Grabstein 915
- Heyne
- Erschienen: Januar 1970
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Tragödie mit Nachbrenner.
Andrea Langdon gehört zu den Menschen, die mit dem berühmten goldenen Löffel im Mund geboren und auch sonst vom Glück reich beschenkt wurden: Ihr Vater ist reich, sie selbst vermögend, dazu hübsch und beliebt.
Dass etwas nicht stimmt, wusste zumindest der zeitgenössische Leser, wenn die Autorin erwähnt, dass Andrea bereits 28 Jahre alt und noch nicht verheiratet ist. Fürchtet sie, dass die meisten Interessenten sich vor allem für das Familienvermögen interessieren? Einige Kandidaten wären aus Sicht des Vaters durchaus in Frage gekommen.
Weder er noch der überwiegende Rest der Welt kennen Andreas düsteres Geheimnis: Vor neun Jahren ist sie auf einen Windbeutel hereingefallen, der sie schwängerte und dann im Stich ließ! Diese Schande hätten sie und ihre Familie gesellschaftlich erledigt. Deshalb brachte Andrea heimlich und ohne Wissen des Vaters einen Sohn zur Welt. Das abgeschieden lebende Ehepaar Horbal nahm ihn in Pflege, bis Andrea das Kind fünfjährig abholte. Nachdem sie alle Vorbereitungen getroffen hatte, es ohne Aufsehen in die Familie einzuschleusen, wollte sie es zu sich holen.
Mutter und Sohn gerieten in ein Großfeuer, das nur Andrea überlebte. Sie verleugnete ihr Kind, das anonym unter „Grabstein Nr. 915“ bestattet wurde, und lebt seither mit der Trauer - und nun auch mit der Angst, denn Seymour Boyd, der Kindsvater, taucht auf. Er ist zum Landstreicher herabgesunken und erpresst seine reiche Ex-Freundin mit der Drohung, das Geheimnis des unehelichen Kindes zu lüften. Mit ihm im Boot sitzt der habgierige Walt Horbal.
Andrea knickt ein. Sie fürchtet um ihren Ruf, und ihr Vater bewirbt sich gerade für ein hohes politisches Amt. Verdacht schöpft nur der Journalist Fergus MacDonald, der sich in Andrea verliebt hat. Während Boyd und Horbal ihr Daumenschrauben anlegen, stellt er Nachforschungen an und kommt dem Lumpenduo allmählich auf die Schliche ...
Im Namen der drei Affen
(Einfluss-) Reichtum ist jederzeit nützlich sowie keine Schande, so lange man nicht erwischt wird. Gesetzesbrüche und Verstöße gegen moralische Regeln betreffen jene, die sich Elitestatus anmaßen, nur, wenn sie fürchten müssen, in ihrer scheinheilig gehüteten Vorbildfunktion bloßgestellt zu werden. Dann erfolgt ein harter Schnitt, und auch bisher Große und Mächtige werden aus dem Paradies verstoßen.
Was entsprechende Vergehen betrifft, steht die Geburt eines unehelichen Kindes ganz oben auf der Liste der Verwerflichkeiten. Heute mag diese ‚Sünde‘ an Brisanz verloren haben, doch als Doris Miles Disney 1959 den hier vorgestellten Roman veröffentlichte, konnte es eine Familie wie die Langdons kaum schlimmer treffen.
Schon dass Andrea trotz ihres reifen Alters weiterhin unbemannt bzw. unverheiratet ist, sorgt für Wispern und Stirnrunzeln. Sie kann sich notdürftig aus dieser Affäre ziehen, indem sie dem Vater zur Seite steht, der in die Politik drängt, aber verwitwet ist. Ein Anführer ohne Frau an seiner Seite (bzw. einen Schritt hinter ihm) ist nicht ‚komplett‘, aber er muss gerade dort, wo die USA kleinstädtisch-ländlich orientiert sind (in unserem Fall handelt es sich um das Hinterland des neuenglischen US-Staates Connecticut), rundum ‚normal‘ sein (oder wirken), um an den Wahlurnen erfolgreich zu sein.
Zerstörer in Babygestalt
Um die in ihrer Mehrheit entsprechend gepolte Leserschaft zu besänftigen, muss Disney mit allerlei Tricks arbeiten, um Andrea aus dem Zwielicht zu holen und in ein Opfer zu verwandeln. Leicht ist das nicht, und klug spricht die Autorin ein zentrales Problem selbst an: Wenn Andrea ihren Sohn so sehr liebte, wieso ließ sie ihn dann in einem anonymen Grab verscharren?
