Poirots Stille Nacht
- Dörlemann
- Erschienen: September 2026
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Mord im Haus auf der K(l)ippe.
Die Weihnachtszeit des Jahres 1931 möchte Scotland-Yard-Inspector Edward Catchpool ruhig und gemütlich mit seinem guten Freund, dem berühmten Privatdetektiv Hercule Poirot, in London verbringen. Ausgerechnet Cynthia, seine eigene Mutter, sorgt für eine Änderung dieses Plans: Sie drängt die beiden Ermittler zu einer Reise nach Munby-on-Sea, einer Ortschaft in der Grafschaft Norfolk. Dort sei in Frellingsloe House ihre Hilfe sofort erforderlich, um einen Mord aufzuklären sowie eine zweite Bluttat zu verhindern.
Vor Ort treffen Poirot und Catchpool Arnold und Vivienne Laurier, die Eigentümer von Frellingsloe. Im Haus leben weiterhin ihre Söhne Douglas und Jonathan. Sie sind verheiratet mit Madeline und Janet: Schwestern, die sich einander sogar noch mehr verabscheuen als die Brüder Laurier. Die Situation wird nicht entspannter dadurch, dass Terence und Enid Surtee, die Eltern der Schwestern, im Haus als Diener beschäftigt sind, was sie hassen. Regelmäßig anwesend sind zu guter Letzt Vikar Felix Rawcliffe und Dr. Robert Osgood.
Der arbeitet eigentlich im Ort und dort im St. Walstan’s Cottage Hospital. Dort soll der todkranke Arnold im neuen Jahr für seine letzten Lebenswochen ein Zimmer beziehen. Seine ohnehin nervlich angeschlagene Gattin will dies unbedingt verhindern, denn erst vor kurzer Zeit wurde in einem Nebenzimmer der Patient Stanley Niven brutal erschlagen. Doch Arnold freut sich; er will sich ungeachtet seines Zustands unbedingt als Detektiv versuchen und den Täter ermitteln!
Poirot und Catchpool übernehmen diesen Fall auch deshalb, weil sich der eigentlich zuständige Inspector Mackle als Idiot erweist, der sich in absurden Tathergangstheorien ergeht. Sie nehmen Frellingsloe und St. Walstan’s genau unter die Lupe, suchen nach Indizien und befragen mögliche Zeugen und Verdächtige. Das zieht sich hin, weil sich die Spuren sogar für Poirot nicht zu einem stimmigen Gesamtbild fügen wollen. So liegt der nächste Zug beim Mörder, und er (oder sie?) schlägt zum zweiten Mal zu ...
Unfrohe Weihnachten für ebensolche Familie
Da der Rubel weiterhin rollt, ‚darf‘ Sophie Hannah weiterhin unter Billigung (und finanzieller Beteiligung) von „Agatha Christie Ltd.“ Romane verfassen, in denen Meisterdetektiv Hercule Poirot erneut seiner Tätigkeit nachgeht. 2014 begann diese Reihe mit „The Monogram Murders“ (dt. „Die Monogramm-Morde“). „Hercule Poirot’s Silent Night“, der hier rezensierte Roman, stellte 2023 Band 4 dar (und eine weitere Fortsetzung liegt bereits vor).
Die Autorin meistert offensichtlich die schwierige Aufgabe, Pastiches zu produzieren, die sowohl die Kritik überzeugen als auch die Leser zufriedenstellen. Sophie Hannahs Hercule Poirot muss Agatha Christies Poirot nicht deckungsgleich entsprechen: Dies wäre eine wohl kaum zu meisternde Herausforderung. Zu viele Jahre sind vergangen, seit Poirot das Licht seiner fiktiven Welt erblickte. Er war ein Geschöpf seiner Zeit, der „Goldenen Ära“ des Rätselkrimis, die nach dem Zweiten Weltkrieg ausklang, aber aufgrund seines Publikumserfolgs ein Überlebender, der noch Jahrzehnte ermittelte und den Tod seiner ‚Mutter‘ überstand.
Das Geheimnis dieses Untods liegt im Talent der ursprünglichen Autorin, die genau wusste, wie man eine Hauptfigur zeichnet, die ‚in Serie‘ gehen soll: Bleibe möglichst an der Oberfläche, charakterisiere nicht zu genau! Du bringst dich nur in Schwierigkeiten, wenn du die Details einer zu penibel fixierten Vergangenheit berücksichtigen musst! Außerdem steht einer Figur das Geheimnisvolle gut: Das Publikum füllt die Lücken mit eigenen Vorstellungen. Sorge trotzdem dafür, dass die Figur unverkennbar ist! Statte sie mit Äußerlichkeiten und Manierismen aus, die tiefere Gefühlsregungen ersetzen!
