Schlafende Vulkane (Helga & Bjarki, Band 1)
- Rowohlt
- Erschienen: Mai 2026
- 2


Ein dramatischer Thriller vor atemberaubender Kulisse.
In Hafnarfjördur nahe Reykjavik wird eine junge Frau in einem Reitstall tot aufgefunden. Sie liegt nackt in einer leeren Pferdebox, über ihrem Kopf eine Plastiktüte. Das Opfer ist nicht nur qualvoll erstickt, sondern wurde post mortem auch vergewaltigt. Die noch unerfahrene Junior-Ermittlerin Helga Jónsdóttir vom Dezernat für Gewaltverbrechen muss den Fall übernehmen.
Im Haus der Toten stellt Helga fest, dass der zehnjährige Sohn des Opfers verschwunden ist. Die frischgebackene Polizistin vermutet, dass der Junge vor seinem gewaltbereiten Vater floh und sich nun in den Höhlen der isländischen Vulkanlandschaften versteckt. Unterstützung erhält Helga vom Verkehrspolizisten und Mitglied des Rettungsdienstes Bjarki Gudmundsson. Keiner kennt sich in der Wildnis so gut aus wie der wortkarge Isländer. Während beide fieberhaft nach dem Jungen suchen, wird eine weitere Frau tot aufgefunden. Der Mörder geht nicht nur äußerst brutal vor, sondern nimmt seine Taten auch mit einer Kamera auf, um sie als Snuff-Videos im Darknet anzubieten. Während es zu Spannungen innerhalb des Ermittlungsteams kommt, drängt die Zeit, denn die Liste der potentiellen weiteren Opfer ist lang und der Täter spielt mit der Polizei.
Düsterer Islandthriller
„Schlafende Vulkane“ (OT: Våldets ö – Die Insel der Gewalt) ist der ersten Band der neuen isländischen Thrillerreihe von Bjarni Thorsson und Michael Hjorth. Letztgenannter ist kein Unbekannter, schrieb er doch zusammen mit Hans Rosenfeldt die erfolgreiche achtbändige Reihe um den Stockholmer Kriminalpsychologen und Profiler Sebastian Bergman. Der Schwede Hjorth, der auch als Filmproduzent und Drehbuchautor (u.a. mehrere Wallander-Verfilmungen) erfolgreich ist, und der Isländer Thorsson, ein renommierter Theaterregisseur, Drehbuchschreiber und Schriftsteller, lernten sich bei einer Arbeit für das Fernsehen vor etwa zehn Jahren kennen. Während der Pandemie wurde der Kontakt wieder intensiviert und schnell entstand die Idee zu einem gemeinsamen Thrillerprojekt: einem isländischen Polizeiduo mit Verbindungen nach Schweden. Bereits Mitte November diesen Jahres erscheint ebenfalls beim Rowohlt Verlag der zweite Band „Stumme Fjorde“.
Island als Protagonist
Das abgelegene Island im Nordatlantik bietet für einen spannenden Nordic Noir eine einzigartige, atemberaubende Kulisse. Neben urwüchsiger Natur aus Vulkanen, Gletschern und Geysire sowie alten Erzählungen steht das Land aber auch für eine moderne, fortschrittliche Gesellschaft. Beides prägt „Schlafende Vulkane“ gleichermaßen. Darüber hinaus dient nicht nur ein bestimmter Ort, sondern die gesamte Insel als Schauplatz für die neue Thrillerreihe, da das Dezernat für Gewaltverbrechen beinahe selbstredend für ganz Island zuständig ist. Dies bietet genügend Potential für die nächsten Bände und es dürfte interessant werden, die vielen unterschiedlichen Seiten des Landes en passant kennenzulernen.
Der nun erschienene erste Band der Reihe verknüpft Altbekanntes mit Neuem. Hjorth / Thorsson verbinden das klassische Setting eines Nordic Noirs mit modernen Elementen. Dies betrifft ebenso das Ermittlerteam wie auch die Fälle an sich. Besonders eine Figur sticht dabei von Anfang an hervor: Bjarki Gudmundsson. Der kantige Naturbursche, von Freunde „Grettir“ (der Starke, benannt nach einer isländischen Sagengestalt) genannt, wirkt von der Wildnis, aber auch seinen Erfahrungen bei der Polizei abgehärtet. Seine Impulsivität kostete ihm in der Vergangenheit einen höheren Posten bei der Polizei. Mit seinem intuitiven, aber auch unangepassten Charakter stellt er ein Gegengewicht zu der 35-jährigen Helga dar, die gerade erst die Polizeischule abgeschlossen hat. In Schweden aufgewachsen, geschieden und erst vor vier Monaten mit ihrer Tochter nach Island gezogen, ist Helga als Stadtmensch mit ihrer analytischen, kontrollierten Art das genaue Gegenteil von Bjarki. Was beide verbindet, ist der Umstand, dass sie Außenseiter sind: Bjarki aufgrund seiner schroffen, distanzierten Art, Helga, weil sie als junge Kommissarin den Alteingesessenen den Rang abzulaufen scheint. Beiden schätzen einander und es deutet sich sogar eine zarte Liebesbeziehung an – leider scheint das Timing bislang aber immer falsch zu sein.
Starkes Ermittlerteam
Da es an Erfahrungen mit Serienmördern auf Island mangelt, muss das Ermittlerteam eng zusammenarbeiten und jeder seine Stärke einbringen. Zwar gefällt es nicht allen, dass mit Helga die „Schwedin“ die Leitung in den Mordfällen übernimmt, dennoch zeichnet sich das Team besonders durch eine große gegenseitige Wertschätzung aus. Überhaupt werden die ermittelnden Beamten sehr authentisch und menschlich dargestellt: Sie begehen auch Fehler, zeigen ihre verletzlichen Seiten und offenbaren Schwächen. Dies gilt auch für Dezernatsleiter Gísli Freyr Gunnarsson, der zwar gerade erst an einer Dale-Carnegie-Fortbildung für Führungskräfte teilnimmt, aber mit zunehmender Dauer seine Gruppe nicht mehr im Griff hat und überfordert wirkt. Dies bekommt er auch schmerzvoll durch die Polizeichefin zu spüren. Und doch agieren die Ermittler zunehmend als Team, stellen ihr Ego zurück, ordnet sich unter, so dass jeder am Ende seinen Teil dazu beiträgt, dass der Serienmörder gefasst wird. Selten wirkte Polizeiarbeit derart glaubwürdig.
Fazit
Die Handlung kommt zunächst etwas schleppend in Gang. Es braucht Zeit, bis alle Figuren eingeführt sind und der Thriller Tempo aufnimmt. Dann entwickelt sich aber zunehmend eine packende, düstere Geschichte, die besonders aufgrund der lebensechten Figuren und der beeindruckenden isländischen Atmosphäre zu überzeugen weiß. Ein Buch, wie gemacht für Liebhaber des Nordic Noir. Man darf auf den zweiten Band gespannt sein.

Bjarni Thorsson, Michael Hjorth, Rowohlt


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