Alfred Hitchcocks Kriminalmagazin - Band 12
- Ullstein
- Erschienen: Januar 1964
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Acht schicksalhaft gelöste Mordrätsel
Acht Kriminalgeschichte; klassische Whodunits sind ebenso vertreten wie dunkle Psychodramen, und oft gibt es eine überraschende Wendung zum Schluss:
- August Derleth: Manche machen in Mord (Others Dial in Death/The Adventure of the Troubled Magistrate; AHMM 6/2 - Februar 1961), S. 7-29: ‚Korrigiert’ ein selbst ernannter Rächer die Urteile eines allzu milden Richters? Meisterdetektiv Solar Pons deckt ein völlig anderes Motiv auf.
- Jack Ritchie: Mir kannst du vertrauen (You Can Trust Me; AHMM 6/2 - Februar 1961), S. 30-62: Wer will den Gangsterboss erpressen? Ein Killer soll das klären - und mischt in dem sich anbahnenden Drama eigennützig mit.
- Miriam Lynch: Mit einem Lächeln auf den Lippen (Such Happy People; AHMM 7/12 - Dezember 1962), S. 63-73: Immer nur lächeln und glücklich sein: Das Scheitern ihres Lebenstraums lässt Rhoda drastisch reagieren.
- Arthur Porges: Die Sonne bringt es an den Tag (These Daisies Told; AHMM 7/12 - Dezember 1962), S. 74-85: Wohin hat der feixende Ehemann seine Gattin verschwinden lassen? Es braucht Fachwissen und Fantasie, um ihm auf die Schliche zu kommen.
- Donald Westlake: Der letzte Ausweg (The Sound of Murder; AHMM 7/12 - Dezember 1962), S. 86-121: Ihre Mutter sei eine Doppelmörderin, gibt das Kind auf der Polizeistation an; die Wahrheit ist wesentlich unheimlicher.
- Tom MacPherson: Witwer sein - wie wunderschön! (Oh, to Be a Widow!; AHMM 6/2 - Februar 1962), S. 122-128: Alvin Smith hat mit dunklen Hintergedanken geheiratet, und eine Änderung seines Plans lässt das Schicksal nicht zu.
- C. B. Gilford: Der Teufel im Verborgenen (Devil in Ambush; AHMM 8/7 - Juli 1963), S. 129-159: Stets war er eine Stütze der Gesellschaft. Als sich dies ändert, muss Professor Hollis begreifen, dass nicht verdrängte Liebe ihn zu seinem Handeln zwingt.
- Martin Brooke: Frische Blumen für ihr Grab (Flowers to the Living; AHMM 2/6 - Juni 1957), S. 160-172: Wieso gräbt Jenson mitten in der Nacht ein großes Loch? Wo ist seine Frau geblieben? Sergeant Mulhane hat eine Ahnung, doch der Schein trügt offenbar.
(AHMM = Alfred Hitchcock's Mystery Magazine)
Der lange/ewige Schatten des Meisters
Mitte der 1950er Jahre stand Alfred Hitchcock (1899-1980) im Zenit seiner Filmkarriere. Er gehörte zu den wenigen Regisseuren, deren Namen die Zuschauer nicht nur kannten, sondern als Garantiesiegel für spannende Filmunterhaltung betrachteten. Ein „Hitchcock-Thriller“ bestach nicht nur durch formalen Ideenreichtum und großartige Schauspieler, sondern auch durch jenen ironischen Hintersinn, den das Publikum mit dem rundlichen, betont ernsthaft auftretenden Hitchcock verband. Er wurde zu einer Kunstfigur, die er selbst zelebrierte und schliff, bis quasi jede/r sie kannte - eine ideale Voraussetzung, um eine lukrative Vermarktung zu unterstützen, ohne dafür Zeit und Mühe aufwenden zu müssen.
Ließ sich der Hitchcock-Mythos auf andere Medien übertragen? 1956 erwarb die Firma H. S. D. Publications das Recht, den Namen des Regisseurs für ein Magazin zu nutzen, in dem ausschließlich Kriminalstorys erscheinen sollten. Angeblich verfasste Hitchcock launige Einführungsworte, die sich tatsächlich Ghostwriter aus den Hirnen wrangen. Es dauerte nicht lange, bis „Alfred Hitchcock’s Mystery Magazine“ ein Erfolg war.
