Die Saat des Drachen

Erschienen: Januar 1990

Bibliographische Angaben

  • London: W.H. Allen, 1988, Originalsprache
  • München: Goldmann, 1990, Seiten: 383, Übersetzt: W. M. Riegel
  • München: Goldmann, 1991, Seiten: 383

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Jürgen Priester
Little Saigon, Kalifornien

Buch-Rezension von Jürgen Priester Nov 2003

Der Krieg in Vietnam in den 1960/70er Jahren war wohl eins der dunkelsten Kapitel der US-amerikanischen Geschichte. 2 Millionen Tote auf Seiten der Vietnamesen, 60.000 US-Soldaten ließen ihr Leben, ungezählt die körperlichen und geistigen Krüppel auf beiden Seiten. Die älteren unter uns erinnern sich aus den Schlagzeilen und Berichten dieser Zeit an die Aussichtslosigkeit, ja Sinnlosigkeit der damaligen US-Politik. Am bekanntesten dürften die zahlreichen Verfilmungen zu diesem Thema sein, aber auch die Kriminal-Literatur hat sich mit dem Vietnamkrieg und seinen Nachwirkungen beschäftigt. Hauptsächlich sind es US-Autoren, die ihre Geschichten in einen historischen Kontext eingebunden haben oder ihre Protagonisten mit einer Vietnam-Vergangenheit ausstaffiert haben.

So ist T. Jefferson Parkers Little Saigon (ich verwende stets den amerikanischen Titel, weil der deutsche Die Saat des Drachen einfach zu blöd ist) die Geschichte des Vietnam-Veteranen Bennett Frye und seiner vietnamesischen Frau Kieu Li, die sich nach dem Krieg in Fryes Heimatstadt Laguna im kalifornischen Orange County eingefunden haben. Beider Leben ist nach wie vor von ihrer gemeinsamen Vergangenheit in der "Grünen Hölle" bestimmt, aber das erfahren wir erst Zug um Zug, denn der Erzähler der Geschichte ist Bennetts jüngerer Bruder Chuck.

Die Fryes gehören zu den einflussreichsten Familien der Gegend. Vater Edison hat sein Geld mit spekulativen Immobiliengeschäften gemacht, Sohn Bennett steht schon als sein Nachfolger parat, nur Chuck, das "schwarze Schaf" der Familie sozusagen, geht seine eigenen Wege. Der Ex-Ehemann, Ex-Surfprofi, Ex-Reporter lebt mit dem wenigen Ersparten in den Tag hinein, ohne dass sich für ihn eine Zukunftsperspektive auftut. Das ändert sich erst, als auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung seine Schwägerin Li von Maskierten entführt wird. Da einer der Täter, der während der Entführung erschossen wird, sich als Vietnamese entpuppt, führt die Spur in die vietnamesische Enklave Little Saigon. Chuck wird konfrontiert mit einem scheinbar undurchdringlichen Geflecht von Beziehungen familiärer und geschäftlicher Natur. Ehemalige "Boat-People" und viele Nachzügler arbeiten hier in der "Neuen Welt" nicht nur an einer neuen Existenz, sondern unterstützen auch die Zurückgebliebenen in der alten, jetzt kommunistischen Heimat. Ein kollektives Schweigen lässt Chuck vor viele verschlossene Türen rennen, doch winzige Puzzle-Teilchen ergeben langsam ein Gesamtbild, das auch die Aktivitäten von Bruder Bennett und Schwägerin Li in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt.

Kompliziert wird die ganze Angelegenheit, weil neben den örtlichen Polizeikräften und dem FBI auch noch die US-Geheimdienste involviert sind, die staatliche Interessen zu vertreten haben.

Jeff Parkers Romane aus den 1980/90er Jahren mögen aus heutiger Sicht ein bisschen antiquiert wirken. Auch könnten seine Themen zu amerikanisch für ein deutsches Publikum sein, aber seine Ideen entstammen dem Alltagsleben von ganz normalen Menschen. Little Saigon basiert auf einer kurzen, von Parker selbst erlebten Szene in einem Tabakladen zwischen der vietnamesischen Besitzerin und einem Vietnam-Veteranen als Kunden –bevor der Kunde seinen Wunsch äußern kann, legt ihm die Vietnamesin eine Schachtel seiner Marke auf den Tresen. Nicht nur der Veteran ist verblüfft. Ausgehend von der Frage: Wie konnte die Vietnamesin wissen, was der Veteran (b)raucht, beschäftigt sich Parker mit dem Leben der vietnamesischen Flüchtlinge in seiner Nachbarschaft und spinnt daraus einen spannenden Plot über Völkerverständigung, Machtpolitik, Interessenskonflikte und nicht zuletzt über eine Selbstfindung. Chuck Frye, der verlorene Sohn, kehrt mit einem neuen (Selbst-)Bewusstsein in den Schoß seiner Familie zurück.

Die mysteriöse Entführung einer liebenswerten Protagonistin ist für mich immer ein besonders spannender Auftakt einer Story, hängt doch die ganze Zeit das Damokles-Schwert eines möglichen Todes über der Figur, und nicht immer kann man davon ausgehen, dass sie überlebt. Jeff Parker entwickelt seine Geschichte recht sorgfältig, legt Wert auf eine genaue Charakterzeichnung seiner Figuren und einen stimmigen Aufbau seines Szenarios. Im Vordergrund steht immer die Frage nach dem "Warum". Action-Szenen und die explizite Darstellung von Gewalt sind nicht Parkers Ding, was einen Großteil der Leserschaft wohl eher abschrecken wird. Wer aber Wert legt auf einen durchdachten, atmosphärischen (leicht hard-boiled) Krimi , der liegt mit Little Saigon goldrichtig.

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