Die Rückkehr des Tanzlehrers

Erschienen: Januar 2002

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Ordfront, 2000, Titel: 'Danslärarens återkomst', Originalsprache
  • Wien: Zsolnay, 2002, Seiten: 505, Übersetzt: Wolfgang Butt
  • Wien: Zsolnay, 2004, Seiten: 505
  • München: dtv, 2009, Seiten: 505

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Peter Kümmel
Der Roman ist von Anfang bis Ende spannend und fesselnd

Rezension von Peter Kümmel Aug 2003

Vorangestellt ist dem Roman ein Prolog, der im Jahr 1945 spielt, über 50 Jahre vor der eigentlichen Handlung. Der englische Henker Davenport wird nach Deutschland geflogen, wo er innerhalb von zwei Stunden zwölf deutsche Kriegsgefangene hinzurichten hat. Schon hier wird klar, dass die Ursprünge des Verbrechens, das im Jahr 1999 in Schweden geschah bis weit in die Vergangenheit hineinreichen.

Doch zunächst wollen wir Mankells neuen Protagonisten Stefan Lindman kennenlernen. Lindman ist 37 Jahre alt und ist Polizeibeamter in Borås. Lindman hat zwar eine feste Freundin, die Polin Elena, doch leben beide in getrennten Wohnungen. Sein einziges Hobby ist der heimische Fußballclub Elfsborg. Für Lindman beginnt das Buch gleich mit einem Schicksalsschlag. Im Krankenhaus bekommt er die Diagnose gestellt, dass er an Zungenkrebs leidet. Noch gar nicht fähig, einen klaren Gedanken fassen zu können, wartet in der Cafeteria des Krankenhauses beim Blättern in einer Zeitung gleich der nächste Schock: Herbert Molin wurde ermordet.

mit einer Peitsche das Fleisch vom Körper gezogen

Herbert Molin war ein ehemaliger Kollege, längst pensioniert und inzwischen fast 80 Jahre alt. Er zog, nachdem er aus dem Polizeidienst ausschied, in den hohen Norden nach Härjedalen und lebte dort zurückgezogen alleine in einem entlegenen Haus im Wald. Und nun war er bestialisch ermordet worden. Ihm wurde solange mit einer Peitsche das Fleisch vom Körper gezogen, bis er tot war. Da hatte wohl jemand einen besonders starken Hass auf Molin gehabt.

In drei Wochen soll Lindmans Behandlung beginnen. Bis dahin ist er krank geschrieben. Auf der Flucht vor der Krankheit und der eigenen Angst will er zunächst Urlaub auf Mallorca machen, entschließt sich dann jedoch spontan, nach Norrland zu fahren, um zu sehen, wie und wo Molin gelebt hat und sich nach dem Stand der Ermittlungen zu erkundigen.

Mit dem zuständigen Beamten, der den typisch schwedischen Namen Giuseppe Larsen trägt, versteht er sich auf Anhieb sehr gut, so dass er auch sofort Einblick in die laufenden Ermittlungen bekommt, obwohl er nur als Privatperson anwesend ist. Im Haus hat der Täter mit Molins blutigen Füssen Abdrücke nach dem Schema von Tangoschritten hinterlassen. Molin war zwar begeisterter Tänzer, doch bleibt dieser Hinweis ein Rätsel.

ein überzeugter Nazi

Auf der Suche nach dem Motiv in Molins Vergangenheit findet Lindman durch Zufall heraus, dass sein ehemaliger Kollege im zweiten Weltkrieg der Waffen-SS angehörte und bis zuletzt ein überzeugter Nazi war. Im Zuge der Ermittlungen stellt sich heraus, dass der Nationalsozialismus im Krieg in Schweden stark verbreitet war und auch heute noch stärker organisiert ist, als das der Bevölkerung bewusst ist. Auf einer Mitgliederliste entdeckt Lindman dabei sogar den Namen seines verstorbenen Vaters.

