Kennedys Kopf
- Ullstein
- Erschienen: Januar 1997
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Wahrheit und Legende - ein Kampf ohne Ende.
Im New York des Jahres 1977 steckt Roger „Butch“ Karp, Ankläger im Büro des Bezirksstaatsanwaltes, in einer Krise. Seine juristische Akte ist makellos, aber die Arbeit wächst ihm über den Kopf, bei seinem Vorgesetzten steht er auf der Abschussliste, unter dem Stress leidet sein Privatleben. So ist er für eine Veränderung reif, als ihn ein alter Mentor für einen heiklen, aber hochinteressanten Job empfiehlt. 13 Jahre nach den Todesschüssen von Dallas wird ein Sonderausschuss des Repräsentantenhauses gegründet, um das Attentat auf US-Präsident John F. Kennedy neu aufzurollen. Karp soll die Ermittlungen leiten. Er nimmt an - und stürzt in einen Höllenpfuhl.
Die Ergebnisse der ersten offiziellen Untersuchung sammelte der vielbändige Warren-Report, für den sich in Politik, Wirtschaft und Medien zahlreiche einflussreiche Persönlichkeiten verbürgt haben. Sollte sich nun herausstellen, dass der Report nicht die Wahrheit fixiert, stünden sie schlecht da vor der (wählenden) Öffentlichkeit. Deshalb wird die Arbeit des Sonderausschusses von Anfang an massiv behindert.
Hinter den Teilnehmern dieser Schlammschlacht verbergen sich gefährlichere Gegner. Die Verschwörung, die einst Kennedy den Tod brachte, ruht nur, ist aber noch lebendig. Viele damals direkt oder indirekt Beteiligte wollen ihre oft illegalen und/oder moralfreien Aktivitäten weiterhin begraben wissen. Karps Ermittlung verwandelt sich in einen Wettlauf zwischen Hase und Igel: Wohin er oder seine Leute auch kommen, der Gegner war bereits da und hat alle Spuren getilgt, Zeugen aus dem Weg geräumt, falsche Fährten gelegt. Zudem schickt die Graue Eminenz an der Spitze der Verschwörung Karp und seiner Familie seinen besten Mann auf den Hals, der schon 1963 als Schütze eine sichere Hand unter Beweis gestellt hat ...
Nur Verrat konnte Camelot zerstören
JFK und kein Ende ... Es ist keine Phrase, dass jeder Amerikaner, der 1963 dem Säuglingsalter entwachsen war, genau sagen kann, wo er oder sie sich aufgehalten hat, als die Nachricht vom Tod des Präsidenten in Dallas publik wurde. Heute, da Politiker primär als Schaumschläger, Lügner oder Versager von sich reden machen, ist es schwer begreiflich, dass einst ein Mann eine ganze Nation für sich einnehmen und mitreißen konnte.
Selbst wenn der Lack von seinem Denkmal inzwischen abgeblättert ist, gilt John F. Kennedy weiterhin als historische Lichtgestalt, als König Arthur, der im Weißen Haus, seinem Camelot, die neuen Ritter der Tafelrunde zur Schaffung einer besseren Welt zusammenrief. Deshalb galt und gilt sein Ende als nationale Tragödie, entzündeten sich um JFKs Leben und Sterben unzählige Mythen, die sich hauptsächlich aus der Gewissheit speisen, dass die ganze Wahrheit bis auf den heutigen Tag unbekannt geblieben ist.
Das wird sie wohl bleiben, denn die Aufklärung des Kennedy-Attentats wurde zu allen Zeiten von Skandalen begleitet. Lügen, Vertuschungen, Unfähigkeit - die Kette der Verfehlungen ist lang, und sie beginnt mit dem Warren-Report, der in seinen 26 umfangreichen Bänden (zu) viele Fragen offen lässt oder gar aufwirft.
Ein Thriller bedient den Mythos
Robert K. Tanenbaum (1942-2026) wusste, wovon er schrieb, denn Roger Karp tritt in „Kennedys Kopf“ quasi als sein Alter Ego auf. Als tatsächlicher Berater eines Sonderausschusses zur Aufklärung der Morde an Kennedy und Martin Luther King konnte Tanenbaum verfolgen, dass ein solches Gremium zum Spielball divergierender politischer Interessen verkommt und seine Mitglieder verheizt werden. Es ist in der Tat so, wie Karp - wieder als Sprachrohr Tanenbaums - desillusioniert feststellt: Kaum jemand will wirklich die Wahrheit wissen. Stattdessen möchte man mehrheitlich die beruhigende Nachricht hören, dass Kennedy von einem wirrköpfigen Einzelgänger umgebracht wurde. Diese ‚Realität‘ schützt vor den Geistern, die eine objektive Rekonstruktion der zeitgenössischen Umtriebe wecken könnte.
Der Mord an JFK ist wahrscheinlich das einzige Thema, um das sich mehr Verschwörungstheorien ranken als um die angebliche Vertuschung regen intergalaktischen Flugverkehrs zwischen der Wega und Area 51 in der Wüste von New Mexico. Das Heer möglicher Verdächtiger und ihrer Motive ist unüberschaubar. Daraus lassen sich wunderbare und manchmal sogar logisch klingende Geschichten spinnen. Oliver Stones Film-Thriller „JFK“ von 1991 führt dies exemplarisch vor. „JFK“ wirkt wie die Verfilmung von Tanenbaums Roman, obwohl dieser deutlich später entstand. Man sieht, wie vorzüglich der viel gescholtene Stone den Tenor der wichtigsten Verschwörungslegenden getroffen hat.
