Totenglocken auf der Insel
- Dörlemann
- Erschienen: August 2026
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Zu viele Schrotflinten im Einsatz.
Im kleinen Dorf Mylecharaine, gelegen auf der Insel Manx im rauen Atlantik zwischen Irland und Schottland, kennt und hilft man einander. Viele Worte werden nicht gewechselt, auch sonst geht es in der Regel ruhig zu. Doch in dieser Nacht zerreißen zwei Schüsse aus einer großkalibrigen Schrotflinte die Stille: Sir Martin Skollick, Herr auf Myrescogh Manor, hat seinen halben Schädel und sein Leben eingebüßt - und der Hauptverdächtige ist niemand anderer als Sullivan Lee, der Vikar der Gemeinde!
Erzdiakon Caesar Kinrade mag nicht an die Schuld des Priesters glauben. Lees Nerven sind chronisch zerrüttet, und die Indizien wollen sich nicht zu einem stimmigen Bild fügen, obwohl Lee für die Tat die Verantwortung übernimmt. Da ihm dieser Fall für die Inselpolizei - hier repräsentiert durch Inspector Knell - eine Nummer zu groß erscheint, ruft Kinrade einen alten Freund zu Hilfe.
Chief Inspector Thomas Littlejohn von Scotland Yard reist auf die Insel. Verdächtige findet er genug, denn Sir Martin war allgemein verhasst. Er lag im Streit mit vielen Manxmen und -women, war ungeachtet seiner Ehe mit der schönen Lady Jean ein unverbesserlicher Schürzenjäger. Deshalb dauert es, bis sich viele verwirrende Andeutungen zu einem ähnlich verworrenen Tatbild zusammensetzen lassen ...
Stille Inselidylle mit tiefen Abgründen
Eine Insel, umgeben vom Meer und nur mit dem Schiff erreichbar. Die Schar der Bewohner ist überschaubar, und überraschende Neuankömmlinge sind ebenso wenig zu erwarten wie eine schnelle Abreise (oder Flucht) möglich: Die Beschreibung legt bereits offen, was uns Leser erwartet: ein lupenreiner, zudem englischer Whodunit, ein Kriminalroman also, der die Suche nach einem Kapitalkriminellen beschreibt. Diese/r hält lange alle Trümpfe in der Hand, bis im Finale der Ermittler vorbeizieht und ihm (oder ihr) während einer dramatischen Szene die Maske vom Gesicht reißt (und dabei sämtliche Hinweise offenbart, die der Autor - hoffentlich geschickt genug - vor seinem Publikum verschleiert hatte).
Wieso George Bellairs (alias Harold Blundell, 1902-1982) im deutschen Sprachraum bisher durch weitgehende Abwesenheit glänzte, ist ein Rätsel. Er hätte perfekt ins Programm diverser Taschenbuchverlage gepasst, die ganz ähnliche Genre-Werke herausbrachten. Doch außer den „Totenglocken“ lassen sich nur zwei weitere, uralte Übersetzungen feststellen. Dabei lieferte Bellairs, was auch hierzulande gern gelesen wurde - und dies in jener Mischung aus Krimi-‚Kunst‘ und Handwerk, die der Zeit unter Nutzung der Nostalgie ein Schnippchen schlägt.
Der Schauplatz wird vom Verfasser als Bühne perfekt vorbereitet. Wir können uns vor dem geistigen Auge stets vorstellen, wo in oder um Mylecharaine sich die Protagonisten gerade bewegen. Darüber hinaus investiert Bellairs viel Liebe zum Detail, um die Insel Manx so stimmungsvoll wie möglich = düster und unheimlich zu zeichnen. Das Wetter sorgt für entsprechende Akzente, und irgendwann schleicht sogar ein rachedurstiger und sehr großer Hund des Nachts über die Marsch!
Nachdem Harold Blundell viele Jahre im Bankgeschäft tätig war, ließ er sich als Ruheständler auf Manx nieder. Er kannte also die Landschaft und die Menschen, und das spiegelt sich jederzeit wider. Die Überzeichnung vor allem geistig einfach gestrickten Landvolks ist ein beliebtes Stilmittel des klassischen Rätselkrimis. Auch Bellairs greift darauf zurück, aber er stellt seine Figuren nicht bloß, sondern hebt ihre Verschrobenheiten als Individualismen heraus.
