Königsmörder

  • Heyne
  • Erschienen: Oktober 2023
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Michael Drewniok
85°1001

Krimi-Couch Rezension vonSep 2026

Rachejagd bis ans Ende der Welt.

Zwischen 1642 und 1649 tobte in England ein erbitterter Bürgerkrieg. Er endete mit dem Ende der Monarchie. Großbritannien wurde zu einer Republik. „Lordprotektor“ Oliver Cromwell übernahm die Macht, König Karl I. endete auf dem Schafott. Frieden kehrte jedoch nicht ein. Die Royalisten blieben stark, während innenpolitische Konflikte für Instabilität sorgten.

1660 zerbricht die Republik. Karls aus dem Exil gerufener Sohn wird neuer König - und die Royalisten rächen sich an denen, die ihnen Macht und Vermögen genommen haben. Bedroht sind besonders jene Männer, die einst des Königs Todesurteil unterzeichneten. Sie gelten als Hochverräter, werden gejagt und grausam hingerichtet. Allerdings können die Häscher nicht alle Flüchtlinge ergreifen. So haben sich Edward Whalley und William Goffe, Schwiegervater und Schwiegersohn und beide hochrangige Offiziere in Cromwells Armee, rechtzeitig auf ein Schiff und nach Nordamerika abgesetzt. In der englischen Kolonie wollen sie untertauchen und auf bessere Zeiten warten.

Sie haben sich in England einen unerbittlichen Feind gemacht. Richard Nayler amtiert als Anführer einer vom Parlament beauftragten Gruppe, die den entkommenen „Königsmördern“ auf den Fersen ist. Als er sie in ihrer Heimat nicht dingfest machen kann, schifft sich Nayler nach Amerika ein, stellt eine Gruppe königstreuer Söldner zusammen und macht sich an die Verfolgung der Flüchtigen.

Whalley und Goffe entgeht nicht, dass ihnen auch im fernen Amerika Gefahr droht. Sie verlassen die Ostküste und schlagen sich ins Inland durch. Doch wohin sie auch flüchten, Nayler bleibt auf ihrer Spur; sein fanatischer Hass treibt ihn voran. Durch ein noch wenig erschlossenes, wildes und von nicht immer freundlichen Natives bevölkertes Land beginnt eine Hatz, für die der Auftrag, der Hayley ins Land brachte, nur ein Vorwand ist ...

Auf der Suche nach der historischen Lücke

Die Kenntnis historischer Fakten kann die Lektüre von Historienromanen beeinflussen, die auf den berühmt-berüchtigten „wahren Tatsachen“ basieren; dies droht dann, wenn der Erzähler sich vornimmt, den Tatsachen so nahe wie möglich zu bleiben. Robert Harris hat sich als Autor große Mühe gegeben, und er konnte sich auf eine reiche Überlieferung stützen, denn die Restauration der englischen Monarchie hinterließ einen breiten Strom zeitgenössischer Aufzeichnungen, Akten und schriftlich fixierter Erinnerungen. Hinzu kommen die Werke zahlreicher Historiker aus späteren Zeiten.

Für den kundigen Leser steht dadurch allerdings vor der Lektüre fest, dass Whalley und Goffe ihrem grimmigen Verfolger wohl irgendwie ein Schnippchen schlagen werden, denn der Tod ereilte beide nachweislich erst nach 1675. Doch schon in seinem Vorwort macht der Autor deutlich, dass er eine Geschichte erzählt, die zwar wahrhaftig klingen soll, aber nicht in sämtlichen Details wahr sein muss.

Der gnadenlose Jäger Richard Nayler ist als eine der Hauptfiguren unverzichtbar, aber fiktiv. Harris hat ihn ins Leben gerufen, um dem Drama bzw. seiner Vorgeschichte ein Gesicht zu geben. Wie es sich für den (arche-) typischen Rächer gehört, war Nayler einst ein netter Kerl und guter Ehemann, bis das Schicksal sein Leben zerstörte. Publikumswirksam projiziert er sein Unglück auf Whalley und Goffe, die zwar tatsächlich, aber eher zufällig verantwortlich, weil in eigenen Vorstellungen von Recht und Religion gefangen waren. Aus Nayler wurde ein Racheengel, der sich auch durch gewaltige Entfernungen und gefährlich fremde Lande nicht aufhalten lässt.

Das Recht auf der Seite des Stärkeren

Für den Menschen des 21. Jahrhunderts wirkt die Vergangenheit, wie Harris sie Gestalt annehmen lässt, überaus fremdartig. Gemeint ist damit weniger das Leben ohne Technik oder Medizin, wie man sie heute definiert. Gravierender ist die geradezu schaurige Gewalt eines allgegenwärtigen Systems, das politisch, juristisch und vor allem religiös bedingte Lebensgefahren für jene bereit hielt, die sich den jeweils herrschenden Mächten widersetzten.

Heutzutage beschwert man sich - auch dank des Internets - gern, laut und ohne Angst vor Konsequenzen. Diese Freiheit ist nicht sehr alt. Um 1660 konnte schon ein falsches Wort einen Menschen ins Gefängnis oder an den Galgen bringen. Generell existierte man in einem dichten Gespinst harter Gesetze und eherner Regeln sowie innerhalb einer Hierarchie, die das Dasein bestimmte. Je weiter man gesellschaftlich oben stand, desto reicher und freier (aber nicht immun) war man. Ganz oben stand der König, der in unserer Geschichte allerdings nervös ist, weil er in ein Reich zurückkehrt, dessen Vertreter seinen Vater einen Kopf kürzer gemacht haben.

