Der Mörder hat ein Alibi

  • Goldmann
  • Erschienen: September 1968
  • 0
Der Mörder hat ein Alibi
Der Mörder hat ein Alibi
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Michael Drewniok
75°1001

Krimi-Couch Rezension vonSep 2026

Was ihr auch versucht, wir kriegen euch!

Glendale ist ein Vorort der Metropole Los Angeles, was dafür sorgt, dass die lokale Polizei stets gut zu tun hat: Während sich die einheimische Bürgerschaft relativ gesetzestreu verhält, schleichen sich aus der nahen Großstadt immer wieder Gangster und Verrückte ein, die dann zeigen, was sie in Sachen Brutalität und Mord gelernt haben.

Im zuständigen Polizeirevier reagiert man buchstäblich gereizt auf eine aktuelle Verbrechenswelle, denn Leutnant Charles O’Connor ist erkältet und deshalb übellaunig; dies erst recht, weil sich ein von ihm verfolgter Scheckfälscher einfach nicht erwischen lassen will. Darüber hinaus treiben zwei Mörder ihr Unwesen in Glendale. Der eine hat einen Ladenbesitzer überfallen, beraubt und erschossen, der andere eine Frau offenbar mit bloßen Händen totgeschlagen.

Die Beamten setzen die üblichen Ermittlungsroutinen in Gang. Das bedeutet eine schier endlose Suche nach Zeugen, die nie wirklich etwas gesehen haben, und Verdächtigen, die notorisch lügen, nicht anzutreffen oder in dieser Sache unschuldig sind. Die Zeit drängt, denn bald gibt es ein weiteres Opfer.

Sackgassen, Irrtümer, Fehlanzeigen ... Doch das gehört zum Polizeialltag. Hilfreich ist der nicht zu unterschätzende „sechste Sinn“ des guten Ermittlers. Dieser zeichnet vor allem Sergeant Lodovico Varello aus, der jenseits der Routinen die Augen offenhält. Geht hier gar kein typischer Berufsverbrecher, sondern ein Irrer um, der nicht in den Akten verzeichnet ist und sich hinter der Maske eines Biedermanns verbirgt? Mühsam, aber hartnäckig werden die Fahndungen fortgesetzt, bis sich die wenigen Indizien allmählich zu Spuren verdichten ...

Wir, die Guten, gegen das Böse

Das „police procedural“ ist ein Subgenre der Kriminalliteratur. Im Vordergrund steht die möglichst/vorgeblich realistische, spannend aufgeladene Ermittlung durch ausgebildete Fachleute, deren Alltagsarbeit solche Suchen sind. Die dabei angewendeten Methoden fließen in das Geschehen ein, was dessen ‚Realismus‘ steigert. Der wird zum zusätzlichen Handlungsfaktor, was sich traditionell u. a. darin widerspiegelt, dass die ermittelnden Polizisten stets mit Einschränkungen konfrontiert sind, über die der klassische Meisterdetektiv erhaben ist.

Als Bedienstete einer Stadt müssen sich auch die Männer des Polizeireviers Glendale an ihre Vorschriften halten. Autorin Egan stimmt gern und oft in ihr Klagelied ein: Die Polizei darf nicht richtig durchgreifen, das Gesetz ist zu lasch, Verbrechen tanzen ihnen deshalb auf der Nase herum, weil sie nicht auf ewig weggesperrt werden, sondern ‚mildernde Umstände‘ geltend machen können, die von der Beamten kollektiv als faule Ausreden betrachtet werden.

Wer gegen das Gesetz verstößt, ist ein Lump und im Kern seines Wesens verdorben. Die Polizisten von Glendale haben das Glück, dass die Autorin ganz auf ihrer Seite steht: Auch Lesley Egan sieht das Gesetz als Bastion, die unter dem Dauersturm entweder geborener, auf jeden Fall unbelehrbarer Strolche steht. Rehabilitation ist kein Wort, das zu ihrem Wortschatz gehört. Die Polizei hat immer Recht. Gute Bürger wissen das und erzählen offen und ausführlich, was sie gesehen haben - und wen sie für verdächtig halten, weil er oder sie gegen ungeschriebene Regeln verstoßen, was zuverlässig in einer kriminellen Außenwelt jenseits ehrlicher, anstrengender Arbeit, Glaubens- und Gesetzestreue enden wird.

Fangen, wegsperren, ausschalten

Nein, Barbara Elizabeth Linington (1921-1988) gehörte nicht zu denen, die zwar die Arbeit der Polizei durchaus würdigten, aber auch nicht verschwiegen, dass genau dieses in sich ruhende System seine Fehler besaß. Vergleicht man Linington mit Ed McBain (1926-2005), der die fiktive Geschichte des „87. Polizeireviers“ niederschrieb, kann sie nicht mithalten, wirkt sogar altbacken und naiv - dies erst recht, wenn man die historische Komponente berücksichtigt.

