Mit Agatha Christie um die Welt

  • Atlantik
  • Erschienen: Oktober 2026
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Michael Drewniok
80°1001

Krimi-Couch Rezension vonNov 2026

Poirot auf den Spuren seiner Schöpferin.

1922 plante die britische Regierung eine Ausstellung, die heute direkt nach ihrer Ankündigung in einem Shitstorm untergehen würde: Die „British Empire Exhibition“ sollte auf der heimischen Insel demonstrativ zusammenführen, was politisch ein Kolonialreich darstellte, das ein Viertel der Erdoberfläche umfasste. Auf sämtlichen Kontinenten war England präsent, aber im Gefüge dieses Imperiums knarrte es.

Der Erste Weltkrieg hatte endgültig dafür gesorgt, dass sich Kolonien, die viele tausend Kilometer entfernt lagen, nicht nur zu fragen begannen, wieso sie ihre jungen Männer zu Zehntausenden in den Tod schicken sollten, nur weil das ferne Mutterland in Nöten steckte. Was hatten sie davon außer Leid und Kosten? Kamen sie nicht allein problemlos zurecht?

Solche Gedanken sorgten in London für Nervosität. Die Ausstellung sollte die koloniale Einheit beschwören und 1924 stattfinden. Vorab reiste eine offizielle Gesellschaft dorthin, wo sich besagte Kolonien beteiligen sollten. Zu den Delegierten gehörte Oberst Archibald Christie, der auch dadurch gelockt wurde, dass Agatha, seine Gattin, ihn begleiten konnte. Mehr als ein halbes Jahr war man per Schiff und Bahn unterwegs und besuchte Südafrika, Simbabwe, Australien und Neuseeland, Hawaii und Kanada. Diese Reise war ein Schlüsselerlebnis für Agatha Christie, die auch später gern ferne Länder erkundete, um das, was sie dort erlebte, in ihre Romane einfließen zu lassen.

Ein Jahrhundert später heuerte man den Schauspieler David Suchet an, um diese Reise zu wiederholen. Mit ein wenig Verspätung ging es 2025 los, wobei auch Suchet - der nach eigener Auskunft kein begeisterter Reisender ist - außer Haus gebracht werden konnte, weil seine Gattin, die Schauspielerin Sheila Ferris, mitfahren durfte. Natürlich nutzte man hauptsächlich das Flugzeug, griff aber vor Ort auf Fahrzeuge zurück, die auch Christie schon gekannt hatte. Fünf Episoden konnte man die Suchets und eine (kleine) Filmcrew dabei beobachteten, wie sie die Stationen der Reise von 1922 ansteuerten und besichtigten.

Die Quadratur des Kreises ist möglich

Zwei Fakten sollte man kennen, um dieses Buch wirklich würdigen zu können: Agatha Christie (1890-1976) war keineswegs eine Frau, die ausschließlich am Schreibtisch saß und wunderbare Krimis schrieb, sondern zumindest in ihren jüngeren Jahren auch eine neugierige, mutige Weltreisende. David Suchet ist sowohl Hercule Poirot als auch sonst der ideale Kandidat, als es darum ging, beinahe ein Jahrhundert später die wohl längste Reise der späteren Lady Agatha zu wiederholen, um ihre versunkene Gegenwart mit den aktuellen Globalitäten zu vergleichen, die sich mehr als verändert haben.

Suchet, der Moderator verkörperte zwischen 1989 und 2013 Hercule Poirot in der 70-teiligen TV-Serie „Agatha Christie’s Poirot“. Wer ihn einmal in dieser Rolle gesehen hat, wird sofort verstehen, wieso Suchets Interpretation nicht nur die Kritik, sondern auch das Publikum eint: Er ist der beste Poirot und hat als solcher umgesetzt, was Agatha Christie in diese Figur legte!

Zudem ist Suchet ein talentierter Fotograf, der dieses Handwerk von einem für seine Bilder berühmten Onkel gelernt hat. So lag es nahe, das Buch zur Serie - heute ein obligatorisches Element des Merchandisings - als Album zu gestalten, für das Suchet die Fotos schoss. Er verfügt nicht nur über das theoretische Wissen, sondern auch über eine fotografische Ausrüstung, weshalb er erst recht anbiss, als Gattin Sheila das Reisetagebuch übernahm, auf das er sich später für seinen Text stützen konnte.

