Die Frau in dem Fass

Erschienen: Januar 1974

Bibliographische Angaben

  • London: Collins, 1920, Titel: 'The Cask', Seiten: 357, Originalsprache
  • München: Heyne, 1974, Seiten: 142, Übersetzt: Günter Treffer
  • Zürich: Diogenes, 1991, Seiten: 411, Übersetzt: Arthur Meyer

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Ein Unfall beim Verladen eines Fasses bringt an einem Sommertag des Jahres 1912 im Hafen von London Erstaunliches zutage: Statt der offiziell dort enthaltenden Statuen aus Frankreich finden sich Goldmünzen - und die Leiche einer jungen Frau (immerhin auch französischer Herkunft).

Inspektor Burnley von Scotland Yard findet bald heraus, dass es sich bei dem Mordopfer - die Abdrücke zehn zorniger Finger finden sich auf dem Kehlkopf - um die verstorbene Annette Boirac aus Paris handelt. Sie hat dort ihren Gatten Raoul, einen erfolgreichen Geschäftsmann, verlassen und plante offenbar zu ihrem Geliebten in London zu reisen. Léon Felix ist ebenfalls gut betucht und ein passionierter Kunstsammler. Allem Anschein nach hat er allerdings noch mindestens ein weiteres weibliches Eisen im Feuer, so dass ihm die Ankunft Annettes denkbar ungelegen gekommen sein könnte.

Akribisch geht Burnley der Spur des Fasses nach. In Frankreich unterstützt ihn sein Kollege Leforge von der Sureté. Es mehren sich die Indizien, die Felix in Verdacht bringen. Schließlich wird er in Untersuchungshaft genommen. Aber er ist nicht ohne Freunde. Sie beauftragen den bekannten Anwalt John Wakefield Clifford mit seiner Verteidigung. Aber auch Inspektor Burnley ist nicht wirklich von Felix' Schuld überzeugt. Allzu viele Beweise sprechen allzu deutlich gegen ihn. Hat sich der wahre Täter eines Tricks bedient, muss ein Unschuldiger als Sündenbock herhalten? Falls ja, spricht alles dafür, dass der Mörder zu dem kleinen Kreis derer gehört, die mit dem Boirac-Fall in Verbindung gebracht werden können ...

Die Lösung des Rätsels soll hier natürlich verschwiegen werden, doch es ist sicher keine Überraschung, dass Burnley und Clifford richtig liegen. Wie sie es (mit Verstärkung des Privatdetektiv La Touche) schaffen, den Mörder hinter der kunstvoll aufgebauten Barriere gefälschter Indizien hervorzulocken, zu klären, wie und wann Madame Boirac ins Fass kam: Das ist Krimi-Klassik reinsten Wassers. In diesem Drama gibt es reichlich falsche Fährten und Lügen, aber grundsätzlich liegen dem Leser dieselben Hinweise vor wie den ermittelnden Beamten. Setzen sie diese korrekt zusammen, müssten sie eigentlich gleichzeitig mit diesen zur Lösung gelangen.

Für dieses intellektuelle Spiel nach Feierabend gilt es einen Preis zu zahlen. Miträtsel-Krimi à la "Die Frau im Fass" sind mechanisch um ihren Fall konstruierte Geschichten, deren Verfasser sich nur sekundär um eine spannende Handlung kümmert. Statt dessen werden unzählige Fakten ausgebreitet, penibel aufgedröselt, verworfen, neu eingeordnet, montiert. Die Polizei wird ausgiebig bei ihrer Routinearbeit beobachtet, Zeugen werden befragt, Alibis nachgeprüft. Der Leser wird mit den für den Fall relevanten persönlichen Hintergründen der Beteiligten vertraut gemacht.

Dazu kommt Crofts Hang zur Schilderung alltäglicher Routinen. Nach der Lektüre weiß der Leser genau, wie und wann man 1912 per Zug und Fähre von London nach Paris und zurück fahren konnte oder wie der Frachtverkehr zwischen diesen Städten funktionierte. Aber kommt Crofts damit gegen Arthur Conan Doyle an, der Sherlock Holmes & Dr. Watson im romantisch-gruseligen Grimpenmoor gegen den Hund der Baskervilles kämpfen lässt?

