Der Tag X

Erschienen: Januar 2001

Bibliographische Angaben

  • London: Orion, 1999, Titel: 'The Shot', Seiten: 370, Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Wunderlich, 2001, Seiten: 506, Übersetzt: Cornelia Holfelder-von der Tann
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002, Seiten: 506
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2003, Seiten: 506
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2005, Seiten: 506

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Michael Drewniok
Historien-Reißer ohne Ellroy-Gestammel

Rezension von Michael Drewniok Nov 2003

Die USA im Jahre 1960. Der Wahlkampf der beiden Präsidentschaftskandidaten John F. Kennedy und Richard Nixon geht seinem Höhepunkt entgegen. Das ganze Land fiebert mit, denn es zeichnet sich ein dramatisches Kopf-an-Kopf-Rennen ab.

Tom Jefferson interessiert sich trotz seines patriotischen Namens wenig für Politik. Zwar arbeitet Mary, seine Ehefrau, als Wahlhelferin im Kennedy-Tross mit, doch das lässt ihn kalt. Das ist sein üblicher Gemütszustand, denn Tom ist ein Auftragskiller - einer der besten seines mörderischen Gewerbes, und daher gut im Geschäft. Mary weiß von seinem Job und billigt ihn; die Eheleute konnten in Fernost (Mary ist Asiatin, Tom war im Koreakrieg) vom russischen Geheimdienst KGB rekrutiert werden und tragen seit dieser Zeit jeder auf seine Weise dazu bei, den Kapitalistenknechten möglichst viel Schaden zuzufügen.

Toms und Marys Tarnung ist perfekt. Das bringt Tom in gewisse Schwierigkeiten, als er für den "Hit" seines Lebens angeheuert wird: ein Attentat auf Fidel Castro, der unlängst auf der Insel Kuba die Macht an sich gerissen hat. Seither ist Kuba sozialistisch und Castro, "der Bart", in den USA der Staatsfeind Nr. 1. Noch stärker hassen ihn jene, die lange Jahre gutes Geld in den Casinos und Lasterhöhlen der Insel gescheffelt haben, die nun verstaatlicht wurden: Die Mafia hat ein Vermögen verloren, und sie fackelt nicht lange: Der Bart muss weg, und Tom soll ihn abrasieren.

Diese Tat würde in Moskau keine Begeisterung finden. Tom hält sich bedeckt, denn er bewegt sich auf äußerst dünnem Eis. Sam Giancana, der gefürchtete Boss der Mafia, setzt sich höchstpersönlich mit dem misstrauischen Attentäter in Kontakt: Der Castro- Mord wird mit Wissen und Billigung der US-Regierung geschehen - der Geheimdienst CIA und das FBI arbeiten mit der Mafia und mit castrofeindlichen kubanischen Rebellen zusammen, denn jeder Verbündete - und sei es der Teufel selbst - ist den Amerikanern recht, Moskaus Fünfte Kolonne direkt vor der karibischen Haustür auszuschalten.

Bei dieser Gelegenheit erfährt Tom auch zufällig davon, dass die Mafia einen Deal mit dem Kennedy-Clan eingegangen ist: Sie wird JFK zum Wahlsieg verhelfen, und er wird im Gegenzug dafür sorgen, dass die Behörden den Mob zukünftig in Ruhe lassen. Damit Kennedy notfalls an die Kandarre genommen werden kann, lässt ihn Giancana abhören. JFK ist ein notorischer Fremdgänger und Schürzenjäger, der sogar Marilyn Monroe auf sein Lotterbett gelockt hat. Das Band mit diesem Ereignis möchte der kühle Tom sich gern anhören, doch die erotische Vorfreude verwandelt sich in blanken Horror: Das Band wird verwechselt, und Tom muss nun vernehmen, wie es der geile Präsidentschaftsanwärter mit der entzückten Wahlhelferin Mary treibt. Zu einer Aussprache zwischen den Eheleuten kommt es nicht mehr, denn noch in derselben Nacht erhält Tom die Nachricht, dass Mary ums Leben gekommen ist. Tom disponiert um. Mit der Anzahlung der Mafia taucht er unter und plant nun, Kennedy an Castros Statt zu töten. Der wütende Ciancana, der um den teuer gekauften neuen Präsidenten fürchtet, heuert den korrupten, mit allen Wassern gewaschenen Polizisten Jimmy Nimmo an, um Tom aufzuhalten, der unbeirrt den Tag X vorbereitet, der JFKs letzter werden soll ...