In der Ruhe liegt die Fahndungskraft
Dabei hilft der Einsatz des berühmten britischen, also betont knochentrockenen, geistreichen Humors, der wie nebenbei eingestreut wird. Man muss hier die Qualität einer Übersetzung betonen, die aus dem Jahre 1959 stammt; in diesem Jahr wurde der Roman erstmals in Deutschland veröffentlicht. Was Helmut und Edith Bittner einst vorlegten, kann auch heute problemlos bestehen. Der Witz schleicht sich an, fällt völlig unerwartet über seine lesenden Opfer her - und ist schon wieder verschwunden, wenn diese sich die Augen reiben! (Ein typisches Bonmot sei hier exemplarisch zitiert: „Die beiden Hauptüberschriften der Zeitung fielen schon von Weitem ins Auge: Chief Inspector Littlejohn übernimmt den Mordfall in der Marsch - Kalb mit sechs Beinen in Ronague geboren“)
Thomas Littlejohn (in diesem Band frisch gebackener Chief Inspector) geht den Mordfall mit einer Sorgfalt an, die auf langer Erfahrung basiert. „Totenglocken auf der Insel“ ist bereits der 31. Fall, den George Bellairs ihn lösen ließ. Seit 1942 war unser Ermittler bereits tätig, und erst der Tod des Autors 1980 setzte seiner Arbeit ein Ende - mit dem 54. Band!
Littlejohn gehört zu jenen Fahndern, die sich frei innerhalb der britischen Gesellschaft bewegen können, die ansonsten sehr hierarchisch geprägt ist. Adelige - Kirchenmänner - Bildungsträger und Juristen - Geld-‚Adel‘ - Handwerker und Geschäftsleute - Bauern und Arbeiter: So (von oben nach unten) setzt sich die Pyramide etwa zusammen. Der Aufstieg in eine höhere ‚Kaste‘ ist selten und schwierig, die Grenzen werden scharf gezogen und gehalten. Je höher man aufgestiegen ist, desto lieber bleibt man unter sich. Darüber hinaus gibt es in jeder Schicht weitere Abstufungen, die den Betroffenen sehr gut bekannt sind.
Status, Gesetz und Gottes Wille!
Littlejohn ist kein einfacher Polizist wie Inspector Knell, der es schwer hat, auf ‚seiner‘ Insel akzeptiert zu werden, sondern ein Beamter von Scotland Yard, einer Institution von Rang und Namen. Zudem hat er Verbindungen. Hochrangige Polizeikollegen protegieren ihn, und er kennt einen ebenfalls prominenten Kirchenmann. Darüber hinaus weiß Littlejohn, wie man mit dem ‚einfachen Volk‘ umgeht, ohne darüber seinen Status als Respektsperson einzubüßen.
So kann er sich überall Zutritt verschaffen, alle Bewohner von Mylecharaine befragen und auf diese Weise Indizien sammeln, die er Stück für Stück zu einem stimmigen Bild des Tatgeschehens zusammenfügt. Der arme Knell, dem solche Privilegien nicht in die Wiege gelegt wurde, unterwirft sich seinem Schicksal, beschränkt sich auf praktische Handreichungen und wartet darauf, dass der brillante Kollege dort obsiegt, wo er nicht mehr mitkommt.
Die Handlung kennt keinen Leerlauf, man folgt ihr mit Vergnügen. Nichtsdestotrotz wirkt die Aufklärung ein wenig dünn. Bellairs lässt Littlejohn ausführlich und plausibel ausführen, was geschehen ist. Überwältigt ist man nicht, zumal der Verfasser der Offenbarung geradezu eine Flut göttlicher Interventionen folgen lässt, um die uns sympathisch gewordenen Übeltäter nicht am Galgen sehen zu müssen: Bellairs schrieb außerhalb ‚seiner‘ anakondalangen Serie weitere Krimis. Verständlicherweise entstanden bei dieser Schlagzahl keine klassischen Meisterwerke. Mit Agatha Christie, Dorothy L. Sayers oder Michael Innes kann er sich schwerlich messen. Doch in seinem Heimatland ist Bellairs nicht vergessen. Man kennt seine Schwächen, aber erkennt seine Meriten an.
Fazit
Nicht genialer, aber nachvollziehbar ver- und entwickelter Rätselkrimi in interessanter Kulisse, dazu tempostark und gut geschrieben/übersetzt: erfreuliche, dazu schön aufgemachte Neuausgabe eines hierzulande seit Urzeiten vergriffenen Kriminalromans.

George Bellairs, Dörlemann

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