Die Maske des Mörders
- Goldmann
- Erschienen: Januar 1956
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Organisiertes Verbrechen in analoger Ära.
Andy McCall, bisher stellvertretender Polizeidirektor im indischen Lahore, zieht es in die englische Heimat zurück. Dort wird er sich wahrscheinlich Scotland Yard anschließen, denn er ist noch jung und liebt seinen Job.
Kaum hat McCall einen Fuß auf den Inselboden gestellt, als er schon in kriminelle Aktivitäten verwickelt wird: Er vereitelt einen Coup des kleinen, aber rührigen Gauners Joe Muggett, der ihm dies jedoch nicht übel nimmt. Stattdessen wendet er sich kurz darauf hilfesuchend an McCall, dem er ein Verbrechen offenbaren will, das selbst er als Strolch nicht dulden mag. Doch bevor er reden kann, wird Muggett erstochen - in McCalls Wohnung, was dieser persönlich nimmt. Polizeidirektor Robert Howieson von Scotland Yard holt ihn ins Ermittlungsboot, wo bereits Inspektor Sill und Sergeant Teacher Platz genommen haben.
Offensichtlich ist Muggett dem berüchtigten Bankräuber Albert Kant zu nahe gekommen. Er ist der geniale Kopf einer Bande, die sich ungeachtet zahlreicher riskanter (und einträglicher) Überfälle einfach nicht fassen lässt. Dabei sind auch Leonard Tuke und Arthur Neale, zwei rücksichtslose Unholde, die wahrscheinlich für den Tod des jungen Polizisten Billy Manders verantwortlich sind, der in die Bande eingeschleust wurde. Im Hintergrund tückt „Major“ Mortimer Medley, ein zwielichtiger ‚Geschäftsmann‘, den die Polizei schon lange dunkler Umtriebe verdächtigt.
Weiß Muggetts Kumpel Dip Malloy, der auch als Spitzel tätig ist, mehr, als er zugeben will? Scotland Yard und Andy McCall wollen über ihn an die Bande herankommen. Der Mann aus Indien geht den Fall mit neuer Energie an, sodass die Polizei der Bande näher kommt. Das merkt natürlich auch Kant, der zum einen nervös wird und zum anderen mit erhöhter Rücksichtslosigkeit reagiert: Wer immer ihm gefährlich erscheint, schwebt in Lebensgefahr ...
Was Edgar Wallace konnte ...
William Murdoch Duncan lebte von 1909 bis 1975, war aber als Schriftsteller so produktiv, dass er unter einer langen Reihe von Pseudonymen auftrat, um seine Allgegenwärtigkeit auf dem Buchmarkt für Verbrauchsunterhaltung nicht gar zu offenbar zu machen: John Cassells, John Dallas, Neill Graham, Martin Locke, Peter Malloch und Lovat Marshall - sie alle waren Duncan, der Papier in einer Menge verbrauchte, die selbst Edgar Wallace als Vielschreiber auf die hinteren Plätze verwies.
Wie sich denken lässt, entstanden auf diese Weise keine Meisterwerke der Kriminalliteratur. Duncan bediente einen Markt, der bis heute existiert: den jener Leser, die weder inhaltlich noch (und erst recht nicht) formal auf die Probe gestellt werden wollen. Für sie liegt in der Gleichförmigkeit von Spannung etwas Tröstliches: Man weiß, was man bekommen wird, greift man zu einem (Mach-) Werk solcher Autoren, die auf ihre Weise ein Pendant zu jener Krimi-Fließbandware darstellen, mit denen uns hierzulande das öffentlich-rechtliche Fernsehen belästigt.
In der Regel verlängerte Duncan mehrere Serien gleichzeitig. Meist lösen Polizisten oder Detektive Kriminalfälle, die nur vordergründig brutal wirken. Wir wissen nicht einmal, wann „Die Maske des Mörders“ spielt. Veröffentlicht wurde dieser Roman 1953, doch die Handlung ist früher anzusetzen: Andy McCall war Polizist in einem Indien, das offenkundig noch eine britische Kronkolonie ist (und wo „sogar die abgefeimtesten schokoladenfarbigen Ehrenmänner, die geglaubt hatten, das empfindliche englische Gesetz ungestraft verletzen zu dürfen, allein bei der leisesten Erwähnung seines Namens ein häßlicher Schauer überlief“). Die Unabhängigkeit kam im August 1947; sie hätte McCall arbeitslos gemacht.
Die kleine Welt der englischen Gauner
„Woke“ ist - das obige Zitat belegt es - kein Prädikat, das Duncan für sich geltend machen dürfte. Wer sich heute deshalb vor Fremdscham und Empörung krümmt, verleugnet eine Ära, in der solche und deutlich hässlichere Äußerungen im alltäglichen Sprachgebrauch, in den Medien oder in der Politik ständig fielen. ‚Echter‘ Rassismus ging weit darüber hinaus und drückte sich in Arten und Weisen aus, die heute gesetzlich verboten sind.
