf, 1950, Titel: 'The Drowning Pool', Seiten: 244, Originalsprache
  • Berlin: Amsel, 1955, Titel: 'Wer zögert, ist verloren', Seiten: 234, Übersetzt: Dietrich Bogulinski
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1970, Titel: 'Kein Öl für Mrs. Slocum', Seiten: 156, Übersetzt: Hubert Deymann
  • Zürich: Diogenes, 1976, Seiten: 223
  • Zürich: Diogenes, 2008, Seiten: 223

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Thomas Kürten
Kalifornischer Private-Eye Klassiker

Buch-Rezension von Thomas Kürten Dez 2003

Ross Macdonalds Lew Archer gehört zu den großen Romanfiguren der Privat-Eye Tradition und reiht sich nahtlos neben den großen Vorbildern Hammets und Chandlers ein. Macdonald setzte den Helden der Schriftstellerkollegen jedoch noch eins oben drauf. Wichtiger als die Frage nach dem "Wer hat es getan?" wurde bei ihm die Frage nach dem "Warum hat er es getan?". Bereits ab dem ersten Roman der Lew Archer Reihe legte er großes Gewicht auf die Schilderung der neureichen kalifornischen Gesellschaft und der Gier eines Jeden, ein kleines Stück von Ruhm und Reichtum abzubekommen. Und er beleuchtete das Seelenleben seiner Charaktere stärker, als es seine Vorgänger taten. Dass er dennoch oftmals in Klischees abgleitet, tut der Klasse seiner Romane keinen Abbruch.

Ungewöhnlicher Auftrag einer attraktiven Frau

Mrs Slocum erscheint eines Tages im Büro von Lew Archer, der eigentlich auf Observationen und Scheidungsangelegenheiten spezialisiert ist. Die attraktive Mittdreißigerin hat einen anonymen Brief erhalten, der Enthüllungen über ihr Privatleben androht. Archer soll verhindern, dass Mr Slocum von irgendeiner Seite von der Sache Wind bekommt und den Absender des Briefes finden. Dabei darf der Privatermittler aber auf keinen Fall unangenehme Fragen in ihrem privaten Umfeld stellen, denn dann käme ja sofort heraus, dass er als Detektiv engagiert sei. Das passt Archer überhaupt nicht, aber die Aussicht auf guten Lohn lässt ihn den Fall letztlich doch annehmen.

Mr Slocum ist ein neureicher Taugenichts, der in der Theatertruppe eines Freundes gerade die Hauptrolle probt, als Archer ihn das erste mal sieht. Dabei wird er auch Zeuge, wie das kesse, frühreife Töchterchen Cathy Slocum sich den Annäherungsversuchen des Chauffeurs der Slocums widersetzt. Da Archer nun nicht mehr unbemerkt bleibt, bespricht er mit seiner Mandantin, dass er sich als Agent eines Filmproduzenten aus Hollywood ausgibt und mit dieser Tarnung an einer Cocktailparty am Abend teilnehmen kann. Am Rande dieser Party treibt die Mutter von Mr Slocum plötzlich tot im Pool und Archer kann beobachten, wie der inzwischen ehemalige Chauffeur der Slocums aus der Stadt flüchtet, nachdem ihn die Nachricht erreicht. Aber er erfährt noch mehr an diesem Abend: Das Anwesen der Slocums steht auf einem riesigen Ölvorkommen und die alte Mrs Slocum weigerte sich vehement, das Grundstück zu verkaufen. Ihr vorzeitiges Ableben könnte im Interesse mehrerer Leute gestanden haben, viele hatten Interesse an einer Verwertung des Grundstücks.

Tendenz zum psychologischen Tiefgang

Was Ross Macdonald in dieses mit 250 Seiten doch zunächst recht übersichtlich anmutende Büchlein packt, ist bemerkenswert. Erpressung, Mord, Schmiergelder, Mafia, Entführung, Schlägereien, Selbstmord, Wirtschaftskriminalität, Prostitution, Auftragsmord, Korruption... eine Aufzählung, die damit nicht abgeschlossen ist. Alles bringt er stimmig zusammen und schafft auf dieser Seite ein kleines Meisterwerk. Er setzt auch dazu an, das Verhalten seiner Charaktere psychologisch zu ergründen. Allerdings merkt man seinem ersten Roman aus der Archer-Reihe an, dass es damals noch nicht Gang und Gäbe war, eine Psyche zu ergründen. Zu vieles wirkt klischeehaft. Die Beschreibung der Mafia-Gangster beispielsweise oder die Laienschauspieler. Besonders aber stört, dass Macdonald alle Frauen in diesem Roman in ein Muster presst: Das eines sexwilligen Flittchens, dessen einziges Kapital sein Körper ist.