„Der Mörder hat ein Alibi“ erschien 1967 als vierter Band einer Serie, die Linington als „Lesley Egan“ und unter einem ihrer zahlreichen Pseudonyme (vor allem Dell Shannon und Anne Blaisdell), veröffentlichte. Zwischen 1961 und 1985 erschienen 13 Romane, in denen Ludovico „Vic“ Varallo die Hauptrolle spielte. Linington war eine Schnellschreiberin, die meist jährlich mehrere Titel verfasste, was die Pseudonyme verbergen sollten. Freilich war sie auch eine/r jener Routiniers, die das Schreiben als Handwerk beherrschten und deshalb stets ein gewisses Niveau hielten.

Aus heutiger Sicht irritiert die Verklärung eines Kleinbürgertums, das auch die Polizisten einschließt. Diese reiben sich im Dienst auf, obwohl sie überlastet und unterbezahlt sind, lassen sich klaglos von tumben Bürgern beschimpfen, die solche Aufopferung nicht anerkennen. Die wenigen freien Stunden widmen sich diese Männer ihren Familien und Kindern, wobei Ehefrauen und Nachwuchs gleichermaßen mit Liebe überschüttet und zur Disziplin verpflichtet werden: Dies ist nach Egan der Schlüssel zu einem erfüllten, glücklichen Leben. Kein Wunder, dass jede Polizeifrau sich zufrieden auf ein Leben als Hausfrau und Mutter beschränkt!

Ignorieren, wegschauen, funktionieren

Diese schwarz-weiße Folie legt Egan über eine Realität, die wie gesagt ganz anderen ‚Gesetzen‘ folgte. Los Angeles war in den späten 1960er Jahren ein Hotspot jener Entwicklung, die kritisch neu bewertete, was Egan so wichtig war. Vor allem die weiterhin existierende Rassendiskriminierung sorgte für Unruhen. Ganze Stadtviertel standen zeitweise in Brand, und protestierende, zu lange ignorierte Männer und Frauen lieferten sich Schlachten mit Polizisten oder Nationalgardisten.

Das obrigkeitlich geregelte System funktionierte nicht mehr. Für Egan existiert der daraus resultierende Widerspruch, aber er wird trivialisiert: Unzufriedene Zeitgenossen sind „Hippies“ = nicht streng genug erzogene Faulenzer und Systemsprenger aus Prinzip, also Außenseiter, die im Heer der ‚echten‘ Verbrecher aufgehen.

Selbstverständlich verliert Egan kein Wort darüber, dass ausgerechnet das Los Angeles Police Department über Jahrzehnte einen denkbar schlechten Ruf ‚genoss‘. Rassismus, Polizeibrutalität, Korruption: Sämtliche Sünden waren vertreten, doch Leutnant O’Connor und seine Männer/Freunde/Ritter wissen darüber nichts und erledigen ihren Job in der seligen Gewissheit ihres vorbildlichen Verhaltens.

Warum sollte man das lesen?

Über allem steht das erwähnte Handwerk. Linington/Egan weiß, was sie tut. Die kriminellen Ereignisse ziehen sich als roter Faden durch eine mehrschichtige Handlung. Die Aufklärung lässt nicht immer bis ins Finale auf sich warten. Manchmal schnappt die Falle/die Polizei schon vorher zu. Dann schiebt sich ein anderer Handlungsbogen in den Vordergrund.

Auch dem Privatleben ihrer Polizei-Protagonisten widmet Egan viel Zeit, ohne darüber wie heutzutage viel zu üblich die eigentliche Krimi-Handlung zu vernachlässigen. Polizisten sind Streiter wider das Verbrechen, aber auch (Ehe-) Männer, Väter, Brüder und Söhne. Dies soll sich den Lesern mitteilen, wobei die Verfasserin vor Klischees nicht zurückschreckt (aber vom Nostalgiefaktor aufgefangen wird).

Erwartungsgemäß sind Kriminelle verdorben, hinterlistig, faul und bereits dadurch erkennbar, dass sie großmäulig (männlich) bzw. mehrschichtig mit Make-up überzogen (weiblich) sind. Geschlechterübergreifend sie dumm, Wiederholungstäter und Dauergäste im Gefängnis. ‚Betriebsblinde‘ Mütter klammern sich an Söhne, die ins Irren- oder Zuchthaus gehören; die (dringend erforderlichen) Väter fehlen. Kein Wunder, dass im örtlichen Eisenwarenladen die Sicherheitsschlösser ausverkauft sind: Alle Beamten unseres Reviers decken sich dort besorgt ein, um sie daheim zu installieren und die (allzu sorglosen) Gattinnen auf gesunde Paranoia einzuschwören; eine Episode, die Egan als ‚humorvollen‘ Einschub schildert, es dabei allerdings abermals übertreibt und dort eine Büchse der Pandora vergräbt, wo man sie niemals finden und öffnen wird: Ihre Männer (= das Gesetz) sind dann doch schneller!

Fazit

Die Kriminalhandlung wird aus Polizeisicht erzählt, weshalb die Ermittlungsroutinen viel Raum einnehmen. „Law-&-Order“-Denken alter Schule prägt das Geschehen, das offiziell 1967 spielt, aber wohl schon damals aus der Zeit gefallen war: als gut geschriebener, nie auf der Stelle tretender Alt-Krimi dennoch interessant.

Der Mörder hat ein Alibi

Lesley Egan, Goldmann

Der Mörder hat ein Alibi

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