Gespannt sein durfte man auf Mankells neuen Kriminalroman, den ersten der Nach-Wallander-Zeit. Es ist auf jeden Fall wieder ein unverkennbarer Mankell geworden. Nur fragt man sich, warum der Protagonist hier nicht mehr Kurt Wallander heißen darf, sondern Stefan Lindman. Vom Charakter her könnte Lindman fast Wallanders Zwillingsbruder sein. Ein Eigenbrötler mit Beziehungsproblemen, Zukunftsängsten, voller Selbstzweifel, psychisch labil und mit recht eigenwilligen Methoden. Ich hatte ob des abrupten Serienendes einen radikalen Einschnitt, vielleicht etwas von der Stilrichtung her anderes erwartet. Doch hätte man diesen Fall durch kleine Änderungen ebenso auf Wallander zuschneiden können.

Dies mag jetzt einerseits eine kleine Enttäuschung sein, weil der Autor eben absolut nichts Neues gebracht hat, zum anderen aber hat man die bekannte Mankell-Qualität und Wallander-Fans werden dieses Buch mit Begeisterung verschlingen. Nicht mehr in Schonen spielt der neue Roman, sondern Mankell hat die Handlung nach Härjedalen in Norrland verlegt, dort wo er selber geboren wurde. Doch hat er trotzdem einen kleinen Bezug zu den Wallander-Krimis geschaffen: Die Figur des Porträtmalers Wetterstedt ist der Bruder des Justizministers Wetterstedt, der in "Die falsche Fährte" eines der Mordopfer gewesen ist.

Wallanders Schreibstil ist auch wieder unverkennbar. Mit seiner unverblümten und sehr einfachen Sprache bringt er die Dinge auf den Punkt. Durch seine zahlreichen Wiederholungen sorgt Mankell dafür, dass der Stoff auch für ungeübte Krimileser leicht eingängig ist, ohne dass es aufdringlich oder langweilig wird. Einzig störend war für mich beim Lesen, dass der Autor seine männlichen Charaktere ständig "pissen" lässt. Es mag ja durchaus einmal angebracht sein, zu beschreiben, dass Lindman auf seiner langen Autofahrt zum Wasserlassen anhalten muß, doch ist es für die Handlung wirklich nicht von Belang, ständig zu erfahren, dass der eine oder andere in einer beliebigen Situation gerade mal "pissen" muss. Auch wirkt der ständige Gebrauch des doch leicht ordinären Wortes "pissen" unangebracht im Vergleich zur sonstigen Sprache des Autors, wenigstens einmal wird auch "gepinkelt".

Überraschend: Die Stärke des deutschen Einfluss während des Zweiten Weltkriegs in Schweden

Mit dem Nationalsozialismus hat sich Mankell diesmal von einer anderen Seite her seinem Grundthema, der zunehmenden Kriminalität in Schweden, genähert. Dabei ist es schon überraschend zu erfahrend, wie stark die deutschen Einflüsse im nach außen hin so überaus neutral erscheinenden Schweden zu Zeiten des zweiten Weltkriegs gewesen sein müssen. Die Gefahren für die Gesellschaft des Landes durch die organisierte Unterwanderung mit rechtsradikalen Einflüssen stellt der Autor in bewährter Manier dar. Die Bedrohung von Lindmans Leben durch die heimtückische Krankheit darf dabei durchaus als Metapher des zentralen Themas gesehen werden.

Der Wechsel der Erzählperspektiven ist ebenfalls eine typische Eigenart des Autors. So wird das erste Kapitel aus Sicht des Mordopfers geschildert, später verfolgt der Leser weitgehend den Protagonisten, doch immer wieder mit Einblicken in die Sicht des Mörders, der keineswegs als die Bestie dargestellt wird, die man aufgrund der Durchführung des Verbrechens erwarten konnte, sondern eigentlich als Mensch mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Auch das Opfer Herbert Molin ist nicht der von Grund auf böse Nazi, sondern man erfährt auch etwas über die Motive, die ihn dazu gemacht haben.

Auch wenn dem Leser die Figur von Molins Mörder bereits nach 150 Seiten offenbart wird, bleibt der Roman doch von Anfang bis Ende spannend und fesselnd. Denn noch bleibt genügend auch für den Leser, der der Polizei immer schon ein paar Schritte voraus ist, aufzuklären.

Ich hab eigentlich nur noch auf einen Showdown mit großer Verfolgungsjagd gewartet, bei der der Täter entkommt, weil der Polizist pissen muss.

Die Rückkehr des Tanzlehrers

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