Gelbe Schatten

  • Goldmann
  • Erschienen: Januar 1933
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Michael Drewniok
75°1001

Krimi-Couch Rezension vonJun 2026

Undurchsichtiges Treiben im Londoner Nebel.

Bühnenautor Bernard Hope kehrt von einer erfolgreichen Tour durch die Casinos von Monte Carlo nach England zurück. Nun hat er genug Geld, um das von ihm geschriebene Theaterstück zu finanzieren und der geliebten Schauspielerin Yvette Chalmers die Hauptrolle zu übertragen! Mit dem Zug fährt er nach London und wird durch das Abteilfenster Zeuge einer Verfolgungsjagd im Chinesenviertel Limelight. Kurz darauf betritt eine schöne asiatische Frau sein Abteil und bittet um Hilfe, um finsteren Mächten zu entkommen.

Ritterlich springt ihr Hope bei - und gerät in Schwierigkeiten: Als er den Zug im Zielbahnhof verlässt, wird er umgehend von Detektivinspektor Sowerby (Scotland Yard) festgenommen: Im Chinesenviertel wurde ein Mann ermordet, und die (vage) Beschreibung passt auf Hope! Seine Proteste werden erst erhört, als er einen guten Bekannten, den bekannten Rechtsanwalt Cosmo Potter, gerufen hat.

Am Tatort wartet der notorisch ungeduldige Chefinspektor Kerry. Es wird unheimlich: Dichter Nebel wallt durch die Straßen des ohnehin verrufenen Viertels. In seinem luxuriösen Haus liegt tot der ‚Geschäftsmann‘ Burma Chang - und atmet noch! Dr. van Stüy, Fachmann für fernöstliche Rätsel, stellt den „Seufzenden Tod“ fest: Das Herz des Opfers schlägt nicht mehr, aber die Atmung dauert an.

Hope findet die Sache nicht nur unheimlich, sondern auch verdächtig: Yvette Chalmers stand in Verbindung mit dem Verstorbenen! Niemand weiß, was sie in Limelight wollte. Überhaupt will niemand reden; vor allem die chinesischen ‚Mitbürger‘ hüllen sich in ebenso mürrisches wie vielsagendes Schweigen. Chefinspektor Kerry lässt sich nicht abschrecken. Er geht dem Mordrätsel auf den Grund, während Hope weiterhin versucht, heimlich der schönen, mysteriösen, verdächtigen Suzy Che Lo zu helfen ...

Die stets nicht weißen Abgründe dieser Welt

Sax Rohmer (1887-1959) - geboren als Arthur Henry Ward - war einerseits ein notorisch auf Klischees setzender Vielschreiber, aber andererseits ein echter Geschichtenerzähler, der vor allem in jüngeren Jahren (und in seliger Unkenntnis jener Vorgaben, die ein Jahrhundert später definieren, was „politisch unkorrekt“ und daher unbedingt zu verdammen ist) trashig-triviale Abenteuergarne spann, die heute gerade aufgrund ihrer Absurdität fesseln.

Rohmers „Chinesenviertel“ von London ist eine exotische Fantasiewelt, in der besagte „Chinesen“ unter sich bleiben. Polizisten trauen sich dort nur zu zweit auf Streife zu gehen. Das Gesetz hat hier ohnehin wenig zu melden, denn die „Chinesen“ regeln ihre Angelegenheiten unter sich, wobei in der Regel Stillschweigen, aber auch Folter und Mord zum Einsatz kommen - dies selbstverständlich in grausiger Raffinesse, auf dass uns Leser wohlige Schauer überlaufen!

Die „Chinesenhäuser“ sind oberirdisch verrammelt und unterirdisch ausgiebig untertunnelt. Die Zimmer werden mit Gucklöchern und Abhöranlagen präpariert, und es gibt im Bauplan nicht eingezeichnete Räume und Türen. Unterhalb geheimer Falltüren fließen Kanäle, über die sich Leichen leicht in die Themse entsorgen lassen. Außer Sicht treiben die „Chinesen“ ihr Unwesen, schmuggeln Rauschgift, horten gestohlene Güter, sammeln eingefangene Frauen, um sie nach Fernost zu verschleppen: Die Liste der Übeltaten ist noch länger. Stets ist die Heimlichkeit das prägende Merkmal. „Chinesen“ sind verschwiegen, hinterlistig, verdächtig, sämtlich verschworene Mitglieder kruder Geheimorganisationen. Sie lügen, rauben und morden, kleiden sich seltsam und beten fremdartig-gruselige Gottheiten an.

Hier muss eisern ausgekehrt werden!

