Mord - made in England

Erschienen: Januar 1964

Bibliographische Angaben

  • London: Faber & Faber, 1951, Titel: 'An English Murder', Seiten: 235, Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1964, Seiten: 142, Übersetzt: Klaus Prost
  • Zürich: Diogenes, 1993, Seiten: 235

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Michael Drewniok
Geistvolle Variante des uralten Whodunits klassisch britischer Prägung

Buch-Rezension von Michael Drewniok Dez 2003

Dieses Weihnachtsfest wird das letzte sein, das die Familie Warbeck mit ihren Freunden in Warbeck Hall verbringen wird. Der einsam gelegene Stammsitz - das älteste bewohnte Haus in der englischen Grafschaft Markshire - wird nach dem Tod des siechen Lord Warbeck wohl nicht mehr zu halten sein. Steuern und Unterhaltskosten machen ihm den Garaus.

Pikanterweise ist der älteste Vetter des Lords mitverantwortlich für den Untergang. Sir Julius Warbeck gehört als Schatzkanzler (= Finanzminister) der Regierung an, die dem Hochadel die finanziellen Daumenschrauben ansetzt. Der alte Lord ist Realist und nimmt ihm das nicht übel - ganz im Gegensatz zu seinem Sohn. Robert ist ein Taugenichts, der sich als "Führer" der obskuren neofaschistischen "Liga für Freiheit und Recht" einen Namen zu machen sucht.

Ebenfalls unter den Gästen: Lady Camilla Prendergast, die eigentlich mit Robert verlobt ist, aber schon seit längerer Zeit unter fadenscheinigen Vorwänden hingehalten wird und nun dem Treulosen die Pistole auf die Brust setzen will. Mrs. Carstairs hat es auf Sir Julius abgesehen, denn ihr tüchtiger Gatte würde ihn gar zu gern in Pension gehen sehen, um selbst den Ministerposten zu übernehmen.

Hinter den Kulissen von Warbeck Hall wirkt seit Jahrzehnten diskret Butler Briggs, der freilich ebenfalls ein ernstes Wort mit Robert reden will; da geht es um sein Töchterlein Susan, auf das offenbar nicht nur Roberts wohlwollendes Auge gefallen ist.

Unabhängige Beobachter des sich anspinnenden Dramas sind Dr. Bottwink, ein deutscher Historiker, der sich gerade zu Forschungszwecken in Warbeck Hall aufhält, und Sergeant Roberts, der Sir Julius bewacht. Seine kriminalistischen Fähigkeiten sind gefragt, als Robert Warbeck während eines turbulenten Weihnachtsessens mit der Ankündigung einer sensationellen Neuigkeit und Zyankali auf den Lippen tot zusammenbricht.

Alle Bewohner von Warbeck Hall sind verdächtig. Da das Haus eingeschneit und abgeschnitten ist, muss der Mörder selbst gefunden werden - und Eile ist vonnöten, denn schon bald wird das nächste Opfer gefunden...

Was mag ein "Mord - made in England" sein? Vor allem ein geschicktes Wortspiel, das die beiden Ebenen anspricht, auf denen dieser Roman abläuft. Da ist zum einen die bekannte Kulisse des urbritischen Landhauses - vornehm, einsam, bevölkert von einer Schar einander wenig gewogener Personen, die alle etwas zu verbergen haben. Hier spielt sich auch bei Hare das beliebte Drama "Wer ist's gewesen?" ab, als es den ersten Mitspieler dahinrafft. Falls diese Form des Thrillers nicht in England erfunden wurde, könnten die Angelsachsen immerhin ein Patent darauf geltend machen.

Gleichzeitig verweist die Auflösung - die hier natürlich verschwiegen werden soll - darauf, dass wir es hier nicht mit dem üblichen "Whodunit" zu tun haben. Während Hare die Regeln auf der einen Seite streng beachtet, hebelt er sie auf der anderen mit Geschick und sichtlichem Vergnügen immer wieder aus. Die Verbrechen in Warbeck Hall können so tatsächlich nur in England geschehen. Sie basieren auf einem der zahllosen Seitentriebe der insularen Verfassung, die in Sachen historisch begründeter Verworrenheit womöglich jedes andere Land auf dieser Erde schlägt.