Sie sei eben noch sehr jung und voller Angst gewesen, gibt Andrea zu Protokoll. Das mag man ihr durchaus glauben, denn ungeachtet ihrer Trauer hätte man sie, die Mutter bzw. das „gefallene Mädchen“, durch die Mangel gedreht. Die Zeit konnte diese Gefahr nicht mindern, denn Andrea hat sich einer Untat schuldig gemacht, die nur reift, statt zu verwelken. Die Presse liebt solche Dramen, und die brave Leserschaft weidet sich an den Makeln einer sonst unangreifbaren Oberschicht.
Also ist es völlig unerheblich, ob das Kind lebt oder unter Grabstein 915 liegt. Andreas ‚Verbrechen‘ ist ebenso aktuell wie neun bzw. vier Jahre zuvor. Deshalb eignet sich die Tragödie perfekt als Instrument einer Erpressung: Die Fakten sind unstrittig, und Andrea war und ist ‚schuldig‘. Für sie gibt es keinen Ausweg, weshalb sich Seymour Boyd, eigentlich ein Loser und Feigling, sich ihr dreist aufdrängen kann, statt mit Fußtritten unter seinen Stein zurückgetrieben zu werden.
Die Angst vor der Wahrheit
Es ist wie gesagt heute schwer nachvollziehbar, in welche Notlage Andrea faktisch geraten ist. Disney gelingt es, die seltsame, dumpfe Bigotterie plausibel zu machen, unter der die Protagonisten leben. Wiederum dreht die Autorin an bestimmten Schrauben. Um Andrea weißzuwaschen, betont sie einerseits ihre Unschuld, lässt sie, die reiche Erbin, wohltätig in einem Krankenhaus arbeiten und dem armen, hilflosen, weil gattinnenlosen Vater als Stütze dienen. Demgegenüber sind Kindsvater Seymour und Pflegevater Walt widerliche, charakterlose, gierige Mistkerle, denen die Verkommenheit in die verwüsteten Visagen geprägt ist. Seymour ist ein haltloser Säufer, Walt ein primitiver Gewaltmensch, der seine eingeschüchterte Frau mit den Fäusten traktiert.
So stellt Disney klar, wie sie Gerechtigkeit versteht. Sie unterstreicht es durch ein Finale, in dem die Strolche ihre verdiente Strafe erhalten und die Überlebenden = Mitwisser - darunter ein Polizeibeamter! - sich eine Geschichte ausdenken, um Andrea aus der Sache herauszuhalten. Es kommt zu einem seltsamen Happy-End: Grabstein 915 wird weiterhin ohne Namen bleiben, Andreas Vater die Wahl gewinnen und sie nicht nur aufatmen, sondern auch den Mann heiraten, der die Wahrheit kennt.
Damit wird sie auf der sicheren Seite sein, denn Fergus MacDonald ist ein wackerer Mann des Volkes, weil anders als Schwächling Seymour ein Mann mit Werten, der hart arbeitet und die Redlichkeit hoch hält (jedenfalls so, wie er und Disney sie zugunsten Andreas definieren). Damit repräsentiert er, was in Andreas Leben bisher und überhaupt gefehlt hat - den Mann, der sie fürderhin schützen und leiten sowie für ein Ersatzkind sorgen wird: Man könnte diesen Roman als „Noir-Cozy“ bezeichnen ...
Doris Miles Disney (1907-1976) passte mit ihren moralisierenden, sacht spannenden Krimis perfekt in eine Nische. Nach dem Zweiten Weltkrieg legte sie durchschnittlich zwei Romane pro Jahr vor; leichte Kost, psychologisch oberflächlich, erfolgreich. Man meint vor dem geistigen Auge den Film zum Buch förmlich zu sehen: Solche Streifen fluteten das Kino und dominierten auch im Fernsehen, weshalb nicht wundert, dass einige Disney-Werke ihren Weg auf Leinwand und Bildschirm fanden.
Fazit
Simpel, aber storytauglich konzipierter Durchschnittskrimi, der heute primär aufgrund des moralisierenden Hintergrunds seiner Entstehungszeit interessiert und nur in diesem Umfeld funktionieren kann. Die Figuren sind schlicht gezeichnet, womit sie sich der ideenschmalen Story anpassen.

Doris Miles Disney, Heyne

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