Rohmer setzte die trivialkulturelle Ausbeutung einschlägiger Klischees wie gesagt gezielt als Spannungsinstrument ein. Sein Durchbruch kam, als er 1913 Dr. Fu-Manchu auf die Welt losließ. Der abgrundtief böse Meister der Intrige ging in Serie und wurde zu einem modernen Mythos, der auch den Film eroberte. Mehr als vier Jahrzehnte schrieb Rohmer weitere Storys. Später produzierte er die „Sumuru“-Reihe, in der er eine finstere, geil-verderbte weibliche Version des Dr. Fu-Manchu präsentierte.

Aber Rohmer dämonisierte auch sonst immer wieder schauderhafte Asiaten. „Gelbe Schatten“, der hier vorgestellte Roman, ist der zweite Band einer ‚Serie‘, die der Autor 1919 mit „A Story of Chinatown and the Drug Traffic“ (dt. „Der Opiumkönig“) begonnen und mit zwei Kurzgeschichten in der Storysammlung „Tales of Chinatown“ (1922) fortgesetzt hatte. Chefinspektor Kerry ist die Hauptfigur und reiht sich in die Schlange wackerer englischer Ordnungshüter und Gentlemen ein, die dem gelben Terror die Stirn bieten und sich nicht von krummdolchig ihnen nachschleichenden Fremdlingen oder übernatürlichem Hokuspokus wie dem „Seufzenden Tod“ ins Bockshorn jagen lassen!

Kerry ist kein angenehmer Zeitgenosse. Selbst seine englischen Bekannten halten ihn für einen Raubein und verurteilen eine Schroffheit, die auf tradierte Umgangsformen keine Rücksicht nimmt. Gleichzeitig müssen sie seine Tüchtigkeit anerkennen: Kerry fängt seinen Mann! Tatsächlich ist er ungeduldig, was verständlich wirkt, wenn man ihn auf eine Polizistentruppe angewiesen sieht, deren kollektiver IQ sicherlich keine dreistellige Zahl erreichen dürfte.

Hinter den Kulissen ...

... sieht es ebenfalls nebeltrüb aus: „Gelbe Schatten“ ist kein Meisterwerk des Genres. Der Plot ist künstlich komplex und rätselhaft primär deshalb, weil Rohmer seinen Status als Erzähler quasi missbraucht und Unklarheit dort verbreitet, wo sich anschließend nüchterne Fakten minderer Originalität zu erkennen geben. Als Autor setzt er auf den Munkelfaktor einer chinesischen und exotischen, aber meist bösen Parallelwelt, die hier zusätzlich in jenen „smog“ gehüllt wird, der inzwischen ausgestorben ist: ein aus unzähligen Schornsteinen und Schloten kohlenfeuererzeugter Dunst, der sich mit natürlichem Nebel verband und eine buchstäblich erstickende, jegliche Sicht verhindernde Schicht über London legte und die Metropole lahmlegte.

Bernard Hope ist der typische, d. h. nichtsahnende Pechvogel, der in ein Komplott gerät, das ihn überfordert und zu unüberlegten Handlungen veranlasst, die für spannungssteigernde Krisen sorgen. Cosmo Potter präsentiert sich als Mischung aus bestens vernetztem Anwalt, Abenteurer und Gentleman-Ermittler, der seinen Freund Hope vom (faktisch nichtigen) Verdacht befreit und sich mit ihm in Separatermittlungen stürzt. Hinzu kommen gleich zwei Maiden in Not: einmal eine ‚echte‘ Engländerin (die eigentlich nie wirklich in Schwierigkeiten gerät) sowie eine schöne, aber auch verdächtige Asiatin, die im Finale unverheiratet bleibt und nach China zurückkehrt.

Dieses Garn wird flott abgespult, weist aber auch repetitive Passagen auf, in denen Rohmer in wörtlicher Rede wiederholen lässt, was bereits geschehen ist. Hier wird der Vielschreiber offenbar, der möglichst rasch möglichst viele Seiten füllen muss und auf eine Bearbeitung seines Manuskripts weitgehend verzichtet. Ungeachtet dessen ist dieser vor nun mehr als einem Jahrhundert erschienene Roman (auch aufgrund seiner ebenfalls alten, aber lesetauglich gebliebenen Übersetzung) ein weniger spannender als seltsam unterhaltsamer Krimi (der allerdings hierzulande auch antiquarisch selten geworden ist).

Fazit

Ungeachtet einst üblicher Klischees kann dieser ganz und gar nicht klassische, d. h. nie ‚literarisch wertvolle‘ Krimi aufgrund seines absurden, aber konsequent vorangetriebenen Plots und einer absurd übersteigerter Figurenzeichnungen mehr als ein Jahrhundert nach der Entstehung unterhalten.

Gelbe Schatten

Sax Rohmer, Goldmann

Gelbe Schatten

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