Newtons Schatten

Erschienen: Januar 2003

Bibliographische Angaben

  • London: Orion, 2002, Titel: 'Dark Matter: The Private Life of Sir Isaac Newton', Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2003, Seiten: 384
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2004, Seiten: 382

Couch-Wertung:

80°
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Michael Drewniok
Klug ausgetüftelt, spannend und mit derbem Humor

Buch-Rezension von Michael Drewniok Nov 2003

Krimi-Couch-Volltreffer März 2004

London um die Jahreswende 1696/97: Unruhe herrscht nicht nur in der großen Stadt, sondern in ganz England. Nicht der Krieg gegen Frankreich erregt die Gemüter - der ist praktisch Routine. Innenpolitische Unruhen entstehen aus profanerem Anlass: Die Regierung hat den Einzug der alten Silber- und Goldmünzen befohlen, deren Edelmetallgehalt inzwischen ihren Nominalwert überschreitet. Sie sollen neu geprägt werden - an sich ein normaler Vorgang, der hier jedoch völlig planlos umgesetzt ist.

Während ein Großteil des "alten" Geldes bereits einkassiert wurde, kommt die königliche Münzanstalt im Tower zu London mit dem Prägen des neuen einfach nicht nach. Es sind zu wenig Münzen im Umlauf, was die Wirtschaft des Landes stark beeinträchtigt. In der Münze selbst herrschen Unfähigkeit und Korruption. Diebe und Falschmünzer stehlen Prägestöcke und füllen sich die Taschen.

Der berühmte Physiker als Aufseher

Die Regierung hat soeben einen neuen Aufseher über die Münzanstalt gesetzt: Ausgerechnet der berühmte Physiker und Astronom Dr. Isaac Newton musste den Posten übernehmen. Mit dem ihm eigenen Elan hat er sich auf die Aufgabe gestürzt und entpuppt sich wider Erwarten als richtiger Mann am rechten Ort.

Aber Newton hat sich viele Feinde gemacht. Rigoros räumt er auf mit Schlendrian und Schurkerei in der Münze und verdirbt vielen Strolchen das Geschäft. Auch die "Ordnance", die eigentliche Festungsbesatzung, hasst die Münzbeamten, die man ihr im Tower vor die Nase gesetzt hat. Newton heuert deshalb einen Gehilfen an, der ihm gleichzeitig als Leibwächter dient. Als solcher bekommt der junge Christopher Ellis, ein verkrachter Jurastudent, schon bald viel zu tun. Auf was er sich wirklich eingelassen hat, erkennt er aber erst, als man seinen unlängst verschwundenen Amtsvorgänger ertränkt im Wassergraben des Towers findet.

Bizarre und grausige Todesfälle in schneller Folge

Weitere Todesfälle - ebenso bizarr wie grausig - folgen schnell. Es geht wohl um mehr als "nur" Falschmünzerei, wie Newton und Ellis erkennen, als sie mysteriöse Symbole und aufwändig chiffrierte Botschaften an den Tatorten dieser Verbrechen finden. Beides deutet auf eine gefährliche Verschwörung gegen Krone und Vaterland hin, deren Hintermänner unbedingt dingfest gemacht werden können, bevor sie England erst wirtschaftlich und dann politisch in den Untergang treiben ...

Mord in vergangener Zeit - ein recht einfaches, aber wirksames Mittel, einem ehrwürdigen Genre wie dem Kriminalroman ein wenig neues Leben einzuhauchen. "Newtons Schatten" erzählt wahrlich keine neue Geschichte, doch vor dem Hintergrund einer pittoresken Großstadt London Ende des 17. Jahrhunderts gewinnt sie umgehend an Leben.

Hinrichtungen und eine schräge Sexnacht

Nicht die historische Rekonstruktion dieser Kulisse um ihrer selbst ist Philip Kerrs Absicht; zwar hat er umfassend recherchiert, aber er bedient sich primär jener Elemente der Vergangenheit, die seiner Geschichte dienlich sind. Deshalb ist es in "seinem" London kalt, eng und finster, herrschen Schmutz und (malerisches) Elend überall, treiben Alchimisten und Magier ihr Unwesen, flicht der Verfasser Hinrichtungs- oder Bordellszenen (plus eine wahrlich schräge Sexnacht) ein, obwohl sie mit der Handlung nichts zu tun haben.