Zudem belegt Duncan keineswegs nur „die Ausländer“ mit Bannworten. Der britische Mitbürger ist ebenfalls getroffen, wenn der Autor eine scharfe Grenze zwischen dem wackeren Gentleman, dem ehrenhaften Handarbeiter, dem wachsamen Polizisten und dem stets nicht nur moralisch verkommenen, sondern auch hässlichen, grobschlächtigen, hinterlistigen Gauner zieht.
Eine kleine Schnittmenge existiert dort, wo sich das Gesetz und die Strolche alter Schule treffen, die nicht gewalttätig werden, sich von der Polizei klaglos verprügeln lassen und Kumpane verpfeifen, die sich gar zu sehr dem ‚Ehrenkodex‘ des Milieus fernhalten. Dann sitzt man sogar beieinander und tauscht Erinnerungen an begangene bzw. misslungene Coups, abgebrummte Haftstrafen und betrauerte, weil verstorbene Mit-Lumpen aus.
Dein Freund und Helfer?
Duncans Bild der Polizei ist der Traum jedes frustrierten Wutbürgers: Wer einmal gegen das Gesetz verstoßen hat, gilt als Spitzbube und Drecksack für den Rest seines elenden Lebens. Auf seine Bürgerrechte beruft sich u. a. Dip Malloy häufig, aber vor allem Sergeant Teacher lacht ihm ins Gesicht: Ebenenübergreifend wird die Justiz die Beschwerden eines Verbrechers ignorieren. Die Polizei darf ihn verhaften, einsperren, beschimpfen, sogar schlagen, was vom Pack mehrheitlich hingenommen wird: So eine Behandlung ‚verdient‘ man eben, wenn man vom rechten Weg abkommt!
Männer wie Sergeant Teacher stehen stellvertretend für eine Sorte Mensch, die nur im Dienst Gestalt annimmt. Vermutlich gibt es im Revier Schränke, in denen sie die wenigen Stunden ihrer Freizeit verbringen, um dann erfrischt dorthin zu stürmen, wo das Verbrechen sich so auffällig benimmt, dass sich Jäger und Gejagte in der Regel persönlich kennen.
Natürlich ist von einem Alkoholverbot im Dienst keine Rede. Vor allem Teacher nutzt jede Gelegenheit, um Bier und Whiskey zu schnorren. Karrieremäßig wird er es ohnehin nicht weiter bringen, denn in den oberen Rängen der Polizei tummeln sich ausnahmslos „old boys“ aus dem Adel, der Politik und der höheren Justiz, die ihre Netzwerke während der gemeinsamen Universitätszeit oder im Kriegsdienst für ihr Land geknüpft haben: Glück für McCall, dass ihn Männer mit Entscheidungsbefugnissen schätzen und in diesen Kreis einschleusen!
Ali Kant und seine Räuber
Dass auch das organisierte Verbrechen ‚gemütlich‘ ablaufen kann, erstaunt erst einmal. Bekannt ist es für straffe Strukturen und hässliche Strafen für Verstöße gegen interne ‚Vorschriften‘. Das findet man zwar auch hier wieder. Dennoch ist die Jagd auf das ‚Genie‘ Kant vor allem ein unterhaltsames Spektakel. Die Stimmung wird künstlich erzeugt und erhalten: Über allem wallt der Londoner Nebel, ständig müssen Gangster-Verstecke in verfallenen, leerstehenden Ruinen u. a. düsteren Winkeln erforscht werden - heimlich natürlich, denn das Gesetz muss sich an Vorschriften halten, die ebenso selbstverständlich - wieder bejubelt durch Volkes Stimme - ignoriert werden: Gesindel hat zwar (leider) Rechte, sollte sie aber nicht haben.
Die Bande des Albert Kant wirkt rührend in ihren ‚geheimnisvollen‘ Praktiken. Wer nur einen der deutschen Edgar-Wallace-Filme aus den 1960er Jahren gesehen hat, wird sich sofort wie zu Haus fühlen. Die Gegenwart bleibt weitgehend außen vor, Polizei und Übeltäter belauern einander in einer nostalgiegetränkten Zwischenwelt, in der die Logik höchstens zu Gast ist.
Nichtsdestotrotz entwickelt das Geschehen eine deutliche Anziehungskraft. Duncan mag ein Massenautor gewesen sein, aber auf dem Niveau der reinen, trivialen Unterhaltung leistet er seinen Job. Solides Handwerk übersteht die Zeit oft besser als hehre Kunst. „Die Maske des Mörders“ liefert ‚Action‘ und Atmosphäre, konfrontiert uns mit krude überzeichneten ‚Typen‘ und mündet sogar in einer echten Überraschung, als der Zentral-Bösewicht entlarvt wird.
Fazit
Typischer Krimi eines Fließbandschreibers - simpel geplottet, durch Klischees ‚belebt‘, realitätsfern, aber ohne Längen, schwungvoll vorangetrieben und unerwartet aufgelöst: als reine Unterhaltung kann dieses vergessene Werk erstaunlich gut bestehen.

W. M. Duncan, Goldmann

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