Was ans Licht kommt

  • Rowohlt
  • Erschienen: Juli 2022
  • 0
Was ans Licht kommt
Was ans Licht kommt
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Michael Drewniok
90°1001

Krimi-Couch Rezension vonJun 2026

Das Böse ist unheimlich/unscheinbar.

Halland ist eine alte, historisch eher randständige Provinz im Südwesten Schwedens. Obwohl nach einer langen, land- und forstwirtschaftlich geprägten Phase die Industrialisierung die Region erreicht hat, blieb der Aufschwung aus. Man profitiert vom Tourismus und von der Nähe zur Großstadt Göteborg, denn viele Städter lassen sich im Süden der Provinz nieder.

Im Winter des Jahres 1986 wird in Halmstad eine junge Frau vergewaltigt und erschlagen. Diese Tat erregt nur lokale Aufmerksamkeit, denn zeitgleich fällt in Stockholm Ministerpräsident Olof Palme einem Attentat zum Opfer. Den Mord in Halmstadt übernimmt der altgediente Polizist Sven Jörgensson; der Fall wird rasch zu einer Obsession: Der Täter meldet sich telefonisch und kündigt weitere Überfälle an. Bald ist es wieder soweit. Sven nimmt es persönlich, glaubt als Polizist versagt zu haben, ermittelt wie besessen. Sein Familienleben und seine Gesundheit leiden darunter, und der Fall ist noch offen, als Sven 1991 stirbt.

Sein Sohn Vidar wird ebenfalls Polizist. Dem Schatten des Vaters entkommt er nicht, denn er arbeitet in dessen ehemaligen Revier. Nach Svens Tod wird der Täter wieder aktiv. Eine weitere Frau wird vergewaltigt, überlebt jedoch die Attacke, während ihr Ehemann stirbt. Nach und nach drängt sich der Fall auch in Vidars Leben. Er dringt weiter in das Mordgeheimnis ein - und muss feststellen, dass er auf die Spur eines Komplotts geraten ist, in das sein Vater und weitere Polizisten verwickelt sind. Die endgültige Wahrheit stellt sich noch einmal drei Jahrzehnte später ein ...

Skandinavien - Heimat des tragischen Mordens

Psychologisch, melancholisch, meist auch politisch - der skandinavische Kriminalroman ist längst ein eigenes Subgenre mit einem „branding“, das dem des britischen Rätselkrimis gleichkommt. Auch Christoffer Carlsson erfüllt mit „Was ans Licht kommt“ die drei genannten Erwartungen, auch wenn das Politische ein wenig aufgesetzt wirkt: Der Mord an Ministerpräsident Palme spielt für das eigentliche Geschehen keine Rolle, sondern dient als ‚Hintergrundmusik‘, um die Unsicherheit der zeitgenössischen Gesamtsituation zu unterstreichen, die sich im Halmstader Mikrokosmos widerspiegelt.

Dort ist man nicht nur beunruhigt, sondern auch mehr denn je auf sich angewiesen, Angesichts der in der isolierten Provinz mangelhaften Ressourcen und aufgrund des Fehlens einschlägiger Erfahrungen lassen die negativen Folgen nicht auf sich warten. Ohnehin ist die Fahndung bzw. Jagd auf einen Mörder, der seine Opfer scheinbar zufällig aussucht, eine komplizierte, denkbar schwierige Herausforderung. Zudem weiß der Mörder offenkundig wie die Polizei arbeitet, und hinterlässt keine auswertbaren Spuren.

Das ‚typisch‘ skandinavische Element manifestiert sich spätestens in der Figur des Polizisten Sven Jörgensson. Carlsson zeichnet ihn als geborenen Ermittler mit dem Hang zur Besessenheit. In diesem Punkt geht er bis hart an die Grenze zur Karikatur, wenn er scheinbar eine Liste abhakt, nach der Sven die Familie vernachlässigen, schlaflos betäubt und zunehmend manisch durch Halland irren sowie ausgiebig Blut spucken muss, bevor ihn der Tod quasi erlöst; wenigstens erwarten ihn vor dem weißen Licht seine toten Vorfahren, um ihn ins Jenseits zu geleiten ...

Niemals lockerlassen!

Man sollte aber aus diesen Worten nicht darauf schließen, dass Svens Mischung aus Kreuzzug und Opfergang ins Lächerliche abgleitet. Carlsson investiert sein beachtliches Talent in diese Figur und ihre Mission - und das ist es, wozu die im Polizeialltag ansonsten allmählich an den Rand gedrängte Fahndung für Sven wird. Private Probleme mischen sich ins Schuldbewusstsein, denn natürlich ist Sven ein zwar stolzer, aber wortkarger Vater, der seinem Sohn nie mitteilen kann, wie sehr er ihn liebt; ein Motiv, das nicht nur skandinavische Krimis kennzeichnet und mit Vorsicht eingesetzt werden sollte, da das Klischee hier besonders aufmerksam auf seinen Einsatz lauert.

