Arnies Welt

Erschienen: Januar 1996

Bibliographische Angaben

  • Bergisch Gladbach: Lübbe, 1996, Seiten: 235, Originalsprache

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Leichte Kost für lange Zugreisen

Buch-Rezension von Uh Uh Aug 2003

Der bärbeißige Kommissar Horst Bäumer, seine überkandidelte Frau Hannah, der Computerfreak und Kleinkriminelle Harald, der verklemmte Postbote Enno mit seinem üblen, dunklen Fleck auf seiner ansonsten weißen Weste und Arnie, ein kleiner Junge - von seiner allein erziehenden Mutter in den Ferien zum Opa und der missmutigen Tante Rieke in die fiktive Kleinstadt Geverensand abgeschoben -, bilden den Hintergrund dieser Kriminalgeschichte.

Die Personen sind farbig und mehrdimensional dargestellt und ein jeder hat hinter seiner kleinbürgerlichen Fassade so seine Probleme mit dem Leben. Sei es die Figur des Kommissars Bäumer, der eine unglückliche Ehe führt und nebenbei ein Verhältnis mit der Leiterin des Kinderheimes unterhält. Hannah, Bäumers Frau, die sich in der idyllischen Kleinstadt unwohl fühlt, das pulsierende Stadtleben vermisst und überdies eine unschöne Angewohnheit hat, die mittlerweile niemanden verborgen geblieben ist. Sie hat die krankhafte Neigung zu stehlen. Und Harald, der keine Gaunerei auslässt und am Ende von den Ereignissen förmlich überrannt wird.

Die Geschichte beginnt mit dem Verkehrsunfall eines angehenden Kriminalbeamten (quasi Bäumers Schüler), der nach einem Ausweichmanöver und einer leichten Kollision mit Haralds Wagen von der Fahrbahn abkommt und sich mehrfach überschlägt. Der Kriminalbeamte überlebt schwer verletzt. Harald, gestohlene Computerteile an Bord, flüchtet und versteckt seinen Wagen. Doch als der Leser einige Szenen später wieder an die Unfallstelle zurückkehrt, ist der Kripobeamte tot. Zweifellos ein Unfall, tippen die Polizeibeamten vor Ort, zumal ein Zeuge (Harald) auch noch angibt, dass er den Unfall beobachtet habe. Der Polizist habe einem Reh ausweichen müssen und sei dabei von der Fahrbahn abgekommen.

Doch Harald hat die Rechnung ohne Arnie gemacht. Der kleine Junge hat den Unfall beobachtet und sogar noch mit dem Verletzten gesprochen, der ihn bat, ihm zu helfen (Was Arnie dann auch tat). Doch niemand gibt dem kleinen Arnie Gelegenheit, seine Beobachtungen zu erzählen. Niemand außer Hannah, der Frau des Kommissars. Andeutungen zuerst nur, doch diese genügen bereits, um Harald in helle Aufregungen versetzen. Denn auch er ist mit Hannah bekannt und als die Polizistenfrau beiläufig und oberflächlich von Arnies Wahrnehmungen erzählt, bricht Harald in Panik aus. Er muss etwas unternehmen, denn schließlich ist er für den Unfall verantwortlich. Also plant er das Unvermeidbare. Arnie muss verschwinden.

Unterdessen beginnt Hannah mit eigenen Ermittlungen. Entspringen Arnies Beobachtungen einer übertriebenen Phantasie oder sind sie tatsächlich Realität? Starb der Kriminalpolizist an den Folgen des Unfalles oder wurde er ermordet? Doch sie ahnt auch, dass sie als Fremde in der Stadt, dazu noch mit schlechtem Ruf, vorsichtig sein muss. Ein allzu schnelles und unüberlegtes Handeln, würde ihr - und ihrem Mann, für den sie noch immer etwas empfindet - noch mehr schaden.
Aber dann ist Arnie plötzlich verschwunden.

Als Hannah davon erfährt, wird ihr natürlich sofort klar, dass sie nun handeln muss. Nach allem, was sie mittlerweile über Harald erfahren hat, kann nur er hinter der Sache stecken.
Wird es ihr gelingen, Arnie noch rechtzeitig zu finden? Wir Harald auch den letzten Beweis für sein Verbrechen - den jungen Zeugen - für immer und ewig verschwinden lassen?
Doch am Ende kommt alles ganz anders.

Maeve Carels gelingt es, in einer typischen Kleinstadtatmosphäre, eine Geschichte zu installieren, bei der sich die Handlung quasi durch die immer neuen Enthüllungen förmlich von selbst ergibt. Klischeehafte, aber durchaus farbig und plausibel geschilderte Intermezzos - die Frau mit dem Fernglas, die neugierige Nachbarin, die gestrenge und genervte Tante - bereichern das Geschehen. In einer gut verständlichen und weitgehend schnörkellosen Sprache schildert sie ein eher gewöhnliches und nachvollziehbar motiviertes Verbrechen, das sich zunächst für den Leser in einer gefährlichen Eindeutigkeit präsentiert, aber dennoch eine bedrückende Spannung aufkommen lässt.

Weniger das "Wer" (Die Frage nach dem Täter), als die Frage nach dem "Wie" (Der Tatausführung) hält den Leser im ersten Teil der Handlung so lange gefangen, bis der erste Wendepunkt erreicht wird. Genau dieser Wendepunkt, das Verschwinden des kleinen Arnie, bringt Tempo in die Geschichte und eskaliert schließlich in einem Wettlauf gegen die Zeit. Doch als alle Beteiligten der Meinung sind, diesen Wettlauf verloren zu haben, kommt es zum überraschenden Höhepunkt. Und wieder einmal beweist es sich am Ende, dass der Leser den offenbaren Informationen der Autorin zu blauäugig gefolgt ist. Denn der Überraschungsmoment, liest man die einzelnen Passagen den Jungen betreffend, ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern war dezent vorbereitet.

Ich habe den Roman, der in auktorialer Erzählweise verfasst ist, ganz gerne gelesen und kann ihn als leichte Kost für lange Zugreisen und fürs Wartezimmer durchaus empfehlen. Natürlich bezieht die Geschichte ihre Spannung in erster Linie aus den einzelnen handelnden Charakteren und weniger aus dem vorliegenden Fall und der anschließenden detektivischen Arbeit selbst. Aber dennoch ist die Story ist rund und der Höhepunkt gelungen.

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