Stadt der Schatten
- Rütten & Loening
- Erschienen: August 2026
- 3


Leid gebiert Leid.
Es ist eine danteske Szenerie, die sich am frühen Morgen an der Fassade der Casa Milà, auch La Pedrera genannt, bietet. Mitten im Zentrum Barcelonas hängt ein Mann, die Hände mit einem Stahlseil an einem Balkon im ersten Stockwerk des berühmten Gaudí-Gebäudes gefesselt – und verbrennt bei lebendigem Leib. Bis die Feuerwehr eintrifft, ist das Opfer bereits tot. Als die katalanische Polizei auch nach vier Tagen keinerlei Spur vom Täter hat und der Druck der Öffentlichkeit zunehmend wächst, setzt sich Untersuchungsrichterin Susanna Cabot gegen den Willen der ermittelnden Beamten dafür ein, die Suspendierung von Inspektor Milo Malart aufzuheben, den ein tragisches Unglück zuletzt aus der Bahn warf. Besonders sein Chef, Hauptkommissar Jordi Singla, ist alles andere als begeistert von dieser Entscheidung. Malart ist ein Eigenbrötler, der sich gern über Regeln hinwegsetzt, aber Ermittlungserfolge für sich sprechen lässt. Er geht Details nach, die andere übersehen, und blickt dabei unverstellt in menschliche Abgründe, bis er selbst zu einem wird. Denn Malart glaubt nicht an das Gute im Menschen. Doch ein ungewöhnlicher Fall braucht eben einen ungewöhnlichen Ermittler.
„Neuentdeckung“ des Autors
Wo warst Du 14 Jahre lang, Milo Malart? Diese Frage werden sich viele Leser am Ende des Romans stellen. Wie konnte man ihn und Autor Aro Sáinz de la Maza so lange ignorieren? Wahrscheinlich ist es der Netflix-Verfilmung des mehrfach ausgezeichneten Romans zu verdanken, dass Rütten & Loening, Imprint des Berliner Aufbau Verlags, sich an die Übersetzung und Veröffentlichung des Romans wagte, der bereits 2012 in Spanien erschien. Man kann dem Verlag dazu nur gratulieren – und muss sich gleichzeitig wundern, wie man diese großartigen Thriller jahrelang übersehen konnte. Dabei ist „Stadt der Schatten“ nur der erste von vier Bänden um den extrovertierten, aber äußerst erfolgreichen Inspektor Milo Malart.
Autor Aro Sáinz de la Maza wurde in Barcelona geboren, wo er noch heute lebt und schreibt. Diese enge Verbundenheit zur katalanischen Metropole spürt man auf jeder Seite des gesellschaftskritischen Romans. Der Autor nimmt uns bei seinem Thriller mit auf eine wilde, temporeiche Jagd durch die Stadt, bei der wir nicht nur die schönen, sondern auch die dunklen Seiten Barcelonas kennenlernen. Besonders die beeindruckende Architektur Gaudís steht im Mittelpunkt der Handlung, wird sie doch zum Bezugspunkt der Ermittlung. Gleichzeitig zeichnen verheerende soziale und gesellschaftliche Verfehlungen sowie politischer Machtmissbrauch und Korruption ein düsteres Bild Barcelonas.
Der einsame Wolf
Inspektor Milo Malart ist alles andere, nur nicht gewöhnlich. Auch wenn man das Bild des suspendierten, traumatisierten Ermittlers, der gegen das System ankämpft, allzu gut kennt (Jo Nesbøs Harry Hole oder Jussi Adler-Olsens Carl Mørck seien hier beispielhaft genannt), ist die Figur doch auf ihre Weise besonders. Malart hat offensichtlich Autoritätsprobleme. Eine gewaltsame Auseinandersetzung mit seinem Chef Singla führte zu einem Disziplinarverfahren gegen ihn und folglich zur Suspendierung. Denn Vorgesetzten und selbst Kollegen gegenüber nimmt er zumeist eine misstrauische, oft feindselige, mitunter rebellische Haltung ein. Alle müssen sich ihm