Carlsson weicht aus, indem er diesen Konflikt in das Primärgeschehen - den Kriminalfall - integriert, was stets die beste Lösung ist. Viele Krimis leiden unter Gefühlsduseleien, mit denen endlose Nebenhandlungen bestritten und Buchseiten geschunden werden. Das erspart Carlsson dankenswerterweise seinen Lesern. Als Vidar den Fall übernimmt, geschieht dies mit einer plausiblen Vorgeschichte. Deshalb ist glaubhaft, dass er auf seine Weise ebenso in den Bann der Ereignisse gerät wie sein Vater: Dieser Sog ist für Menschen, die das Böse als Feind annehmen, unwiderstehlich und gefährlich.

Das eröffnet dem Drama als Klammer ein drittes, unerwartetes Kapitel und eine neue Dimension. In Gestalt eines nach langer Abwesenheit nach Halmstad zurückgekehrten Chronisten wird der ‚abgeschlossene‘ Fall nach drei Jahrzehnten neu und objektiv noch einmal aufgegriffen. Erwartungsgemäß kommt es zu einer unerwarteten Wendung, denn tatsächlich wurde der Schuldige eben nicht entlarvt und bestraft. Dies führt zu neuen Verletzungen, da ein Akt von Selbstjustiz die Gerechtigkeit zusätzlich beschädigt hat: Das ursprüngliche Verbrechen hat sich verselbstständigt und Personen vereinnahmt, die sich schuldig gemacht haben und dem nun stellen müssen.

Das Leben gibt nicht alle Geheimnisse preis

Eine ‚korrekte‘ Ermittlung, meist Plot eines Krimis, ist unmöglich. Bitter ‚gekrönt‘ wird die düstere Situation durch die Erkenntnis, dass der wahre Täter sich auf seine Weise vor dem Gesetz in Sicherheit gebracht hat und nicht wirklich zur Rechenschaft gezogen kann. Die privaten Reaktionen auf eine Arbeit, die im Kriminalroman oft als herausfordernde, aber erfüllende Tätigkeit beschrieben wird, durchdringt jede Passage und begleitet die Beschreibung einer Ermittlung, die sich über Jahrzehnte erstreckt. Dies garantiert den ‚skandinavischen‘ Faktor, den Carlsson wie gesagt ins Geschehen einfließen lässt, um ihm ungeachtet seiner Wucht eine zusätzliche Dimension zu verleihen. Hier passt eine ‚Definition‘ des Bösen, das eher eine Kapitulation ausdrückt: Es ist nicht wirklich begreifbar, und es wirkt vor allem deshalb mächtig, weil es sich ‚tarnen‘ und lange unentdeckt bleiben kann.

Carlsson ist ein ausgezeichneter Geschichtenerzähler, der über die notwendige Wortgewalt (und einer ihr gewachsenen Übersetzerin) verfügt. Seine Figuren sind sämtlich schwer zugänglich, aber begreiflich in ihrer Verschlossenheit, die nicht auf Bosheit, sondern auf Unfähigkeit basiert. Gefühle sind vorhanden, können aber schwer oder gar nicht ausgedrückt werden. In der Folge schichten sie sich zu Konflikten auf, die dort für Leid sorgen, wo es nicht nötig wäre: eine überaus ‚menschliche‘ Erfahrung, die Carlsson bis an die erwähnte Grenze des Erträglichen treibt.

„Was ans Licht kommt“ ist der zweite Band der sog. „Halland-Saga“, in der Carlsson die Arbeit des Polizisten Vidar Jörgensson nachzeichnet. Dass der Autor ein ausgebildeter Kriminologe (mit Doktortitel) ist, trägt zur Dichte und Kraft seiner Werke bei. Er muss den Fahndungsalltag nicht didaktisch ins Geschehen platzieren, sondern kann ihn dort untermischen, wo er die Handlung voranträgt. Hinzu kommt sein internes Wissen über die psychischen Belastungen, die mit der Polizeiarbeit einhergehen. Beides sorgt im Chor für jenen Stoff, nach dem die modernen Streaming-Sender für ihre Mini-Serien suchen, weshalb „Unter dem Sturm“, Teil 1 der Saga, unter Beteiligung von Carlsson als Drehbuchautor für eine Verfilmung vorbereitet wird.

Fazit

Spannende Nacherzählung einer ‚Ermittlung‘, die sich über drei Jahrzehnte hinzieht und immer wieder auf tragische Abwege gerät. Geschickt hält der Autor die notorisch ungestüme Emotionalität im Zaum, um sie in die Gesamtgeschichte zu integrieren: trotz eines wahren Trommelfeuers der Tragik ein durchweg fesselnder Roman.

Was ans Licht kommt

Christoffer Carlsson, Rowohlt

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