... und der Bart lebt immer noch; das tut er bis auf den heutigen Tag. Er hat sie alle überlebt, die ihm ans Leben wollten; sollte uns das zu denken geben, da doch angeblich jeden Bösewicht irgendwann die gerechte Strafe trifft, wie uns das die eher alttestamentarisch eingestellten Vordenker unserer Gesellschaft weismachen wollen? John F. Kennedy, den strahlenden Lügenkönig von Camelot, wie das Weiße Haus unter seiner Regentschaft gern genannt wurde, deckt dagegen schon lange der kühle Rasen von Arlington; dafür ist er in die Legende eingegangen und vierzig Jahre nach seinem Ende lebendiger denn je. Aber dies ist aus gutem Grund der Stoff, aus dem die Thriller-Träume sind: der Kalte Krieg mit seinen unübersichtlichen Fronten; der bizarre, völlig missglückte Feldzug gegen Castro; der Pakt mit dem organisierten Verbrechen, geknüpft vom Präsidentenvater Joe Kennedy, den man wohl einen der größten unbestraften Gauner der US-Geschichte nennen darf; der Mord von Dallas, scheinbar das Attentat eines verstörten Einzelgängers, womöglich aber der Höhepunkt einer Verschwörung des US-Geheimdienstes, der Mafia und der Exil-Kubaner, die Kennedy nach seiner Wahl alle vor den Kopf gestoßen hatte - Wissen, Halbwissen und Spekulationen, mal mehr, mal weniger wüst vermischt: Das sind die Elemente auch dieses Romans, der sich damit auf ein tief ausgefahrenes Gleis begibt.

So bietet "Der Tag X" zunächst tatsächlich keine Überraschung (und im Mittelteil einigen Leerlauf), die uns Oliver Stone, der Komplott-König von Hollywood, im Monumental-Filmepos "JFK" von 1991 nicht schon beschert hätte. Es ist schon erstaunlich, in welchem Maße die zahlreichen Theorien über die (angeblichen) Hintergründe des Kennedy-Attentats seither Allgemeingut geworden sind: Wir kennen die Guten und die Bösen dieses Spiels (und das ist es geblieben, denn echte Beweise für eine Verschwörung gibt es nach wie vor nicht) und die ihnen zugedachten Rollen; die Eckdaten stehen fest, auch die Kulissen sind bekannt. Daher fällt es leicht, der recht komplexen Handlung von "Der Tag X" zu folgen. Freilich ist Philip Kerr außerdem ein famoser Unterhaltungskünstler, der seinen Stoff fest im Griff behält. Weil dem so ist, lässt sich sein Werk ohne Abstriche als spannender Thriller genießen, der nicht den Anspruch erhebt, das Rätsel zu lösen. Doch Kerr hat so gut gearbeitet, dass ihm jeder Leser gern bestätigt: Jawohl, so könnte es immerhin gewesen sein. Damit hat der Verfasser die wichtigste Voraussetzung für einen gelungenen Lektürespaß erfüllt - sogar wenn wir wissen, dass Kennedy für dieses Mal noch einmal davonkommen wird!