Es bleibt ein Abenteuer

Man muss zwei Menschen bewundern, die sich fast achtzigjährig die Strapazen einer Welt-‚Reise‘ antun, die nicht der Erholung dient, sondern in möglichst kurzer Zeit Material für eine vermarktbare Dokumentationsserie schaffen soll! Es war eindeutig das Abenteuer, dass wie einst Christie nun die Suchets reizte.

Was taugt das entstandene Werk? Eine Frage nicht ohne Risiko, denn ungeachtet des guten Willens sämtlicher Beteiligter darf man die Latte nicht gar zu hoch anlegen. Suchet ist - das kann man auf jeden Fall sagen - ein Fotograf und nicht nur ein Hobby-Knipser. Er legt vor dem ‚Schuss‘ für sich fest, was er nicht einfach abbilden, sondern ausdrücken will. Leider kann die Wiedergabequalität nicht mithalten. Dieses Buch ist teuer, weil es viele (farbige) Bilder enthält. Die werden auf zwar gutes, aber eben nicht ideales Papier gedruckt, das Details, Farben und vor allem die Belichtung der Vorlagen nur zum Teil mitteilen kann. Vor allem dunkle Motive lösen sich im Diffusen auf.

Viele leere Seiten blieben Suchet gar nicht, die er mit Text füllen musste. In die Tiefe konnte er daher nicht gehen - und das sollte er wohl auch nicht: Der Wohlfühl-Faktor dieser Erlebnisreise stand im Vordergrund. Immerhin verschweigt Suchet nie, wenn er dorthin geriet, wo man ihn kundig und oft von Betroffenen - so lange ist das Empire noch nicht Geschichte! - darüber informierte, was Kolonialismus vor Ort bedeutete bzw. anrichtete.

Weiter, weiter!

Darüber hinaus arbeitet er vor allem Reisestationen ab und listet auf, was ihm aufgefallen ist. Man will es so detailliert gar nicht wissen. Das stellt sich immer dann heraus, wenn Suchet seinen Blick weitet und seine eigene Vergangenheit als Theater-, Film- und Fernsehschauspieler reflektiert. Als Poirot-Darsteller ist er selbst ein integraler Bestandteil des Christie-Kosmos’. Er findet es während dieser Reise erstaunt und gerührt heraus, als man ihn noch an den fernsten Orten als Poirot erkennt und begrüßt.

Den Rahmen dieser „Travels with Agatha Christie & Sir David Suchet“ definiert Suchet selbst sehr präzise in seiner Einleitung: „Siebenundfünfzig Tage, sechs Länder, einundzwanzig Flüge, dreiundzwanzig Hotels“. Agatha und Archibald Christie setzten sich 1922 mehrfach von ihrer Gruppe ab und unternahmen eigene Erkundungsfahrten. So lernte Agatha auf Hawaii das Surfen. Sie war nicht nur begeistert von diesem Sport, sondern auch eine der ersten Frauen, die ihn ausübten.

Christie war als junge Frau also offen und neugierig - etwas, das auch Suchet voller Freude erst lernte, als er davon las, was aus dieser Zeit durchaus bekannt ist, aber kaum erwähnt wird. Das Interesse hat Suchet übernommen. Kritische Nachfragen wird er gestellt haben, aber in diesem Buch werden sie wie gesagt höchstens gestreift: Dies ist ein „Cozy“-Reiseführer, den man gelesen bzw. angeschaut neben die Romane der Agatha Christie ins Regal stellen kann.

Fazit

David Suchet, der Poirot-Darsteller, moderiert nicht nur eine Weltreise auf den Spuren von Agatha Christie, sondern schreibt auch einen Bericht über diese Reise, den er mit eigenen Fotos bebildert: kein auf Information, sondern auf Unterhaltung zielendes Werk, das immerhin die strenge Christie als abenteuerlustige, weltoffene, junge Frau aufleben lässt.

Mit Agatha Christie um die Welt

David Suchet, Atlantik

Mit Agatha Christie um die Welt

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