unterordnen und sein Vorgehen bedingungslos unterstützen. Zu Kompromissen scheint er nicht fähig. Häufige Wutausbrüche aufgrund fehlender Selbstkontrolle, Regelverweigerung, das Provozieren von Konflikten und Schuldverschiebung sind typische Eigenschaften des Ermittlers. Eine „oppositionelle Trotzstörung“ nennt dies seine Psychologin, bei der er einmal die Woche vorstellig werden muss. Die psychologische Behandlung ist eine der zwei Bedingungen, unter den er seinen Dienst wieder aufnehmen darf. Die zweite: Ihm wird Rebeca Mercader, eine junge Kommissaranwärterin, zur Seite gestellt. Die muss sich erst einmal mit dem Griesgram auseinandersetzen, wird sie doch als Aufpasserin und vermeintlicher Spitzel zunächst von ihm abgelehnt.
Malarts Leben ist keineswegs einfach: die Mutter früh verloren, der Vater, zu dem er ein sehr angespanntes Verhältnis hatte, litt unter einer schizophrenen Störung, bis er vor Kurzem verstarb. Seit Jahren schwebt diese Erkrankung und die genetische Veranlagung dazu wie ein Damoklesschwert über ihm. Hinzu kommt, dass sein Neffe Marc mit seiner Dienstwaffe vor einem Monat Suizid begann. Auch hier muss der Inspektor für Klarheit sorgen, indem er nach Gründen für die schreckliche Tat sucht. Gedanken über sein Leben, Selbstvorwürfe und innere Konflikte werden zu einer kaum noch zu ertragenden Belastung für Malart. Schlaflosigkeit und abendliche „Realitätsfluchten“ sind die Folgen. Diese Mischung aus unberechenbarem Temperament, tiefem Gerechtigkeitssinn und persönlicher Tragik ist es, die der Figur des Ermittlers eine enorme Tiefe verleiht.
Erzählerische Wucht
Die Erzählstruktur ist durchaus ungewöhnlich. Die Erzählweise entspricht dem Charakter Malarts. Über weite Strecken ist der Thriller äußerst rasant, gehetzt, atemlos, unvermittelt hart, ja sogar albtraumhaft. Dann gibt es auch langsame, nachdenkliche Passage, Phasen der Ruhe und Erschöpfung, bis das Tempo plötzlich wieder steigt. Malarts getriebene Psyche scheint das Metronom der Handlung zu sein. Die besondere Atmosphäre des Romans wird auch durch die synästhetischen Beschreibungen der Gerüche, Geräusche, der unerträglichen Hitze und visuellen Eindrücke der Stadt verstärkt. Man gewinnt über weite Strecken den Eindruck, Barcelona aus den Augen Malarts zu sehen und wahrzunehmen.
Was Autor Aro Sáinz de la Maza hier abliefert, ist ganz hohe Erzählkunst. In der Härte seiner Sprache und der Darstellung fragiler Figuren ist sein Roman durchaus mit denen des französischen Schriftstellers Pierre Lemaitre vergleichbar, wohingegen sein gesellschaftskritischen „Hardboiled“-Stil stark an den seines spanischen Kollegen Alexis Ravelo erinnert. Zuletzt kennt man die düstere Atmosphäre und die tiefe melancholische Grundstimmung aus zahlreichen Nordic-Noir-Thrillern. Es ist also für jeden Thriller-Geschmack etwas dabei.
Fazit
Autor Aro Sáinz de la Maza begeistert mit einem wahren Heavy-Metal-Thriller. Einfach grandios. Die hohe Intensität, eine hoffnungslose, mitunter unheimliche Atmosphäre, eine psychologisch genaue Figurendarstellung und die kompromisslose Erzählweise lassen die über 600 Seiten wie im Fluge vergehen. Atemlose Spannung garantiert. Man kann nur hoffen, dass der Aufbau Verlag bald die weiteren Bände der Reihe nachlegen wird.

Aro Sáinz de la Maza, Rütten & Loening

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