Dass harte Arbeit dahinter steht, merkt der Leser nicht - muss er (oder sie) auch nicht, denn wen interessiert es schon, wie ein Rolls Royce unter der Motorhaube funktioniert: Man will ihn schnurren hören, während er einen sänftengleich dem Ziel entgegenträgt. Nur unsichere und schwatzhafte Schriftsteller protzen mit ihrem Recherchewissen, das sie ihrem Publikum aufdringlich unter die Nase reiben. "Der Tag X" ist dagegen einfach ein Roman, der im Jahre 1960 spielt. Zeitkolorit kommt dort ins Spiel, wo es die Handlung fordert. Ansonsten wird eine spannende Geschichte erzählt. Was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, ist in der Buchwelt leider eher selten, so dass es hier unbedingt lobend hervorgehoben werden sollte.

In diesen politisch überkorrekten Zeiten ist es leider fast schon gewagt, als Hauptfigur eines Romans einen Mörder zu wählen. Noch schlimmer: Tom Jefferson ist kein Mörder, den malerisch jene Selbstzweifel plagen, die später einen Tom Hanks oder Cruise oder einen anderen wirklich großen Filmstar dazu locken könnten, ihn auf der Kinoleinwand Gestalt annehmen zu lassen. Er ist auch kein Psychopath, der gern tötet oder von Stimmen dazu getrieben wird (was Robert DeNiro oder Harvey Keitel ins Spiel brächte), sondern einfach ein Mann, der tut, was er gelernt hat, am besten kann und was ihm den höchsten Lohn einbringt. Wen solche Amoralität abstößt, greife halt zu einem der künstlerisch wertvollen Wallander-Thriller des Henning Mankell (für Intellektuelle und jene, die sich gern dafür halten), oder zum modischen Krimi-Surrogat à la Donna Léon oder Elizabeth George (für den Freizeitleser, der sich nicht aufregen will). Er (oder sie) muss sich dann auch nicht darüber aufregen, dass dieser Tom Jefferson ein recht sympathischer Charakter ist. Dafür muss er sich nicht einmal sehr ins Zeug legen, denn er trifft ausschließlich auf Lügner, Heuchler und Strolche. Jeder hat Dreck am Stecken in Kerrs Welt, und das schließt Ordnungshüter und Präsidenten keineswegs aus. Im Gegenteil: Stets wird unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit besonders heftig betrogen, gefälscht und gemordet.

Dabei wirkt "Der Tag X" nie zynisch, sondern einfach nur realistisch. Das trifft auch dann zu, wenn Kerr reale Personen der Geschichte auftreten lässt - immer heikel, weil es gilt, Schein und Wirklichkeit so zu mischen, dass es dem Bild gerecht werden kann, das man vor Augen hat: John F. Kennedy, J. Edgar Hoover oder Sam Giancana sind auch heute noch (in den USA) dank der Medien bekannte Persönlichkeiten. Wer sich mit ihnen allzu große Freiheiten gestattet, zerstört die Illusion. Kerr trifft dagegen auch hier den Ton. So bizarr es klingen mag: Die unschuldigste Figur in Kerrs Hexenkessel ist ausgerechnet Fidel Castro, denn der ahnt in keiner Sekunde, welche Rolle ihm im Trauerspiel um den Kennedy-Mord zugedacht wurde. Statt dessen erleben wir aus der Ferne einen übereifrigen Idealisten, der sich gar zu gern reden hört. Solche Pointen zeugen von echtem Witz, und sie unterstreichen Kerrs bemerkenswertes erzählerisches Talent.

Er hat es schon oft unter Beweis gestellt. Inzwischen glaubt man gern, dass Philip Kerr offenbar in jedem Genre firm ist. Historische Krimis hat er geschrieben, High-Tech- Thriller, die einen Michael Crichton vor Scham im Boden versinken lassen müssten ("Game Over"), moderne Abenteuergeschichten ("Esau"), lupenreine Science Fiction ("Der zweite Engel") usw. usf. ... Immer wieder überrascht er sein Publikum, das sich im Buchladen längst an seinem Namen orientiert und erst in zweiter Linie dafür interessiert, welches Thema er just gewählt hat. Gibt er für einen Schriftsteller ein größeres Kompliment?

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