Politisch sanktionierte Blutrache und Sippenhaft sind die Folgen. Das Gesetz sieht nie Sühne, sondern nur Strafe vor. Nicht Auge um Auge, sondern Kopf um Kopf lautet die Parole. Ausführlich beschreibt Harris, wie man die gefassten „Königsmörder“ demütigt und öffentlich abschlachtet; ihre Köpfe werden auf Spießen präsentiert, ihre zerteilten Körper über die Stadttore Londons genagelt.

Der Himmel ist stets nahe

Die Revolution in England war auch ein Glaubenskrieg zwischen Protestanten und Puritanern. (Die Katholiken wurden von beiden Parteien verfolgt.) Mit Karl II. kehrte das Protestantentum zurück - in England, jedoch nicht in den amerikanischen Kolonien. Dorthin hatten sich schon lange vor dem Umsturz vor allem jene geflüchtet, die an ihrem puritanischen Glauben festhielten. Weit entfernt vom Mutterland ließ man sie weitgehend in Ruhe.

Heute kann (und mag) man sich die Allgegenwärtigkeit des christlichen Glaubens nicht mehr vorstellen. Harris sorgt für Aufklärung: Gott ist nahe in einer Welt, in der Krankheit, Kriege, Hunger und viele andere Faktoren für niedrige Lebensalter sorgen. Das Diesseits ist nur eine Durchgangsstation zum Himmel, weshalb man sich besser um ein positiv ausgeglichenes Seelenkonto bemüht, um am Tag des Jüngsten Gerichts nicht als „in Sünde“ Verstorbener in der Feuergrube zu landen.

Dies sorgt für Verwicklungen, die in der Gegenwart nicht von Relevanz wären: Wohin sich Schwiegervater und -sohn auch flüchten, stets verrät sie ihr tief verwurzelter, frommer Drang, sich der örtlichen Kirchengemeinde anzuschließen. Das ist für sie so selbstverständlich wie das Atmen, aber es bringt sie in dieser gefährlichen Phase zwischen Restauration und Beruhigung der Situation zusätzlich in Gefahr und schiebt sich letztlich auch zwischen sie, da Edward seinen Glauben relativiert und William ihn deshalb für einen Ketzer hält.

Jagd ohne Plan und Ende

„Königsmörder“ gehört zu den Werken, denen man in der deutschen Übersetzung einen zusätzlichen ‚Kick‘ verleihen möchte. Deutscher Titel und Klappentext kündigen eine Geschichte an, die als permanente Hetzjagd zu Lande und zu Wasser abzulaufen scheint. Doch die Spannung speist sich aus anderen Quellen, atemlose Action-Spannung und kriminalistische/kriminelle Tricks darf man nicht erwarten. Der Originaltitel gibt die Richtung vor: „Act of Oblivion“, also „Gesetz der Vergebung“, zitiert absichtlich nur den Teilnamen eines Erlasses, mit dem die erneut königliche Regierung 1660 für Frieden in Großbritannien sorgen wollte. „Indemnity and Oblivion Act“ lautete sehr viel unheilvoller der vollständige Titel: Man gewährte denen Gnade, die zwar Cromwell gehorcht und ihn unterstützt hatten, weil man ansonsten die Mehrheit der Bevölkerung hätte bestrafen und hinrichten müssen. Ausdrücklich ausgenommen und „verdammt“ waren dagegen jene, die mit dem Tod von König Karl I. in Zusammenhang gebracht wurden.

Harris gibt der Verdammnis viel Raum, aber er betont die Vergebung - und erfolge sie nur deshalb, weil irgendwann der Rachedurst der Royalisten gestillt ist und durch aktuelle Geschehnisse in den Hintergrund rückt. Dann interessiert sich nur noch der verbitterte Nayler für die flüchtigen „Königsmörder“, an die diesseits und jenseits des Atlantiks kaum mehr jemand einen Gedanken verschwendet. Der Autor thematisiert, was Recht bzw. Unrecht mit den und dem Menschen macht. In dieser Geschichte gibt es keine Helden. Alle sind Täter und Opfer zugleich, was die vorgeblich frommen Puritaner einschließt. Nur Edward Whalley erkennt dies nicht nur, sondern spricht es offen aus.

„Königsmörder“ ist über weite Passagen ein Blick in die frühe nordamerikanische Geschichte. In vielen Kapiteln ruht die Verfolgung, und wir lernen einen trügerisch schönen Kontinent kennen, der noch ungeplündert und unzerstört ist. Doch die Zukunft kündigt sich bereits an; die Einwanderer aus Europa breiten sich rücksichtslos aus, es kommt zu ersten „Indianerkriegen“, in London ignoriert man die Wünsche und Forderungen der Kolonisten. Die Motive für eine Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten lassen sich bereits erkennen. Wieder sprengt Harris die Grenzen des Historienkrimis, der dem Geschehen zwar eine Struktur und einen roten Faden, aber dem realhistorischen Hintergrund viel Raum gibt. Das Ergebnis ist eine mehrschichtige, spannende Geschichte, die in ihren Details nicht versinkt, sondern geschickt vorangetrieben wird.

Fazit

Die Jagd auf zwei Hochverräter wird zum Panorama der europäisch-nordamerikanischen Welt in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Das Geschehen ruht auf einem heute fremdartigen politischen, sozialen und kulturellen Fundament, was der Verfasser nutzt, um der Handlung ihre Richtung als gelungener Rückblick in die Geschichte zu geben.

Königsmörder

Robert Harris, Heyne

Königsmörder

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