Ein perfekter Freund

Erschienen: Januar 2002

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Hörbuch Hamburg, 2002, Seiten: 5, Übersetzt: Sebastian Koch, Bemerkung: gekürzt
  • Zürich: Diogenes, 2003, Seiten: 337, Originalsprache
  • Köln: Random House Audio, 2007, Seiten: 4, Übersetzt: Sebastian Koch, Bemerkung: gekürzt

Couch-Wertung:

75°
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Lars Schafft
So macht anspruchsvolles Lesen Spaß!

Buch-Rezension von Lars Schafft Jun 2003

Wer kennt das nicht? Man wacht auf und kann sich an nichts erinnern, muss sich orientieren, auf eine kleine Entdeckungsreise gehen, wo man aufwacht. Fabio Rossi, seines Zeichens durchaus anerkannter Journalist, kennt das auch. Doch diesmal war nicht der ein oder andere Grappa daran schuld, sondern ein Schlag auf den Kopf. Das Schlimme daran: Rossi kann sich weder daran erinnern, noch was die letzten 50 tage (!) passiert ist. Und es ist viel passiert in den letzten 50 Tagen. Verdammt viel.

Sein Problem der verschwundenen Erinnerung fängt schon damit an, dass er a) seine Freundin Marlen nicht erkennt und b) sie auch noch mit dem Namen seiner Ex-Freundin, Norina, anspricht. Wer Marlen ist, was sie macht, wie er mit er zusammengekommen ist - Fabio Rossi hat keinen blassen Schimmer. Auch warum er Norina verlassen hat und bei ihr ausgezogen ist, kann er sich beileibe nicht vorstellen. Rossi weiß nur: Er liebt sie noch - und wie. Letztendlich hindert es ihn zwar nicht an einem sexuellen Abenteuer mit Marlen, doch macht er sich auf, Detektiv in eigener Mission zu spielen.

So weit, so schlecht. Rossi gibt sich alle erdenkliche Mühe, versucht mit Kollegen und Freunden die vergangenen 50 Tagen zu rekonstruieren. Was er dabei erfährt, kann und will er selbst nicht glauben: Seine Einstellung hatte sich um 180° gedreht, er hat beim "Sonntag-Morgen" gekündigt, sicht mit der PR-Assistentin eines Lebensmittelkonzerns (Marlen eben) eingelassen und sich in teuren Nachtclubs die Nächte um die Ohren geschlagen. Zusammen mit seinem Schulfreund Fred - den er seit Jahrzehnten nicht mehr gesprochen hatte. Rossi findet dafür keine Erklärung. Und auch seine Kollegen sind wenig auskunftsfreudig - diesen Fabio Rossi mochten sie nicht. Diesen Fabio Rossi, der nur verlauten ließ, an einer "ganz großen Sache" dran zu sein. Große Sache? Welche denn zum Teufel? fragt er sich und beginnt in seiner Vergangenheit tiefgründiger zu recherchieren.

Dabei stößt er zwischen Tai-Chi-Training und regelmäßigen Arztbesuchen auf die ein oder andere Absonderlichkeit. Sein Handheld fehlt, in dem er alle Termine verwaltet. Sein Laptop ist keine große Hilfe, alle dort gespeicherten Daten sind vor seinem Unfall zuletzt modifiziert worden. Rossi steckt in der Sackgasse. Als ob dies alles nicht reichen würden, muss er auch noch erfahren, dass sein bester Freund und Arbeitskollege Lucas Jäger nun mit Norina zusammen ist. Ausgerechnet Lucas!

Rachegelüste, Frust und Wut treiben Rossi weiter auf die Spur des Grundes für die merkwürdigen letzten 50 Tage. Und tatsächlich: Er war an der "großen Sache" dran, manipulierte Lebensmittel, die die Creutzfeld-Jakob-Krankheit auslösen sollen. Nicht irgendwo, sondern direkt vor der Haustür - bei Marlens Arbeitgeber "Lemieux". Nur alle Unterlagen fehlen und der einzige, der sie haben kann, ist sein ehemals bester Freund Lucas. Eine E-Mail, die sich Rossi vor dem Unfall selbst als Datensicherung geschickt hat, bringt Klarheit in den Fall...

Martin Suter hat mit "Ein perfekter Freund" eine interessante Mischung aus Männerfreundschaften, Liebe und einem so brandaktuellen wie beängstigendem Thema - die Manipulation von Lebensmitteln - komponiert. Man merkt dem Schweizer an seinem Schreibstil durchaus seinen ehemaligen Job als Werbetexter an. Jede Formulierung gelingt ihm präzise, keine verschrobenen Satzkonstrukte, leicht und flüssig die Übergänge. Die Wortwahl ist griffig und intelligent.

Daraus ergibt sich eine überaus gern zu lesende, anfangs zwar etwas behäbige Story, die an Drift gewinnt, je tiefer Suters Protagonist in seine eigene Vergangenheit vorstößt. Fabio Rossi, ein einsam gewordener Mensch auf der Suche nach sich selbst und nach seiner dunklen Seite. Wie Martin Suter aus diesem Thema langsam aber stetig eineen klug konzipierten Krimi entwickelt, ist aller Ehren wert.

Natürlich darf man dabei keine nervenzerreissende Spannung erwarten, dafür ist der Plot etwas zu zähflüssig und mit einigen Nebenschauplätzen in die Länge gezogen. Jedoch schafft es Suter in seiner spritzigen Art nicht nur seinem Protagonisten sondern vor allem dem Leser so manche handfeste Überraschung zu präsentieren, die das Buch abwechslungsreich, packend und kurzweilig gestalten. So macht anspruchsvolles Lesen Spaß!

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