Macht man sich frei von diesem reizvoll verkommenen Bild (was schade wäre und hier nur von Ihrem Rezensenten auf sich genommen werden soll), bleibt ein Krimi, wie wir ihn vor allem im Kino oft gesehen haben: grell, laut, schnell. Auf der anderen Seite gelingt es Kerr trotzdem, uns einen Eindruck davon zu geben, was "Vergangenheit" auch bedeutet: die selbstverständliche Gegenwart für die Menschen, die in ihr leben (müssen).

Der "normale" Leser wird großen Spaß haben

Daher kommt den Protagonisten dieser Geschichte das, was uns exotisch vorkommt und/oder abstößt, ganz normal vor. Auch der Kriminalfall als solcher wird durch die zeitgenössischen Gesetze und Konventionen bestimmt. Er könnte sich so heute gar nicht ereignen. Deshalb kann Kerr sich als Plot eine ziemlich wüste Verschwörung ausdenken, die der genauen Betrachtung durch den Historiker schwerlich standhalten kann. Dem "normalen" Leser wird das aber gar nicht auffallen; er (und sie) wird großen Spaß haben.

Das wird auch über die nicht wirklich befriedigende Auflösung unserer Geschichte hinweg trösten. Nachdem Kerr eifrig viel versprechende Spuren ausgelegt hat, schnüren sich diese doch zu einem etwas enttäuschenden Finale. Natürlich war der Autor durch die reale Historie gebunden, gegen die er nicht gar zu offen verstoßen durfte. Trotzdem irritiert zunächst seine Entscheidung, der eigentlichen Zerschlagung des Komplotts noch eine lange Coda folgen zu lassen, die sich primär um Newtons inneren Kampf zwischen Wissenschaft und Glauben rankt.

Das Weltbild auf dem Prüfstand

Aber hier darf man nicht zu streng urteilen: "Newtons Schatten" ist auch eine unterhaltsame Erinnerung daran, dass Isaac Newton nicht "nur" bemerkenswerte wissenschaftliche Entdeckungen machte, sondern für diese ein Preis zu entrichten war: Auf den Prüfstand kam ein ganzes Weltbild, seit Jahrhunderten, wenn nicht länger akzeptiert von den Menschen, die nun gezwungen wurden, alte Werte neu zu überdenken - eine geistige Revolution, gegen die der gerade noch verhinderte Aufstand der Papisten nur eine kurze historische Episode darstellt.

Isaac Newton und Sherlock Holmes - eine Kombination, die nahe liegt. Schon der Untertitel deutet es an: "The Private Life of Sherlock Holmes" heißt ein zwar nicht erfolgreicher, aber klassischer Kinofilm des großen Billy Wilder von 1970. Auch hier ging es nicht nur um einen Kriminalfall, sondern auch um den Menschen Holmes und wie er "funktioniert".

Philip Kerr übernimmt dieses Konzept. Isaac Newton (1643-1727) wird gefeiert als "Erfinder" des Prinzips der allgemeinen Gravitation. Darüber hinaus hat er als Mathematiker, Physiker, Astronom so viele grundlegende Entdeckungen gemacht, dass er völlig zu Recht als eines dieser raren Universalgenies gilt, welche die Natur in großen Abständen hervorbringt.

Der Mensch Isaac Newton verschwand hinter dem Wissenschaftler

Der Mensch Isaac Newton verschwand lange hinter dem Wissenschaftler. Dabei ist das Privatleben dieses Mannes mindestens ebenso interessant wie seine Forscherlaufbahn oder seine Jahre als Münzmeister. Der naturwissenschaftlich messerscharf denkende Forscher war auch ein Anhänger der Alchimie, der viel Zeit in die Suche nach dem Stein der Weisen investierte.

