Der gute Sohn

  • Ullstein
  • Erschienen: Oktober 2026
  • 1
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Thomas Gisbertz
85°1001

Krimi-Couch Rezension vonOkt 2026

Wenn nur Schmerz die Dunkelheit erträglich macht.

Vier freie Wochen liegen vor der 37-jährigen Liv Beck, die sie auf einer abgelegenen Nordseeinsel verbringen wird. Doch die Kriminalhauptkommissarin ist nicht zum Vergnügen hier. Nach ihrem letzten Einsatz leidet die Polizeibeamtin unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Während sie sich auf den Weg in die Reha-Klinik begibt, begegnet sie dem Inselbewohner Fink, der unter dem Verlust seines Sohnes leidet. Dieser ist vor gut vier Wochen von einer Fähre verschwunden. Während die Polizei von einem Unglück ausgeht, glaubt der verzweifelte Vater weiterhin daran, seinen Sohn lebend zu finden. Für Liv ist dies die Möglichkeit zu schauen, ob sie für ihren Beruf noch geeignet ist. Zwischen Behandlungen in der Klinik, der Verarbeitung des eigenen Traumas und der Spurensuche auf der Insel freundet sich die Kommissarin mehr und mehr mit Fink an. Doch beide müssen erkennen, dass die Insel mehr als nur ein dunkles Geheimnis verbirgt.

Zweiter Kriminalroman

Der gebürtige Bremer Lars Menz hat bereits Anfang 2025 mit seinem Thrillerdebüt „Die Schanze“, das für den Viktor-Crime-Award in diesem Jahr nominiert ist, bewiesen, dass er nicht nur ein guter Krimiautor, sondern auch ein ausdrucksstarker Schriftsteller ist. Er versteht es, die Verletzlichkeit seiner Protagonisten mit ungemein feiner Sprache ebenso offenzulegen wie gleichzeitig auch für eine düstere Atmosphäre zu sorgen, bei der sich die Grenzen von Gut und Böse beinahe mit jeder Seite verschieben können. Dies gilt auch für seinen aktuellen Thriller „Der gute Sohn“, der sicherlich das genaue Gegenteil eines sonnigen Inselromans ist. 

Waren die falschen Fährten im letzten Roman des Autors mitunter doch etwas zu offensichtlich, so ist die wendungsreiche Handlung diesmal sogar eine große Stärke des Thrillers. Auch wenn sich das „Ermittlerduo“ Beck/Fink vielleicht ab und an etwas zu schnell auf mögliche Verdächtige festlegt, webt der Autor ein spannendes Geflecht aus Verdächtigen und Geheimnissen, von dem man sich auch als Leser gerne einfangen lässt. Das Besondere ist sicherlich, dass sich die Geschichte mit samt seiner Protagonisten fortwährend weiterentwickelt und es Menz dabei versteht, zwischen Spannung und Figurenentwicklung die richtige Balance zu finden.

Kampf gegen sich selbst

Im Zentrum des Romans steht die traumatisierte Kriminalbeamtin Liv Beck. Seit dem Tag eines missglückten Einsatzes, der sie letztendlich bis in die Insel-Klinik führte, kann sie ihre schusssichere Weste nicht mehr ausziehen. Die emotional stark angeschlagene Ermittlerin braucht diesen Schutzpanzer, auch wenn dieser sie nicht vor der Begegnung mit den Geistern ihrer Vergangenheit bewahren kann. Liv scheint sich zunehmend selbst zu verlieren und das, was sie einst ausmachte – als Polizistin, aber auch als Mensch. Doch statt sich um ihre eigenen Probleme zu kümmern, beschäftigt sie der Fall und mit ihm auch der verzweifelte Fink. Doch um endlich wieder zu sich zu kommen, braucht sie auch genau dies: eine Aufgabe, bei der sie sich neu beweisen kann. Somit stellt sie sich mit den inoffiziellen Ermittlungen im Fall des vermissten Jungen auch ihrer eigenen seelischen Verletzung. Schmerz gegen Schmerz, um der inneren Dunkelheit zu entkommen.

Gemeinsames Leid

Bei allen Kompromissen, die man bei einem Thriller aufgrund der zeitlichen Begrenztheit eingehen muss, wirken die Figuren sehr nahbar, weil ihr Auftreten und ihre Entwicklung weitestgehend authentisch wirken. Dies gilt insbesondere für Liv Beck und Fink, dessen Vornamen man nicht erfährt. Die Kommissarin ist weder eine Superheldin, noch entspricht sie dem klassischen Klischee einer gebrochenen Ermittlerin. Ein Wandern auf der Grenze. Lars Menz meistert diesen Spagat, zeigt seine Figuren ebenso in schwachen Momenten wie in Augenblicken der Stärke, des Aufbäumens gegen das eigene Schicksal. Genau das ist es auch, was die beide Protagonisten verbindet, sie einander näher kommen lässt, weil sie in gewisser Weise das beim anderen finden, was sie brauchen. Diese menschliche Dimension war bereits in der „Schanze“ eine ganz besondere Stärke des Autors, mit der er sich aus dem Einerlei der Kriminalromane wohltuend abhebt. Dabei darf aber keineswegs vergessen werden, dass der aktuelle Roman Spannung und Nervenkitzel par excellence bietet. Denn in erster Linie ist Menz ein beeindruckender Krimiautor.

Fazit

Wer Krimis mag, sollte sich den Namen Lars Menz gut merken. Dem Autor gelingt mit seinem aktuellen Roman sicherlich einer der besten deutschsprachigen Kriminalromane in diesem Jahr. Mit seiner düsteren Atmosphäre, der packenden Geschichte und der starken Figurendarstellung weiß der Roman von Beginn an bestens zu unterhalten. Ein Thriller, wie gemacht für dunkle Herbsttage.

Der gute Sohn

Lars Menz, Ullstein

Der gute Sohn

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