Die große Enzyklopädie der Serienmörder

Die große Enzyklopädie der Serienmörder
Die große Enzyklopädie der Serienmörder

Erschienen: Januar 2002

Erschienen: Januar 2002

Bibliographische Angaben

Andrea Camilleri, heute der berühmteste Sizilianer der europäischen Literaturszene, nimmt einmal mehr seine Landsleute unter die Lupe und zeichnet ein wunderbar skurriles Porträt einer Insel, die ihre ganz eigenen Gesetze kennt. Der 20jährige Andrea Camilleri ist auf dem Weg nach Palermo, als er von drei finster aussehenden, mit Schrotflinten bewaffneten Männern angehalten wird. "Was wollt ihr heute?" fragt Camilleris Begleiter, Don Vicinzino. Als man die beiden wieder ziehen läßt und er Camilleris entsetztes Gesicht sieht, lacht er: "Das waren der Bandit Giuliano und seine Leute. Ich gebe ihnen den Fisch, und sie garantieren mir eine sichere Reise." Eine Abmachung unter Ehrenmännern, sozusagen. In Camilleris Buch über Sizilianer und deren etwas unorthodoxe Methoden wimmelt es von solchen Tauschgeschäften: Richter und Räuber, Politiker und Mafiosi, Sünder und Priester - in Sizilien findet jeder irgendwie irgendwann zu einem Kompromiß;selbst mit Gott läßt sich verhandeln. Der Autor präsentiert hier dem Leser ein Feuerwerk an bunten Gestalten und deftigen Situationen.

"Der beste Camilleri, finde ich." (Carlo Fruttero).

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Michael Drewniok

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jul 2003

Sie morden möglichst viele Menschen auf möglichst widerwärtige Weise und steigen dadurch zu Medienstars auf; im Gefängnis malen wie womöglich schlechte Bilder, die sie für gutes Geld an geschmacksirrende "Sammler" verhökern: Serienmörder liegen im Trend, seit Anthony Hopkins dem großen Hannibal Lector sein Gesicht lieh. Grausam, aber mysteriös und reizvoll erscheinen sie ihren "Fans" (die freilich anders denken würde, stünde eines der Objekte ihrer Verehrung mit seinem Handwerkszeug vor ihnen).

Auf 450 Seiten stellt sie uns Michael Newton in alfabetischer Reihenfolge vor. Nach einem biografischen Rückblick auf Herkunft, Kindheit und Jugend konzentriert sich die Darstellung verständlicherweise auf die "Karriere" des jeweiligen Serienmörders und beschreibt (manchmal etwas zu detailliert bzw. liebevoll) dessen (oder deren) Wüten. Newton reiht nicht nur Fall an Fall, sondern macht Übereinstimmungen in Motiv und Vorgehensweise deutlich. Serienmörder klettern nicht im tiefen Wald durch eine Falltür aus der Hölle, sondern durchlaufen gewisse "Entwicklungsphasen", bevor sie endlich "reif" sind für ihre Gräueltaten. Oft sind sie selbst Opfer familiärer oder anderer Gewalt, was ihr tun nicht entschuldigt, aber immerhin erklärt.

Neben die Fallbeispiele der einzelnen Serienmörder stellt Newton kurze, aber ebenfalls prägnante Abhandlungen über Themen wie Fahndungsmethoden, "Profiling" oder Strafgesetzgebung (in USA mehr ein Schacher zwischen Justiz, Politik und Medien). Er führt seine Leser in die Klassifizierung von Serienmördern ein, beschreibt die Bemühungen, sie biologisch oder soziologisch zu verstehen, damit man sie womöglich schon fangen kann, bevor sie loslegen, versucht sich sogar an einer Geschichte der Serienmorde, die zwar rudimentär bleiben muss, aber immerhin deutlich macht, dass diese Variante des Gewaltverbrechens die Menschheit schon seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden dezimiert.

"Die große Enzyklopädie der Serienmörder" ist eine zwiespältige Dokumentation. Das Phänomen als solches ist präsenter denn je, Serienmord nicht nur schick, sondern eine "Wachstumsbranche", wie es der Verfasser nennt. (Wer's nicht glauben mag, werfe einen Blick auf einschlägige "Fan-Sites" wie http://www.serienkiller.de, die auch in diesem unseren Lande existieren - und wie!) Das Interesse daran muss deshalb nicht schamhaft "wissenschaftlich" verbrämt werden. Der Einblick in ihre Psyche schützt nicht vor Killern, aber vielleicht relativiert das (zugegebenmaßen oberflächliche) Wissen, welches ein Werk wie die "Enzyklopädie" vermittelt, das übliche "Rübe ‘runter/Adolf her!"-Geschrei, das Volkes Stimme gern erhebt, wenn wieder einmal - und auch immer öfter hierzulande - ein Serienmörder gefasst wurde.

Ebenfalls positiv anzumerken: Anders als die oft schlampig recherchierten und zusammengeschluderten, mit vielen scheußlichen Fotos auf Schock und Sensation getrimmten "True Crime"-Trasher widmet der Verfasser seinen "Schützlingen" viel Raum. Nicht Vollständigkeit - die ohnehin nicht zu erreichen ist -, sondern Repräsentanz in Sachen Motive, Nationalitäten und Verbrechensarten strebt er an.

Nebenbei gelingt Newton die gründliche Entmystifizierung der Serienmörder. Es sind keine wilden Übermenschen, die stolz die Fesseln der Zivilisation abstreifen und die Bestie leben, die angeblich in uns allen steckt. Die Realität sieht ganz anders aus. Serienmörder sind zusammengefasst Verlierer, Spinner oder Sadisten; nicht selten sogar alles zusammen. Deshalb müssen wir kein schlechtes Gewissen haben, wenn wir uns im Thriller angenehm vor ihnen gruseln, aber es heißt ganz sicher nicht, dass wir sie in der Realität bewundern müssen oder uns nicht massiv vor ihnen schützen dürfen.

Abgesehen davon hinterlässt ein Buch wie die "Enzyklopädie" einen schalen Nachgeschmack. Das liegt nicht am anrüchigen Thema, sondern an der Art, wie der Verfasser es abhandelt. Michael Newton leistet bessere Arbeit als viele seiner "True Crime"-Kollegen. Er kann seine Faszination an blutigen Details aber auch nicht verhehlen. Gern schwelgt er sogar darin. Oft gibt es keinen echten Grund, groteske Metzelorgien bis ins Detail zu schildern; dass wir es hier mit kranken, bösen. gemeingefährlichen Zeitgenossen zu tun haben, glauben wir ihm auch so. Natürlich muss sich die "Enzyklopädie" verkaufen, und womöglich verläuft für Ihren Rezensenten die Grenze zwischen bloßer Spekulation und Aufklärung anders als für die übrigen Leser.

Newton bleibt immerhin sachlich. Jacques Buval, der dieser "Enzyklopädie" eine europäische Dimension gibt, übt sich dagegen in jenem pseudo-dramatischen "Ich bin dabei gewesen"-Tonfall, der die deutschsprachige "True Crime"-Literatur traditionell unleserlich werden lässt. Gleichzeitig scheint Buval einem nicht ausgelebten Drang zum Roman Ausdruck verleihen zu wollen und verwandelt tragische Ereignisse in schauerlichen Kitsch.

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