Der leicht nachgeschliffene Poirot
Also ist auch Hannahs Poirot sehr auf sein Äußeres bedacht, ein Feinschmecker und überhaupt der feinen Lebensart verpflichtet. (Das schafft u. a. Raum für ‚witzige‘ Szenen, wenn der entsetzte, aber weiterhin höfliche Poirot mit den Ergebnissen der Surteeschen ‚Kochkunst‘ konfrontiert wird.) Selbstverständlich muss er mehrere Male darauf hinweisen, kein Franzose, sondern Belgier zu sein. Seine Äußerungen bereichert er mit Anmerkungen aus seiner Muttersprache. Kurz: Poirot ‚tarnt‘ sich wie eh’ und je als betont harmloser, womöglich alberner Zeitgenosse, um auf diese Weise seine Gesprächspartner in die Irre zu führen.
Diesem Zweck dienen auch seine sehr persönlichen Ermittlungsmethoden, die ‚Assistent‘ Catchpool - der uns Leser vertritt - immer wieder verwirren, von energischen Nachfragen ablenken und anderweitig dafür sorgen, dass der eigentliche Mordfall wie ein Schneeball, der einen Hügel hinabrollt, an Rätselhaftigkeit zunimmt, bis Poirot beschließt, dass es an der Zeit ist, alle Beteiligten zum großen Finale zusammenzurufen. Dann steht er vor ihnen und streicht seine Belohnung ein, indem er bis ins Detail aufdröselt, was geschah und nur vom genialen Poirot erkannt und entschlüsselt wurde.
Bis es soweit ist, sorgt Autorin Hannah - so wird es von ihren Lesern erwartet! - für die typischen Elemente des britischen Whodunits. Frellingsloe steht außerhalb des Dorfes Munby direkt an der Küste des Atlantiks sowie auf einer morschen Klippe, die bald nachgeben und das Haus ins Meer stürzen lassen wird: ein symbolträchtiger Hinweis darauf, dass es um die Bewohner schlecht steht. Wie es sich gehört, gehört der Täter/die Täterin zu dieser Gruppe; einige Krankenschwestern aus St. Walstan’s sowie ein Insasse, der alles gesehen hat, aber leider nicht reden kann, reihen sich ein und sorgen zwischenzeitlich für weitere Verwirrung.
Verwirrende Fragen und ausweichende Antworten
Den Hauptteil dieser Geschichte füllen Frage- und Antwortspiele, die in der Regel außer für den genialen Poirot keinen Erkenntnisgewinn abwerfen. Antworten führen zu neuen Fragen oder erweisen sich als Lügen, Irrtümer oder Sackgassen. Vor allem der eifrige, aber ungeachtet seiner Polizeierfahrung plus ‚Ausbildung‘ durch Poirot weiterhin betriebsblinde Catchpool schwingt sich von Fehlschluss zu Fehlschluss und hilft seinem Freund vor allem so: In der Flut tauben Informationsgesteins, mit dem Catchpool ihn überschüttet, findet Poirot zufällig dort verborgene, vom Sprecher unverstandene Hinweise. Der arme Catchpool verkörpert also den genreüblichen „Watson“, der den Zentralhelden keineswegs an Geisteskraft übertreffen darf. (Ihm ergeht es aber besser als dem anwesenden Inspector Markle: Christie hätte ihn nicht als reinen Hanswurst vorgeführt.)
Der Kreis der Verdächtigen ist ebenfalls (stereo-) typisch, also ratlos, zerstritten, verlogen und trotzdem überwiegend unschuldig. Immer wieder scheint sich ein/e Verdächtige/r herauszukristallisieren, doch bis sich das Finale nähert, dürfen wir sicher sein, von der Verfasserin hingehalten zu werden. Zwischenzeitlich muss für Spannung gesorgt werden, weshalb u. a. Poirot einmal halbtot umfällt: Mit dem Plot hat dies nichts zu tun und löst sich deshalb rasch in Wohlgefallen auf.
Es dauert, bis man sich eingelesen hat. Das langsame - schleppende? - Tempo hilft, den Anschluss nie zu verlieren. Hannah versucht sich in Kabinettstückchen, die ‚ihren‘ Poirot mit dem Christie-Vorbild verknüpfen sollen. Manchmal funktioniert es, doch oft bleibt es bei Variationen des sattsam Bekannten (was im Whodunit allerdings kein Nachteil sein muss, sondern mit der Erwartung der Leser übereinstimmt). Qualitäten entwickelt die Geschichte im erwähnten Finale. Hannah hat sich wahrlich bemüht, eine möglichst verschlungene Fährte zu legen! Dennoch verheddert sie sich nicht in ihren Rätseln. Zug um Zug deckt Poirot auf, was wann geschah und wer dafür verantwortlich ist. Selbstverständlich entpuppt sich der Täter/die Täterin als bisher besonders unverdächtige Person, und ebenso selbstverständlich kommt hinter der Tat eine dramatische Vorgeschichte zum Vorschein.
Fazit
Zum fünften Mal wärmt Autorin Hannah Agatha-Christie-Klassik auf. Sie hat inzwischen ihren Stil gefunden und verbirgt sich nicht mehr krampfhaft hinter der Vorlage. Entstanden ist ein Whodunit nach bekanntem Muster, der vom Poirot-Ruhm zehrt, aber auch als eigenständiges Werk bestehen könnte: sauber produzierter Retro-Krimi.

Sophie Hannah, Dörlemann

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