Toni Kölsch – Ausgelöscht

  • Emons
  • Erschienen: Juni 2026
  • 0
Wertung wird geladen
Thomas Gisbertz
70°1001

Krimi-Couch Rezension vonJul 2026

Hier ist der Titel Programm.

Als die Leiterin der Mordkommission in Köln, Antonia „Toni“ Kölsch, morgens zu einem neuen Tatort gerufen wird, machen ihr nicht nur der Nieselregen und das defekte Fahrrad zu schaffen, sondern auch akute Magen-Darm-Probleme. Dies hält aber weder die Kommissarin noch ihren Kollegen Serkan Bilgin länger davon ab, im Fall einer ermordeten 63-jährigen Villenbesitzerin zu ermitteln. Diese wurde vor ihrem erlösenden Tod auf extrem grausame Weise vom Täter gequält. Aber auch die Tatsache, dass sämtliche persönlichen Gegenstände im Haus des Opfers fehlen, gibt den Ermittlern Rätsel auf. Als wenig später ein weiteres Opfer, das auf identische Weise ermordet wurde, auf einer Bank vor dem Alten Rathaus gefunden wird, erkennen Kölsch und Bilgin ein Muster. Alles hängt mit einem dramatischen Ereignis in der Rheinmetropole zusammen, für das die Verantwortlichen aus sich des Täters nie zur Rechenschaft gezogen wurden.

Humor trifft auf Krimi

„Toni Kölsch“ ist das Krimidebüt zweier preisgekrönter Drehbuchautoren. René Förder und Stephan Pächer schrieben zusammen für bekannte Serien und Reihen wie „Pastewka“, „Morden im Norden“, „Großstadtrevier“ und „Wilsberg“. Pächer, der auch für Fernsehformate wie „Die Wochenshow“, „Ladykracher“ und die „Heute Show“ tätig war, erhielt ebenso wie sein Kollege Förder den Deutschen Fernsehpreis und den Deutschen Comedy-Preis. Beide leben und arbeiten in Köln, dem Handlungsort ihres gemeinsamen Romans. Bewohner und Freunde der rheinischen Metropole werden das Krimidebüt ab der ersten Seite in ihr Herz schließen, denn es thematisiert alles, was dem Kölner lieb ist: zentrale Orte und Plätze der Stadt, pure Lebensfreude (Opfer und Täter einmal ausgenommen), Karneval (nicht ohne Grund spielt der Roman rund um den Sessionsauftakt), Brauhauskultur (Tonis Familie gehört ein solches Bräues), der FC, die Pflege der Kölschen Mundart, jede Menge Klüngel und natürlich viel Jeföhl. Bei so viel Lokalkolorit und Liebe zur Stadt fragt man sich dann aber doch, ob auf den 300 Seiten überhaupt noch Platz für eine spannende Story ist. Denn genau diesen Spagat müssen Förder und Pächter meistern - was allerdings nicht ganz reibungslos gelingt.

„Brutal“ lustig

Wer den Titel liest, weiß, worauf er sich bei der „Bullin von Köln“ einlässt. Der Roman hangelt sich an Kölner Eigenheiten und tief verwurzeltem Lokalpatriotismus entlang, so als wolle das Autorenpärchen nichts auslassen. Grundsätzlich ist dies aber nicht nur legitim, sondern trägt sogar zum Besonderen des Krimis bei. Darüber hinaus sind Förder und Pächer Meister des humorvollen, pointierten Dialogs und schräger Figuren. So entsteht gleich von Beginn an ein ungemein unterhaltsamer Plauderton, dem man als Leser gerne folgt. Doch schon bald spürt man, dass die letzte Konsequenz fehlt, denn vieles bewegt sich im Graubereich zwischen Cosy-Krimi und Thriller. Dies gilt ebenso für die Figuren, deren Auftreten und die Handlung an sich. Neben viel Witz und urkomischen Szenen gibt es auch äußerst brutale und abstoßende Passagen, zum Beispiel wenn es um die chirurgische Präzision des Täters bei der ekelerregenden Ermordung seiner Opfer geht. Dass sich der Roman neben gängiger Klischees auch vereinzelt an den Grenzen des guten Humors bewegt, lässt sich insgesamt verschmerzen. Störender ist dagegen der doch streckenweise unrunde Schreibstil. Es kommt beim Lesen das Gefühl auf, dass die Autoren Szenen und Ideen, die ihnen gefallen, irgendwie unterbringen wollten. So verliert sich die Handlung vereinzelt im Anektdotenhaften. Auch die Entwicklung der Figuren bleibt etwas zu vage. Als Beispiel ist hier nur Tonis „dunkles Geheimnis“ (Klappentext) zu nennen, das der Täter kennt, aber erst auf den letzten Seiten genannt wird. Dabei hätte dies enorme Auswirkungen auf ihre Arbeit im Zusammenhang mit einem potentiellen Opfer haben müssen. Zuletzt werden auch Hinweise zum (vermeintlichen) Täter immer wieder zu offensichtlich eingestreut.

Einmal von der Leine gelassen

Der Roman weiß immer dann zu überzeugen, wenn er sich weg von der Kriminalerzählung hin zur liebevollen Darstellung eigentlich banaler Geschichten und Episoden bewegt, die auch ins Groteske kippen können. Wenn die Autoren uns in den Mikrokosmos „Büdchen“ eintauchen lassen und wir miterleben dürfen, wie ein Kollege Tonis über die Verweildauer von Brausebonbons in den klassischen Plastikkästchen sinniert, ein Toter in einem „Gespräch“ eine Braut darin bestärkt, doch nicht zu heiraten, oder wenn der Leser Teil einer slapstickartigen Verfolgungsjagd wird, die quer über das Trainingsgelände des FC verläuft und dank der Hinterlassenschaften der ortsansässigen Kanadagänse im Decksteiner Weiher endet, dann zeigen Förder und Pächter, warum sie zurecht den Comedy-Preis gewonnen haben. Das ist ganz großes Kino und macht mächtig Spaß. Genau das ist besonderen Stärke der beiden Autoren, die sie in den Folgebänden mehr ausspielen sollten.

Fazit

Was eine stringente, packende Kriminalgeschichte betrifft, besteht sicherlich für die Folgebände noch Luft nach oben. Aber alle, die feinen Humor und pointierte Dialoge ebenso lieben wie derben Witz und schräge Figuren, werden hier bestens unterhalten. Und eines wird am Ende mehr als deutlich: Der Roman ist wie Köln – Er hat nicht nur schöne Seiten, aber er besitzt neben Humor viel Hätz, Leeve und Jeföhl.

Toni Kölsch – Ausgelöscht

Stephan Pächer, René Förder, Emons

Toni Kölsch – Ausgelöscht

Ähnliche Bücher:

Deine Meinung zu »Toni Kölsch – Ausgelöscht«

Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

Dr. Drewnioks
mörderische Schattenseiten

Krimi-Couch Redakteur Dr. Michael Drewniok öffnet sein privates Bücherarchiv, das mittlerweile 11.000 Bände umfasst. Kommen Sie mit auf eine spannende und amüsante kleine Zeitreise, die mit viel nostalgischem Charme, skurrilen und amüsanten Anekdoten aufwartet. Willkommen bei „Dr. Drewnioks mörderische Schattenseiten“.

mehr erfahren