Zwischen beide Polen des Menschen Isaac Newton - Rationalist u n d Mystiker - legt nun Philip Kerr seine spannend erdachte Geschichte. "Sein" Newton ist ein überaus systematischer Zeitgenosse, ein Mann, der Fakten sammelt und sie auswertet, bevor er sich ein Urteil bildet. Damit wäre er auch heute noch eine Ausnahmeerscheinung. Im London des Jahres 1697 ist er seiner Zeit ein wenig zu weit voraus: Wer sich hier allzu klug und wissend gibt, gerät leicht in den Ruf, ein Ketzer oder gar Hexer zu sein. In einem System, das der Rache den Vorzug vor der Gerechtigkeit gibt, ist das kein Risiko, das der kluge Mann eingehen möchte. Newton ist zudem - ganz Holmes - ein kühler, manchmal sogar kaltherziger Mann, der wenig Geduld mit denen zeigt, die ihm geistig nicht gewachsen sind. Das trifft eigentlich auf alle seine Mitmenschen zu, was Newtons Beliebtheit ganz sicher nicht steigert.

Christopher Ellis als Newtons "Watson"

Obwohl er sich als Münzmeister bewährt, ist Newton doch ein allzu vergeistigter Mensch, als dass er sich in den Niederungen des gemeinen Verbrechens zurecht fände. Hier benötigt er deshalb einen Gehilfen, der mit beiden Beinen im prallen Leben steht - einen Dr. Watson eben. Diese Aufgabe übernimmt der junge Christopher Ellis, der auch als Chronist der beschriebenen Ereignisse auftritt. Er bildet außerdem eine Art Puffer zwischen uns, den Lesern, und dem historischen Isaac Newton, der uns sonst erst recht fremd bleiben müsste. Höchstens sechs Menschen auf dieser Welt seien in der Lage, Newtons Hauptwerk ("Philosophiae naturalis Principia mathematica" - "Mathematische Prinzipien der Naturphilosophie") zu lesen und zu begreifen, heißt es an einer Stelle. Das trifft zu - und wie sollen wir Zugang zu einem Charakter finden, der so offensichtlich nicht ganz von dieser Welt ist? Hier zu vermitteln ist Ellis´ Aufgabe.

Er ist ansonsten der junge Held, der mit dem Degen und der Pistole umgehen kann und daher manche turbulente Szene bestreitet, die zu einem Roman wie "Newtons Schatten" gehören. Auf Verfolgungsjagden, Duelle, aber auch wüste Bordellszenen müssten wir sonst wohl verzichten.

Die obligatorische Liebesgeschichte fehlt nicht

Außerdem benötigen wir Ellis für die obligatorische Liebesgeschichte. Hier ist Newtons Nichte das Objekt der Begierde. Kerr macht aus Catharine Barton keine anachronistische Vorkämpferin des Feminismus´, sondern schildert sie als berechnende oder kluge Frau in einer Epoche, als es nur auf Umwegen möglich war, sich einen Platz in der von Männern dominierten Welt zu erlisten. Und wo steht geschrieben, dass die weibliche Heldin stets einen vorbildlichen Charakter besitzen muss?

Ansonsten bewegen sich unsere Helden wie schon erwähnt in einer Welt wahrlich kurioser, farbenfroher Gestalten - grobschlächtige Soldaten, dralle Dirnen, von der Syphilis zerfressene Schurken, trunksüchtige Adlige; eine endlose Galerie fast schon karikierter, aber sehr eindrucksvoller Belege dafür, dass London Anno 1697 kein Ort für Weichlinge des 21. Jahrhunderts ist. Pardon wird nicht gegeben in dieser Vergangenheit, die ein soziales Netz nicht kennt. Das Glück ist mit dem Tüchtigen, der es dem weniger Skrupellosen in der Regel entreißen muss. Außerdem wirken möglichst konturstark geschnitzte Figuren in einer späteren Verfilmung wesentlich plastischer - der kluge Autor muss heutzutage multimedial denken ...

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