Du kriegst mich nicht

  • Ullstein
  • Erschienen: Juli 2026
  • 6
Du kriegst mich nicht
Du kriegst mich nicht
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Thomas Gisbertz
88°1001

Krimi-Couch Rezension vonAug 2026

Vielleicht der Thriller des Sommers.

Die Welt von Nelson Stewart bricht mit einem Mal zusammen. Vor Gericht wird der Millionär zu dreizehn Jahren Haft verurteilt. Der Grund: Der Angeklagte soll seiner Frau Samantha mehrfach Gewalt angetan und sie misshandelt haben. Auch weil eine Geliebte von ihm von vergleichbaren Gewaltvorfällen berichtet, erfolgt das Urteil einstimmig. Doch noch im Gerichtssaal droht Stewart seiner Frau: „Ganz egal, wo du hingehst, eines Tages finde ich dich, das schwöre ich.“ Samantha bleibt nichts anderes übrig, als eine neue Identität anzunehmen und wegzuziehen, wenn sie nicht ein Leben lang auf der Flucht sein will. Was für sie eigentlich ein Neuanfang sein sollte, wird für sie ein Leben voller Sorge und Angst. Denn bereits nach kurzer Zeit hat Mary, wie sie sich nun nennt, das Gefühl, beobachtet und verfolgt zu werden. Ständig muss sie ihre Wohnorte wechseln, aber die Furcht bleibt. Einige Jahre später lernt sie den charismatischen Multimillionär Quaddra Buckner kennen. Doch ihre Vergangenheit kann sie nicht ablegen und auch ihr Geliebter scheint Geheimnisse vor ihr zu haben.

Kein typischer Carter-Roman

Autor Chris Carter, als Sohn italienischer Einwanderer in Brasilien geboren, gehört ohne Zweifel zu den bekanntesten und beliebtesten Thrillerautoren weltweit. Der inzwischen in London lebende Schriftsteller studierte in Michigan forensische Psychologie und arbeitete sechs Jahre lang als Kriminalpsychologe für die Staatsanwaltschaft. Dann zog er nach Los Angeles, wo er als Musiker Karriere machte. International erfolgreich ist er seit 2009 vor allem mit seiner Reihe um den Profiler Robert Hunter, der sich beim LAPD um schwere Gewaltdelikte und Serienverbrechen kümmert. Mit seinem Protagonisten hat Carter ohne Zweifel eine der komplexesten Ermittlerfigur zeitgenössischer Thrillerromane geschaffen.

Mit „Du kriegst mich nicht“ (OT: Hide and Seek) weiß Chris Carter nun mit einem brillanten Standalone zu überzeugen, obwohl dieser alles andere als carterlike erscheinen mag. Denn statt mit Brutalität und düsterer Atmosphäre überrascht er seine Leser mit einem perfiden Katz-und-Maus-Spiel, bei dem nichts so ist, wie es auf dem ersten Blick scheint.

Schein und Sein

Während der Thriller auf den ersten 100 Seiten fulminant beginnt, verliert der Roman plötzlich an Tempo. Mehr noch: Er wirkt beinahe wie ein Liebesroman, ein emotionales Drama, erinnert in einzelnen Passagen sogar an Fifty Shades of Grey. Man muss sich unweigerlich fragen, was aus dem Heavy-Metal-Autor Chris Carter geworden ist. Wird der 61-jährige Autor bereits altersmilde? Nein, weit gefehlt. Denn Carter bereitet nur sein Feuerwerk vor, das er auf den letzten 250 Seiten abbrennt. Was der Autor hier abliefert ist hohe Thrillerkunst. Trauen Sie als Leser Chris Carter keine Sekunde, denn er wird sie sonst vorführen und manipulieren, wie es seine Figuren machen. Dabei spielt Carter nicht nur gekonnt mit Schein und Sein, sondern nutzt auf raffinierte Weise Mittel der Verhaltenspsychologie. Erst am Ende des Romans bemerkt man, dass das Buch eine Metaebene besitzt, die den Leser staunend zurücklässt. Die Auflösung des Thrillers ist einfach grandios, meisterhaft, atemberaubend.

Clevere Wendungen

Der Roman ist wunderbar klar geschrieben. Carter ist kein großer Stilist, aber ein Autor, der es versteht, Spannung und Tempo aufzubauen. Er beweist diesmal eindrucksvoll, dass für Nervenkitzel keine überbordende Brutalität und Grausamkeit notwendig sind. Allerdings sollte man die Zeichen und Hinweise des Autors im Roman erkennen und sehr aufmerksam lesen. Carter weckt bewusst zwischendurch das Gefühl von Geborgenheit und gegenseitigem Vertrauen. Er drosselt bewusst das Tempo. Ruhe statt Aufgeregtheit, Entspannung statt Angst. Nicht nur seine Protagonisten wiegt er damit in eine Scheinsicherheit. Denn der Roman weist gleich mehrere Kippmomente auf, in denen die Handlung plötzlich eine andere Richtung einnimmt. Auch wenn die Story teilweise zu erwarten ist, überraschen die Twists gerade deswegen besonders. Gleichzeitig wechseln die Sympathien des Lesers immer wieder zwischen den einzelnen Figuren. Dadurch merkt man nicht, wie Carter sogar den Leser selbst manipuliert. Ganz großes literarisches Kino, das für schlaflose Nächte sorgt. Genau das Richtige für schwüle Sommernächte.

Fazit

Chris Carter erfindet sich mit seinem aktuellen Roman regelrecht neu. Gleichzeitig beweist er eine psychologische Tiefe, die manche dem Autor gar nicht zugetraut hätten. In gewisser Weise vollzieht er einen Stilwechsel, woran so viele bekannte Autoren vor ihm grandios scheiterten. Carter meistert dies mit großer Leichtigkeit. „Du kriegst mich nicht“ ist ein großartiger Thriller, mit unglaublichen Twists und viel Raffinesse. Ein absolutes Must-Read!

Du kriegst mich nicht

Chris Carter, Ullstein

Du kriegst mich nicht

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