Fotofinish

Erschienen: Januar 2004

Bibliographische Angaben

  • Arnheim: Stichting, 1997, Titel: 'Fotofinish', Seiten: 128, Originalsprache
  • Dortmund: Grafit, 2004, Seiten: 154, Übersetzt: Stefanie Schäfer
  • Daun: TechniSat Digital, Radioropa Hörbuch, 2006, Seiten: 3, Übersetzt: Raimund Wurzwallner

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Thomas Kürten
Lauf um dein Leben

Rezension von Thomas Kürten Dez 2003

Ich hatte mein Trainingsprogramm eigentlich abgeschlossen. Die letzten zehn Tage vor einem Marathon nutze ich, um mich ein wenig zu erholen, Kraft zu schöpfen und optimale Fitness für den Tag des großen Rennens aufzubauen. Nur ein paar kurze lockere Dauerläufe standen noch auf dem Programm. Mein Ehrgeiz war diesmal besonders groß, denn ich wollte den persönlichen Rekord brechen und gleichzeitig unter einer Zeitmarke bleiben, die für viele Läufer eine Schallgrenze darstellt. In den Tagen vor dem Rennen reift in mir dann stets eine Unsicherheit, hatte ich wirklich genug trainiert, was hätte ich noch mehr für mein großes Ziel tun können? Da kam es ganz gut, dass der Grafit-Verlag ein kleines Krimileinchen auf den Markt gebracht hat, das in der Läuferszene spielt.

Der Niederländer Jac. Toes hat für seinen Roman "Fotofinish" 1998 einen niederländischen Krimipreis, den "Gouden Stroup" abgesahnt. Der Verlag wirbt damit, dass der Protagonist nicht nur Rechtsanwalt sondern auch passionierter Marathonläufer sei. Dies war dann leider auch schon die erste Enttäuschung, denn der Jurist Stan Bewende läuft in diesem Romänchen, das gerade mal auf 150 Seiten kommt (und auch nur weil die leeren Seiten zwischen den Kapiteln bewusst viel Platz einnehmen) nicht einen einzigen Marathon. Er nimmt lediglich teil an 4 Volksläufen, die zwischen 11 und 21 km lang sind. Na gut, dass der Verlag hier daneben liegt lässt sich vom passionierten Krimileser noch verkraften.

Ein Zieleinlaufs-Foto wirft das Spießerleben aus den Fugen

Stan nimmt mit zwei jungen Kollegen aus seiner Kanzlei im Rahmen eines Firmenwettbewerbs an diesen vier Volksläufen teil. Beim ersten Lauf kurz nach Neujahr ist das Team sehr erfolgreich, Stan kommt vor seinen beiden Juniorpartnern im Ziel an und gewinnt sogar seine Altersklasse. Bei derartigen Sportveranstaltungen gibt es stets Fotografen, die im Nachgang ihre Fotos den Sportlern zu horrenden Preisen anbieten. Auch Stan erhält zwei Wochen nach dem Wettkampf ein solches Foto angeboten, das sein schönes, geordnetes Spießerleben gewaltig aus den Fugen wirft.

Auf dem Foto glaubt er hinter sich seinen ehemaligen Kollegen Oek Rottir zu erkennen. Oek war einst Arbeitskollege von Stan und konkurrierte mit ihm um die Übernahme der Kanzlei, als der Seniorpartner sich zurückziehen wollte. Aufgrund eines Unfalls schied Oek im Rennen um die Nachfolge aus. Nun scheint er wieder da zu sein und Stan hat ganz offenbar Angst vor ihm. Aber warum?

Die wachsende Angst eines gewissenlosen Profiteurs

In seinem kleinen Büchlein (bin fast geneigt es "Heftchen" zu nennen, aber der Verlag hat anscheinend bewusst dickes Papier verwendet, um solchen Verwechselungen vorzubeugen) beschreibt der Autor die wachsende Angst eines gewissenlosen Profiteurs, erfolgsverwöhnt und obwohl Rechtsanwalt nicht immer mit rechten Mitteln kämpfend. Solange man Stan Dewende noch nicht richtig kennt, fiebert man auch noch mit ihm mit. Jac. Toes versteht es aber, die Charakterzüge des Protagonisten langsam in ihr Gegenteil zu verkehren. Insoweit hat er wirklich gute Arbeit abgeliefert.

Irgendwo zwischen Seite 35 und 40, also etwa nach einem Viertel des Krimileinchens, konnte ich erraten, wie in etwa das Ende aussehen wird. Die Handlung entwickelt sich stringent, aber eben zu offensichtlich auf das logische Ende hin. Der Überraschungseffekt, das Aha-Erlebnis, das unerwartete Ende, verspielt der Autor mitten auf halber Strecke. Spannung entsteht nur unterwegs bei den vier Läufen, wenn man erwartungsvoll auf die nächste Aktion des vermeintlichen Bösewichts wartet. Die Beschreibung der Wettrennen an sich kann ebenfalls nicht recht überzeugen. Zu leichtfüßig scheint der Anwalt durch das Teilnehmerfeld zu schweben. Einmal wird der Autor konkret, aber: eine Trainingsleistung von 16 km innerhalb einer Stunde ist einem Leistungssportler zuzutrauen, nicht einem Hobbyläufer.

Laufen mit der Angst im Nacken

Vor meinem eigenen Marathon habe ich mich eindringlich mit der Strecke beschäftigt. Ich habe nachgesehen, dass die Route weder durch einsame Dünenlandschaften noch an Fluss- oder Seeufern entlang führt. Während des Laufes habe ich an jedem Verpflegungsstand den Helferinnen und Helfern genau in die Augen geschaut, ob ich sie nicht vielleicht doch aus einem früheren Leben kenne und sie mir eventuell etwas Übles wollen. Und ich habe ein so hohes Tempo gehalten, das mich niemand unerwartet von hinten hätte angreifen können. War ich etwa paranoid? Der positive Nebeneffekt war - und somit kann ich dem Buch doch noch was Gutes abgewinnen - dass ich die Zeit, die ich mir vorgenommen hatte, knacken konnte.

Ein betont mittelmäßiger Krimi, der leider keine großen Lobeshymnen anstimmen lässt. Die Stärken des Autors werden von ihm selber an einer zu frühen Stelle im Roman verspielt. Gerade für Freunde des Laufsports dennoch eine lohnende, da Laufzeit verbessernde Investition.

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