Auch die Figur des Lew Archer erscheint in diesem Debüt zu glatt. Zu leicht widersteht der geschiedene Ex-Polizist allen Avancen und Offerten. Zu spendabel geht er für einen ewig klammen Detektiv mit Schwarzgeld um, das keiner mehr haben will. Zu sehr ist er der Verfechter von Gerechtigkeit in einer eiskalten Gesellschaft, in der Profitgeilheit und Geldgier die Menschen steuern. Erst in einem folgenden Roman kommt heraus, dass er offenbar aufgrund eines Korruptionsskandals den Polizeidienst quittieren musste und selber nicht besser ist als die meisten anderen. Erst dann gewinnt er allmählich Ecken und Kanten. Hier aber wirkt er noch einfach zu glatt. Trotzdem bietet "Unter Wasser stirbt man nicht" vorzügliche Krimi-Unterhaltung auf 250 Seiten, sprachlich und inhaltlich von guter Qualität, mit einem Ende, dass nicht ganz der allgemeinen political correctness, wohl aber dem Gerechtigkeitsempfinden eines Lew Archer entsprechen mag. Ein später verfilmter Klassiker der Kriminalliteratur, der vielleicht noch nicht Top-Niveau erreicht, aber nach "Reiche sterben auch nicht anders" Auftakt zu einer der besten amerikanischen Romanserien bildete.

Unter Wasser stirbt man nicht

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Letzte Kommentare:
03.08.2009 14:12:40
Larry Dimmick

Für mich der schwächste MacDonald- da fehlt einfach irgendwas. Der Roman erinnert, was den Protagonisten angeht eher an "Blue City", oder an die frühen Kurzgeschichten Chandlers. MacDonald liefert seine besten Werke erst ab 1959 ab. Seine starke Serie beginnt mit "Der Fall Galton", dazwischen folgen Meisterwerke wie "Geld kostet zuviel", oder "Gänsehaut". Die Reihe endet dann mit dem Geniestreich "Der Blaue Hammer".

14.04.2009 11:21:14
Rudolf Bahr

Großartiges Buch, der bessere Chandler ? Aber seit der letzten Lektüre habe ich ein Problem, das mir vorher nicht aufgefallen ist: Erschienen 1950, nach anderen Quellen 1951. Warum steht in meiner Ausgabe (Diogenes SA 2008) auf Seite 98 folgendes:"Auf einem offiziellen Entlassungschein wurde festgestellt, daß Patrick Murphy Ryan [...] am 23. Juni 1962 [...] in das US-Marine-Korps eingetreten..." usw. Es gibt weitere Stellen im Buch, die entweder das Erscheinungsdatum falsch erscheinen oder vermuten lassen, daß der Übersetzer (Hubert Deymann) die Zeit der Handlung näher in die Gegenwart verlegt hat. Leider habe ich keinen Text der amerikanischen Ausgabe vorliegen um das zu überprüfen. Hat irgendjemand eine Idee?

25.03.2009 19:33:33
jorge

als rezensent sollte einem egal sein, ob die wertung "ganz netter krimi" eine beleidigung für den autor ist oder nicht. schließlich spielt objektivität eine wichtige rolle, daher sollte man keine rücksicht auf den schreiberling nehmen. der sollte schließlich ohne wenn und aber hinter seinem werk stehen. und vielleicht war es als beleidigung gemeint?
schließlich gibst du selbst zu, dass diese aussage alles andere als wertfrei ist, gell? ;)

15.03.2004 16:42:10
Torsten Janssen

Lieber Hannes, das Kriterium "Ganz netter Krimi" fassen die meisten Autoren als Beleidigung auf, also entweder hat der Dir gefallen oder nicht!! Gruß aus Hamburg

11.03.2004 21:08:48
Hannes

Ist ein ganz netter Krimi der sich am anfang etwas fad anlässt aber dann gut kommt! Überhaupt als die Alte stirbt!!!

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