Im Notfall Mord
- Dörlemann
- Erschienen: August 2026
- 0


Tödliche Liebe im Haus der Heilung.
Herons Park ist ein ehemaliges Kinderkrankenhaus in der englischen Grafschaft Kent. Nachdem der Zweite Weltkrieg ausgebrochen ist, wurde es in ein Militärhospital umgewandelt. Leider liegt es in Reichweite von Hitlers Luftwaffe, weshalb sich fast in jeder Nacht deutsche Bomber über Herons Park und die nahe Ortschaft Heronsford erleichtern. Zwar blieb das Krankenhaus bisher verschont, doch werden ständig verschüttete und verletzte Opfer aus der Umgebung eingeliefert.
Unter ihnen ist nun der alte Postbote Joseph Higgins, der auch für den örtlichen Rettungsdienst tätig ist und schwer verletzt wird, als eine Bombe ausgerechnet die Zentrale trifft. Am nächsten Morgen wird sein gebrochener Oberschenkel operiert, doch Higgins stirbt den Ärzten unter den Händen weg.
Inspektor Cockrill von der Kent County Police untersucht den offensichtlichen Unglücksfall. Für ihn ist die Angelegenheit bereits abgeschlossen, als Schwester Marion Bates erstochen im Operationssaal des Krankenhauses gefunden wird. Zuvor hatte sie verkündet, Postbote Higgins sei umgebracht worden, und den Beweis wolle sie bergen und dem Inspektor aushändigen. Damit hat sie offenkundig ihr Todesurteil gesprochen.
Sechs Personen - Ärzte und Krankenschwestern - kommen aus Cockrills Sicht als Täter für beide Morde in Frage. Er glaubt zu wissen, wer es war, aber die Beweislage ist dünn. Deshalb geht der Inspektor das Risiko ein und setzt die Verdächtigen gezielt unter Druck. Wer wird ihm nicht standhalten und sich verraten? Allerdings wäre ein weiterer Mord ebenso wahrscheinlich ...
Rache und Mord in Zeiten des Krieges
Der Zweite Weltkrieg und der Rätsel-Krimi alter Schule scheinen inkompatibel zu sein. Wie ist der ‚gemütliche’ Mord zu rechtfertigen, wenn Menschen unter grässlichen Umständen in einem infamen Krieg verbluten? So wundert es nicht, dass die „Goldene Ära“ des Whodunit aus literaturkritischer Sicht 1939 ihr Ende fand; ein allerdings zu kategorisches Urteil, wie der hier vorgestellte Roman belegt, der 1944 erstmals erschien und in dessen Handlung das Kriegsgeschehen zwar an der „Heimatfront“, aber durchaus drastisch eine Rolle spielt.
Wie Christianne Brand (1907-1988) - als Mary Christianna Milne im damals noch britschen Malaysia geboren - unter Beweis stellt, funktionieren die Regeln des „Cozy Crime“ auch unter Bedingungen, die dem Genrealltag scheinbar widersprechen: Dieser erweist sich als unerwartet anpassungsfähig. Hinzu kommt das Talent einer Autorin, die in jeder Hinsicht wusste, worüber sie schrieb.
Brand wird generell für die Präzision ihrer Plots gelobt. Weniger lag ihr offenbar - dazu später mehr - die Figurenzeichnung. In unserem Fall sorgt sie mit Eifer dafür, einen „unmöglichen“ bzw. unlösbaren Mord zu konstruieren. Sie macht sich ihren Job so schwer wie möglich, leuchtet einerseits in jede Ecke und verstopft andererseits jedes Schlupfloch. Immer wieder werden die beiden Morde im OP von Herons Park diskutiert, und jedes Mal kommen die Verdächtigen zu dem Schluss, dass es jemand aus ihren Reihen getan haben muss; bloß: wie?
Krankheit, Bomben - und Mörder
Dass Herons Park so authentisch wirkt, liegt daran, dass Brand sich in diesem Milieu gut auskannte. Sie hatte einen Militärarzt geheiratet, der in einem Krankenhaus tätig war, das sie als Vorlage nutzen konnte. Zudem durfte sie sogar eine Operation beobachten sowie dem Anästhesisten ihre Fragen stellen, um aus den Antworten ihr Mordnetz zu spinnen.
Die daraus entstandene Welt ist ein Mikrokosmos, in dem sich der Kriegsalltag widerspiegelt. England kämpft erbittert gegen das scheinbar unbesiegbare Nazi-Deutschland. Anders als im „Großen“ - dem Ersten - Weltkrieg steht die Insel dieses Mal unter direktem Beschuss. Die Ärzte und Schwestern müssen sich zwei Herausforderungen stellen. Buchstäblich über ihren Köpfen stürzt der Himmel regelmäßig ein, und kurz darauf füllen sich die Stationen mit zum Teil grausam verletzten Soldaten, Heimatschützern und Bürgern.