Faktisch gehört „AHMM“ - so die offizielle Abkürzung - zu den wenigen Magazinen, die sich ungeachtet diverser Verlagswechsel auf dem Markt halten konnten. Noch heute erscheint es - in einer gedruckten und einer Online-Version. In Deutschland griff der Ullstein-Verlag zu. Man übersetzte nicht die Original-Magazine, sondern wählte Storys aus, die in neuer Zusammenstellung in Taschenbuchform erschienen. Zwischen 1962 und 1987 erschienen insgesamt 200 solcher Sammelbände.
Von allem = für alle etwas
Band 12 ist mit einem bunten (bzw. konfusen) Mix aus Krimi-Klassik und (zeitgenössischer) Moderne typisch für „Alfred Hitchcocks Kriminalmagazin“. August Derleth (1909-1971) präsentiert eine seiner unzähligen Geschichten um das Detektivgespann Solar Pons und Dr. Lyndon Parker, deren Herkunft der Autor nie verschleierte: Dies sind Pastiches der Sherlock-Holmes-Geschichten. (Tatsächlich bat Derleth 1928 Arthur Conan Doyle persönlich darum, seine beiden Helden übernehmen zu dürfen. Doyle lehnte ab, weshalb Derleth sich eigene Namen ausdachte.) Plot und Duktus orientierten sich an der Vorlage, wobei Derleth einerseits akkurat den Holmes-Kanon imitierte, ihn aber auch durch eigene Einfälle unkonventionell bereicherte. (Die Serie war so beliebt, dass der Schriftsteller Basil Copper sie nach Derleth’ Tod fortsetzte.)
Arthur Porges (1915-2006) treibt den Plot des „unmöglichen“ Mordes auf die Spitze, indem er einen Tatort inszeniert, der von der Polizei auf der Suche nach einem Mordopfer buchstäblich auf den Kopf gestellt wird. Die Leiche kann nirgendwo anders verborgen sein, aber erst ein Amateurdetektiv vermag ganz im Geiste von Sherlock Holmes - d. h. ohne aus dem Hut gezauberte Tricks - das Rätsel zu lüften.
Ein gänzlich anderes Krimi-Genre bedient Jack Ritchie (d. i. John George Reitci, 1922-1983) mit seinem pechschwarzen Garn um einen Mietkiller, der ebenso kühl wie brutal den kriminellen Auftraggeber betrügt und dabei keine (lebendigen) Zeugen zurücklässt. Düster gibt sich auch Donald Edwin Westlake (1933-2008), Verfasser der zum modernen Krimi-Kanon gehörenden Reihen um den Berufsverbrecher Parker (1962-2008 unter dem Pseudonym „Richard Stark“ erschienen) und den meist grandios (oder grotesk) scheiternden ‚Meisterdieb‘ John Archibald Dortmunder (1970-2009). Er kreiert eine Mörderin, die wohl auch deshalb wüten durfte, weil Alfred Hitchcock 1960 mit „Psycho“ eine Grenze überschritten hatte: Von nun an gab es keine Sicherheit mehr vor dem unsichtbaren, aber bedrohlichen Grauen im Hirn des Mitmenschen; eine Schlussfolgerung, der sich auch Miriam C. Lynch und Charles Bernard Gilford (1920-2010) anschließen.
Mord kann komisch sein
Die ‚typische‘ Hitchcock-Ironie ist natürlich ebenfalls präsent. Ganz normale Menschen geraten in Situationen, die sie restlos überfordern. Pläne scheitern, wobei der Zufall bzw. die unerwünschte Aufmerksamkeit neugierig-unsympathischer Zeitgenossen den Täter - den die Leser womöglich sogar schätzen und verstehen - ins Verderben stürzt.
Martin Brooke bürstet diesen Plot witzig gegen den Strich, indem sich sein mörderischer Protagonist genau diese Neugier zu Nutze macht und nicht nur die lästige Nachbarin, sondern auch die Polizei an der Nase herumführt.
Tom MacPherson gibt dem finalen Knalleffekt den Vorzug vor dem Mitleid: Fahrstuhlführer Alvin Smith will seine reiche Gattin schließlich gar nicht mehr ermorden, doch besagtes Schicksal hat eigene Pläne und reißt den Ahnungslosen mit sich. Unschuld und Reue schützen vor Strafe nicht - eine Lektion, die Alfred Hitchcock in seinen Werken immer wieder erteilt hat.
Fazit
Nicht die literarische Kunst, sondern das Handwerk prägen die abgedruckten Kriminalgeschichten. Obwohl mancher Plot und manche Figurenzeichnung zum Klischee geronnen sind, haben die auf das Wesentliche konzentrierte Erzählungen ihren Unterhaltungswert (plus den inzwischen geballten Nostalgiefaktor) behalten.

Alfred Hitchcock (Hg.), Diverse Autoren, Ullstein

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