Tanenbaum kann zu diesem Kanon nicht wirklich Neues beitragen, obwohl er doch an der Quelle saß. Auch ‚seiner‘ Kommission ist es nicht gelungen, zum Kern der Wahrheit - wenn es denn einen geben sollte - vorzustoßen. Insofern spiegelt es wohl eher Resignation als Spott wider, dass sich Tanenbaum mehrfach über die ‚Konkurrenz‘ - hier verkörpert durch das Team um Jim Garrison, auf dessen Arbeit sich Oliver Stone stützte - mokiert, denn die Quintessenz ist bei Garrison, Stone und Tanenbaum identisch: Irgendwann muss jede Untersuchung daran scheitern, dass sich die Legende verselbstständigt und die Wahrheit überwuchert hat. Sie ist nun sicher - oder verloren; je nach Interpretation.
Der einsame Sucher der Wahrheit
Als Autor einer letztlich fiktiven Auseinandersetzung mit dem gewählten Thema hält sich Tanenbaum wacker. Butch Karp ist eine interessante Figur, und sein geistiger Vater hat sie im Griff. Karp ist der ‚gute Amerikaner‘, aber der Autor hütet sich, ihn als Heiler jenes moralischen Siechtums anzupreisen, das sich im modernen Amerika eingenistet hat. Karp ist längst nicht perfekt, und seine Charakterstärke, seine Integrität und seine Unbestechlichkeit lassen durchaus einen gewissen Starrsinn erkennen, der ihn immer wieder ins Abseits führt, wo ein wenig Flexibilität von Nutzen wäre.
Karp zur Seite steht mit Marlene, seiner Ehefrau, kein Hausmütterchen oder Heimchen am Herd, dessen Existenzberechtigung sich darin erschöpft, im finalen Showdown gerettet zu werden. Sie ist eine gleichberechtigte Partnerin, der Tanenbaum ebensoviel Raum bietet wie ihrem Gatten. Auch Karps Mitarbeiter wirken lebendig, zumal Tanenbaum hier auf reale Vorbilder zurückgreifen konnte. An trockenem Witz mangelt es dem Autoren ebenfalls nicht, was der fast durchweg spannenden Geschichte ausgesprochen gut bekommt. Ähnlich farbenfroh weiß Tanenbaum die ihrer eigenen ‚Logik‘ folgende Welt der von Politik durchsetzten Hauptstadt Washington oder das ähnlich eigentümliche Milieu der US-Justiz zu beschreiben. Manche bittere Anmerkung speist sich definitiv aus persönlichen Erfahrungen!
So richtet sich die einzige Negativkritik nicht gegen die Story, sondern höchstens ihre Länge. Endlos jagen die Guten und die Bösen einander, ohne dass dies die Handlung wirklich voranbringt. Dass die beiden Handlungsstränge (Butch ermittelt, Marlene recherchiert) sich letztlich ‚zufällig‘ verzahnen, bleibt nur den Protagonisten quälend lang unklar. Doch dem Autor geht es auch um die Verdeutlichung eines Rätsels, das sich nicht nur - s. o. - verselbstständigt, sondern in ein unbezwingbares Monster verwandelt hat. Als endlich die Karten aufgedeckt werden, geht es dem Leser wie Butch Karp: Die Lösung interessiert ihn nach allem, was er durchmachen musste, nicht mehr wirklich. Das sollte man Tanenbaum aber nicht übelnehmen, löst sich doch das kunstvolle Gespinst einer scheinbar aufgedeckten Verschwörung ohnehin in Nichts auf. Es gibt keine zufriedenstellende Lösung, nur eine realistische, die mit dem Rätsel nicht mithalten kann.
Hauptsache, der Leser beißt an ...
Der deutsche Titel ist wieder einmal peinlich, dass „Kennedys Kopf“ 1963 in Dallas Schaden nahm, findet bei Tanenbaum wohl Erwähnung, bleibt aber für die eigentliche Handlung unerheblich. Dem Verlag ging es offensichtlich darum, den potenziellen Lesern das auch hierzulande faszinierende JFK-Thema förmlich einzubläuen. Dass man bei der Lektüre annehmen muss, irgendwann über das präsidentale Haupt zu stolpern, das böse Buben aus dem Heldensarg stibitzten, rückt „Kennedys Kopf“ in die Nähe eines billigen Horrorromans; ein völlig falscher Eindruck, der hier geweckt wird.
„Kennedys Kopf“ ist ein grundsolider, fast schon nostalgisch stimmender Politthriller aus jener Zeit, als die Welt noch in Ordnung, d. h. übersichtlich in „Gut“ (USA und der verbündete Westen) und „Böse“ (UdSSR und Ostblock plus Kuba) geteilt war, stimmig in Figurenzeichnung und Story und höchstens ein wenig zu lang geraten.
Die Butch-Karp-Reihe umfasste zwischen 1987 und 2017 stolze 29 Bände. Hierzulande schauten interessierte Leser wieder einmal in die Röhre. Wegen des JFK-Effekts (s. o.) setzte der Ullstein-Verlag mit Band 7 ein. Es folgten drei weitere Bände, bevor die (offenbar zu wenig einträgliche) Serie abgebrochen wurde - ein trauriges Beispiel dafür, wie man in Deutschland mit Autoren (und ihren Lesern) umspringt.
Fazit
Zwar unter Nutzung alter Verschwörungs-Klischees, aber überaus spannend entwickelt der Verfasser eine ‚logische‘ Version des JFK-Rätsels und ringt dem Mythos vom Mordkomplott eine tolle, höchstens ein wenig zu seitenstarke Story ab.

Robert K. Tanenbaum, Ullstein

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