Dies führt zu einem permanenten Ausnahmezustand, den Brand eindringlich in Worte zu fassen weiß. Herons Park wird zu einer Festung, in der man sich auf seine Weise dem Feind entgegenstellt. Die Kehrseite ist eine Dauerbelastung der Nerven, die durch einen zeitgenössisch relevanten Faktor dramatisiert wird: Frauen sind schwach - so wollte es der Lebensalltag bisher nicht nur in Großbritannien. Der Krieg führt zur Aufweichung solcher Normen bzw. Vorurteile. Die weiblichen Bürger müssen ihre Frau stehen - und sie tun es!
Explosionen und Emotionen
Allzu nahe ‚durften‘ Frauen allerdings nicht zu den Männern aufschließen. Eine Lücke stellte hier die Trennung von Ärzten (männlich) und Krankenschwestern (weiblich) dar. Erstere hatten traditionell das Sagen, und daran änderte auch der Krieg nichts. Immerhin weicht Brand dies sicherlich realitätsnahe auf: Die ständige Überforderung sorgt dafür, dass sich Ärzte und Schwestern zu einer Notgemeinschaft zusammentun und traditionelle Grenzen durchlässig wurden.
Ein ‚typisch‘ weiblicher Faktor bleibt jedoch uneingeschränkt präsent: Frauen sind emotionale Wesen und auch in einer Krise stets darauf aus, sich einen männlichen Lebensgefährten zu angeln! Tatsächlich äußern einige Schwestern frei heraus ihren Plan, sich im Dienst für die Gemeinschaft nach heiratsfähigen Ärzten umzusehen. Die karge Freizeit wird in entsprechende Aktionen investiert, die jedoch keineswegs zum Ziel führen müssen. Männer sind hier zwar keine Schweine, aber sie flirten vor allem, um Stress abzubauen. Dies können und wollen ihre ‚Opfer‘ nicht verstehen. Sie fühlen sich betrogen und pranken nicht nur nach dem Ex-Galan, sondern auch nach echten oder vermeintlichen Nebenbuhlerinnen. Die Männer pochen auf diesbezügliche Regeln: Solange sie der Frau keine Ehe versprechen, müssen sie ihrem Liebesgesäusel keine gesetzlich-moralischen Tatsachen folgen lassen.
Diese Passagen sorgen heutzutage für Stirnrunzeln, doch Brand dienen die daraus resultierenden Konflikte nicht als Dummspicy-Füllstoff, die unter sich die eigentliche Krimihandlung begraben. Sie steigert auf diese Weise den Druck in dem Kessel, zu dem sich Heron Park auch dank Inspektor Cockrill entwickelt. Als Person bleibt er unsympathisch und vage, obwohl ihn Brand in insgesamt sieben Romanen auftreten lässt. Nicht einmal seinen Vornamen erfährt man jemals! Cockrill ist sicher ein erfahrener Ermittler, aber auch brüsk und bar jener leserseits geliebten Manierismen, die ihn in einen Sherlock Holmes, Hercule Poirot oder Lord Peter Wimsey verwandeln könnten. Letztlich triumphiert die Auflösung. Selten steuert ein Whodunit so geradlinig auf die spektakuläre Finalszene zu, in der in Anwesenheit sämtlicher Verdächtiger die Masken fallen. Brand gelingt eine echte Überraschung, weshalb nicht wundert, dass „Im Notfall Mord“ als ihr bester Kriminalroman gilt.
„Im Notfall Mord“ - der Film
„Green for Danger“ - so lautet der Originaltitel dieses Romans, der darauf hinweist, dass die Druckflaschen für das eigentlich tödliche, aber in geringer Dosis manchmal narkosenotwendige Kohlendioxid in grüner Warnfarbe lackiert sind - wurde der erste Film, der in den nach dem Krieg wieder eröffneten Pinewood Studios gedreht wurde. Regisseur Sidney Gilleat (1908-1994) hatte den 1944 erschienenen Roman gelesen und wollte ihn unbedingt verfilmen. Für die Rolle des Inspektors Cockrill konnte er den britischen Starschauspieler Alastair Sim (1900-1976) engagieren, der gemeinsam mit einem auch sonst überdurchschnittlichen Ensemble den sorgfältig in Szene gesetzten Film zu einem Klassiker veredelte (der die Kritiker allerdings mehr begeisterte als die Produzenten und Kinobesitzer). Als „Achtung: Grün!“ kam er auch nach Deutschland.
Fazit
Klassisch britischer, sehr geradlinig eine dennoch überraschende Auflösung anstrebender Krimi, der „cozy“ und Krieg unerwartet überzeugend als Hintergrund zu nutzen weiß: eine erfreuliche Wiederentdeckung.

Christianna Brand, Dörlemann

Deine Meinung zu »Im Notfall Mord«
Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!