Zeit zu Sterben

  • Rowohlt
  • Erschienen: Januar 2002
  • Helsinki: Tammi, 1999, Titel: 'Tappava Säde', Seiten: 292, Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002, Seiten: 285, Übersetzt: Gabriele Schrey-Vasara
  • Reinbek bei Hamburg: Wunderlich, 2004, Seiten: 288
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2006, Seiten: 288
Zeit zu Sterben
Zeit zu Sterben
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Thomas Kürten
84°

Krimi-Couch Rezension vonAug 2003

Die etwas anderen Waffen einer Frau

Opfer körperlicher Gewalt zu werden ist an und für sich schon schlimm genug. Wenn sich diese Gewalt aber in den heimischen vier Wänden hinter der Fassade familiärer Glückseligkeit abspielt, endet dies schnell in Verzweiflung, Hilflosigkeit und Ohnmacht bei allen, die davon Kenntnis erlangen. Leena Lehtolainen hat diese gnadenlose Ohnmacht in ihrem vielleicht bislang besten Buch thematisiert und so die vielleicht in den Ohren eines Krimilesers sonderlich klingende Mischung eines sehr sensiblen Hard Boiled Thrillers geschaffen.

Säde arbeitet in einem Frauenhaus als Sozialarbeiterin und ist durch ihren Beruf jeden Tag mit den Opfern familiärer Gewalt konfrontiert. Ihr Haus, der "Schutzhafen" wurde aus dem Nachlass einer katholischen Ordensschwester gegründet und in die Satzung der geschäftsführenden Stiftung ist der Passus aufgenommen, dass von den Mitarbeitern des Hauses Familien nicht aktiv getrennt werden sollen. Alles soll nach freiem Willen der Gewaltopfer geschehen. Dass es mit freiem Willen oder rationalen Entscheidungen bei den Opfern allerdings nicht weit her ist, das weiß Säde aus jahrelanger Berufserfahrung.

Als eine der Frauen, die im Schutzhafen mehrfach Zuflucht gesucht haben, von ihrem Mann zu Tode geprügelt wird, reicht es Säde ein für alle mal. Aus der braven, zurückhaltenden, unauffälligen und pflichtbewussten Sozialarbeiterin wird mit einem mal die entschlossene und mutig kämpfende sanfte Rächerin. Sie ist die erste, die den Opfern im Schutzhafen den Gang zur Polizei und die Anzeige gegen den eigenen Gatten oder Sohn empfiehlt. Sie wagt es sogar, noch einen Schritt weiter zu gehen. Als sie Kleidungsstücke aus der Wohnung eines Gewaltopfers holt, weil sich diese Frau nicht mehr in die Wohnung ihres Mannes zurück traut, entdeckt sie, dass das Kabel des elektrischen Rasierers schon ein wenig verschlissen ist. Sie raut es ein wenig weiter auf, bis der blanke Kupferdraht durchschaut. Am nächsten Tag stirbt der gewalttätige Ehemann tatsächlich an einem Stromschlag während des Rasierens.

Noch weitere Männer sollen dem Racheengel zum Opfer fallen. Immer hilft sie ein kleines bisschen nach, damit die Widerlinge auch tatsächlich ihren verfrühten Weg ins Jenseits finden. Die Polizei um die Kommissarin Maria Kallio, Heldin in den anderen Krimis Lehtolainens, scheint zwar die Verwicklung Sädes in die Mordfälle zu ahnen, kann aber nichts beweisen.

Ganz interessant ist die charakterliche Veränderung Sädes zu beobachten. Vom grauen Mauerblümchen mit absoluter Kontaktangst wandelt sie sich zur selbst- und modebewussten Frau mit Rückgrat. Zunächst deutlich übergewichtig, nimmt sie im Laufe des geschilderten Jahres mehr und mehr ab. Sie ändert ihre Frisur zu einem modischen Kurzhaarschnitt, färbt die Haare auch mehrfach. Und auch trotz großer und scheinbar unüberwindbarer Kontaktangst, lässt sie sich mehr und mehr auf die Liaison mit einem Mann ein, der als Gewalttäter vier Jahre im Gefängnis saß. Dessen Schicksal verbindet sich urplötzlich mit einer der Frauen, die bei Säde im Schutzhafen Zuflucht suchen.

Neben der mit Hilfe der Erzählperspektive (der Ich-Erzähler gibt die Macken und irrationalen Gedankengänge eines vor Mord nicht zurückschreckenden, kontaktscheuen Menschen hervorragend wieder) sehr gelungenen Zeichnung der Charakterzüge Sädes, ist es Lehtolainen besonders anzurechnen, dass es ihr hier stellenweise gelungen ist, Action zu vermitteln. Dennoch wirkt dieser Teil kurz vor Schluss zu gewollt, zu sehr inszeniert. Auch ohne die gut vermittelte Action hätte der Leser nicht das Gefühl, wesentliches zu verpassen. Das Finale bietet dem Leser zudem einen faustdicke Überraschung, mit der Lehtolainen den Auslöser für die plötzliche Charakteränderung glaubhaft machen kann. Sogar die Angst vor der eigenen Familie, die lange seltsam erscheint, ließe sich damit erklären und könnte wohl einen Psychologen überzeugen.

Leena Lehtolainen gelingt es, mit einem schwierigen Thema, das zu oft ein Tabu darstellt, sensibel umzugehen und einen sehr unterhaltsamen Kriminalroman zu schreiben. Es gelingt ihr auch, ihre Heldin die Fehlerhaftigkeit ihrer Handlungsweise einsehen zu lassen und Alternativen zu erkennen. Der moralische Zeigefinger ist nicht zu übersehen. Mit dem Ende des Buches kann sich der Leser sicher sein, dass Säde nie mehr wieder ein wenig nachhelfen wird. Teilt man das Buch in drei Teile, dann sind die ersten beiden wohl als sehr stark zu bezeichnen, das Schlussdrittel aber wohl eher als zufriedenstellend. Es gibt einige Längen (u.a. die überflüssig scheinende Actionsequenz, Streit mit Chorfreunden) und die wohl etwas zu dick aufgetragene Schlussüberraschung. Lesenswert allemal als besonderes Stück unter den gegenwärtigen skandinavischen Kriminalliteratur.

Zeit zu Sterben

, Rowohlt

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