Von einem eher intellektuellen Standpunkt betrachtet kann Crofts wahrscheinlich mithalten. Doch aus dem Bauch heraus hat er keine Chance. "Die Frau im Fass" kann heute als Zeuge einer versunkenen Krimi-Epoche interessieren, keineswegs allerdings faszinieren. Was einst den Reiz dieser Geschichte ausgemacht hat - die Crofts 1920 schlagartig außerordentlich berühmt machte -, lässt sich heute nur schwer nachvollziehen. Immerhin pries Raymond Chandler - der es wissen müsste - Crofts als vielleicht größten Plot-Tüftler seiner Zeit. Nur macht uns "Die Frau im Fass" deutlich, dass der Plot eben nicht alles ist (und wieso der scharfsinnige und -züngige Julian Symmons für Thriller der Croftschen Machart das Genre der "Humdrum School" kreierte, in der teilnahmslosen Lesern stumpfsinnig der Unterrichtsstoff eingetrichtet wird).

Wo alles sich "dem Fall" unterzuordnen hat, dürfen selbstverständlich die Protagonisten den Kopf nicht allzu hoch erheben. Identifikationsfiguren fehlen in diesem Spiel. Burnley oder Leforge oder Clifford oder La Touche tun ihren Job und lassen sich dabei von uns in die Karten sehen. Sie sind fähig, womöglich genial, aber das kommt nur im Finale zum Tragen und ist das Ergebnis geradezu unerbittlicher kriminalistischer Arbeit. Ein Privatleben haben diese Männer nicht.

Die betonte Sachlichkeit hat freilich auch ihr Gutes. Crofts verschont seine Leser mit hilflos händeringenden weiblichen Schönen, verfolgt von hämisch-geilen, schwarzschnurrbärtigen Schurken, verteidigt von granitkinnigen, chronisch heldenmütigen Ehrenmännern. Statt dessen weiß er den Eindruck zu vermitteln, dass die Menschen Anno 1912 zwar in einer anderen Welt, aber nicht auf einem fremden Stern lebten. Ein ganz normales Alltagsleben wird unter den exotischen Zügen der Vergangenheit sichtbar; in diesem Punkt wirkt "Die Frau im Fass" erstaunlich modern.

Crofts verzichtet zudem auf billige Tricks. So ist die Zusammenarbeit zwischen der englischen und der französischen Polizei ganz selbstverständlich. Es gibt keine "lustigen" Konfrontationen zwischen kaltblütigen Inselkelten und lebenslustigen Galliern. Folgerichtig wird auch die verstorbene Annette Boirac nicht als typisch französische, d. h. lose Lebedame und Ehebrecherin verunglimpft, sondern als unglückliche Ehefrau und Opfer eines Verbrechens betrachtet. Ihr Privatleben wird ganz nüchtern aufgerollt, weil es für die Lösung des Falles von Bedeutung ist. Eines Urteils enthalten sich sowohl die Polizisten als auch der Verfasser. Das ist sicherlich eine Erklärung dafür, dass Chandler, der die betulich-blutleeren, weltfremden Landhaus-Krimis seiner Zeit verachtete, Crofts verehrte, obwohl dieser im Grunde zu den wichtigsten Vertretern des "Goldenen Zeitalters" der englischen Kriminalliteratur zählte.

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Letzte Kommentare:
17.10.2006 11:48:43
Rolf Wamers

Dies ist einer der Klassiker des englischen Kriminalromans, und zusammen mit Agatha Christies Styles-Roman markiert er den Beginn des Golden Age. Es ist Crofts erstes Buch - und sein bestes, das den Vergleich mit dem Christie-Buch nicht zu scheuen braucht. Später erfand er seinen Serienhelden Inspector French, die zu kanckenden Alibis wurden immer komplizierter, die Helden und die Erzählweise immer schwerfälliger. Deshalb ist Croft heute auch in GB ziemlich Out of Print. Diesen Erstling aber sollte man (in der Diogenes-Ausgabe) gelesen haben.

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