"Mord - made in England" spiegelt (in unterhaltsamer Gestalt) den Kampf zwischen Tradition und Moderne wider. Dieser wird im klassischen Landhauskrimi üblicherweise konsequent ausgeblendet, denn dort herrscht mörderische Harmonie in einer ansonsten heilen, der schnöden Realität enthobenen Welt, der die Leserschaft für einige entspannende Feierabendstunden entfliehen möchte. Dass dies auch ohne Kitsch und Kalauer gelingen kann, vermag Cyril Hare hier souverän deutlich zu machen.

Der alte Lord, sein lotterlebiger Sohn, der allwissende Butler, die schöne Lady, die schwatzhafte Quasi-Lady, der redliche Polizist... Noch längst nicht vollständig ist das Inventar der Figuren, ohne die scheinbar kein britischer Landhauskrimi denkbar scheint. Aber auch hier spielt Hare mit den Erwartungen seiner Leser. Niemand ist, wer er oder sie zu sein scheint. Längst ist die ehrwürdige Gesellschaft von der Zeit eingeholt worden. Niemand weiß es besser als der alte Lord Warbeck: Auf Warbeck Hall wird eine morsche Komödie namens "Gute alte Zeit" gespielt - und die Schauspieler fallen immer wieder aus ihren Rollen. Nicht einmal der treue Briggs kann die antrainierte Fassade aufrecht erhalten, als der alte Lord, die letzte Verbindung zur Vergangenheit, nicht mehr ist. Schon vorher wurde verdrängt, was nicht sein durfte: Robert Warbeck hat nicht nur die Butlerstochter entehrt, seine Verlobte versetzt, sich mit dem Rest der Familie verkracht, sondern mimt kurz nach dem II. Weltkrieg ausgerechnet den Karriere-Faschisten. Kein adliger Knochen steckt in seinem verderbten Leib.

Sir Julius Warbeck ist im Gegensatz zu seinem Vetter, dem Lord, der Sprung ins 20. Jahrhundert besser geglückt. Zum Hochadel will und darf er nicht gehören, sein Amt als Minister sichert ihm die Macht der Gegenwart, welche die Privilegien der Vergangenheit abgelöst hat. Eines hat sich immerhin nicht geändert: Der Minister ist keineswegs klüger als der Lord; Cyril Hare spart nicht mit boshaften Seitenhieben auf die englische Politik.

Da die Bewohner von Warbeck Hall in ihrer kleinen Privathölle gefangen sind, bleibt es einem Besucher aus der Fremde überlassen, Licht in die mörderische Dunkelheit zu bringen. Dr. Bottwink ist auf den ersten Blick der typische zerstreute Professor. Allerdings verbergen sich hinter der fast unterwürfigen Höflichkeit ein scharfer Verstand und eine traurige Vergangenheit: Bottwink hat im Konzentrationslager gelitten und reagiert daher besonders allergisch auf Robert Warwicks Anmaßung.

Die holde Weiblichkeit lässt sich erst recht nicht mehr in die ihnen zugewiesenen Landhaus-Krimi-Klischees pressen. Mrs. Carstairs spielt ganz sicher nicht die zweite Geige hinter ihrem Gatten. Statt dessen betätigt sie sich in seiner Abwesenheit als Königsmacherin, die nicht wählerisch in der Wahl ihrer Mittel ist. Lady Camilla ist schon Mitte 20 und immer noch unverheiratet. Das wird sie wohl auch weiterhin bleiben, ohne dass darüber für sie eine Welt zusammenbricht. Sie kommt ganz gut über die Runden und übersteht deshalb die Warbeck-Affäre mit Blessuren, aber ansonsten unbeeinträchtigt.

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