Mord im alten Athen
- Kampa
- Erschienen: März 2026
- 0


Die Entstehung der Deduktion.
In diesem Jahr 322 vor unserer Zeitrechnung plagen den jungen Stephanos, Bürger des griechischen Stadtstaates Athen, große Sorgen. Zwar gehört seiner Familie zu den Besitzenden und Vornehmen, aber das könnte sich rasch ändern. Nach dem Tod des Vaters muss sich Stephanos um den vielköpfigen Haushalt aus Familienangehörigen, geldknappen Verwandten und Sklaven kümmern, statt seine Studien an der berühmten Akademie der Stadt fortzusetzen.
Dann wird der reiche Bürger Boutades ermordet. Man hat ihn durch das Fenster seines Arbeitszimmers mit einer in Athen ungewöhnliche Waffe - einem Pfeil - erschossen. Der Täter entkommt. Da Boutades keinen Sohn hat, schwört nach lokaler Sitte Polygnotos, sein Neffe und nächster Verwandter, Blutrache zu nehmen.
Die Behörden nehmen Ermittlungen auf, was für Stephanos zu einem Problem wird, als Polygnotos angibt, im fliehenden Täter Philemon erkannt zu haben. Stephanos vom Pech verfolgter Vetter wurde nach einer Schlägerei mit tödlichem Ausgang aus Athen verbannt. Für etwaige Verbrechen wird man trotzdem auch seine Familie zur Verantwortung ziehen. Plötzlich steht Stephanos vor Gericht und muss Philomon verteidigen.
Mit dieser Aufgabe ist er heillos überfordert, aber zu seinem Glück kann er sich an einen ehemaligen Lehrer wenden: Der berühmte Philosoph Aristoteles lebt in Athen. Er berät Stephanos, der sich als Privatfahnder versuchen muss, bevor die eigentliche Gerichtsverhandlung stattfindet. Nicht nur seine Unerfahrenheit macht dem jungen Mann zu schaffen. Der Tod von Boutades erweist sich als Teil einer Verschwörung, deren Mitglieder jede Vereitelung ihrer Pläne mit Rechtsbeugung und notfalls Mord ahnden ...
Die Wiege der (Krimi-) Zivilisation
Grundsätzlich war es nur eine Frage der Zeit, bis ein Kriminalroman dort spielte, wo laut einer weiterhin lebendigen Binsenweisheit die „Wiege der Zivilisation“ stand. Das klassische Griechenland gilt als Geburtsort der (europäischen) Kultur, aber auch der Natur- und Geisteswissenschaften, und Aristoteles (384-322 v. Chr.) u. a. als Begründer der Logik. Damit eignet er sich als Repräsentant einer antiken Kriminologie, die strikt außerhalb übernatürlich „göttlicher“ oder „dämonischer“ Kräfte arbeitet.
Das Jenseits war zu Aristoteles’ Lebzeiten im Alltagsleben allgegenwärtig, die Götter nahe und nie besonders geduldig oder umgänglich. Dies thematisiert Margaret Anne Doody in dem hier vorgestellten Roman. Die 1939 in Kanada geborene Autorin lehrte viele Jahre Literatur an der Notre-Dame-University im US-Staat Indiana und beschäftigte sich auch mit der Rhetorik im alten Griechenland. Dabei kam ihr nach eigener Auskunft die Idee, der scheinbar trockenen Materie literarisch Leben einzuhauchen und damit die Aufmerksamkeit interessierter Leser zu wecken.
Dazu schien Doody der Kriminalroman die beste Grundlage zu bieten. Sie überlegte, wie sich die klassische Didaktik mit einer spannenden Handlung verknüpfen ließ. Das Ergebnis war der Roman „Aristotle Detective“, der erstmals 1978 (und schon drei Jahre später als „Sherlock Aristoteles“ in deutscher Übersetzung) erschien.
Die Exotik vergangener Alltagsgegenwart
„Mord im alten Athen“ - so der Titel der hier vorgestellten Neuausgabe - ist in Hinblick auf die gestellte Aufgabe gelungen. Doody bewegt sich auf einer schmalen, scharfen Klinge, gerät dabei aber erfreulich selten ins Straucheln. Ihre Rekonstruktion des Alltags in der Stadt Athen Anno 332 v. Chr. ist dicht, und manchmal nimmt sie ihre Aufgabe etwas zu ernst, wenn sie sich in aus Historikersicht interessanten, aber für das Geschehen nicht wirklich relevanten Details verliert.
Doody erweist damit dem Schauplatz eine Reverenz, die in Sachen Spannungsaufbau erfahrenere Autoren wohl herunterfahren würden. Viele Fußnoten fordern den Augensprung vom Text auf die Seitenbasis, wobei sich der Wert der dort gelieferten Informationen in Grenzen hält: Müssen wir wissen, dass ein „Chiton“ ein „Männerhemd mit oder ohne Ärmel“ war? Interna lassen sich im Haupttext dort erläutern, wo sie von Wert für die Handlung sind; eine Methode, der sich Doody übrigens selbst bedient, wo die zeittypischen Verweise komplexer werden und eine Erläuterung erforderlich ist.
Dessen ungeachtet gelingt Doody die Darstellung einer Vergangenheit, die ebenso greifbar wie exotisch wirkt. Das Leben in Athen vor mehr als 2300 Jahren folgte Gesetzen und Regeln, die aus heutiger Sicht oft fremd wirken. Die gern gerühmte „Demokratie“ der Griechen unterschied sich sehr von dem, was wir heute unter dieser Staatsform verstehen. Das zu vermitteln ist wichtig, denn die Konsequenzen - die Griechen experimentieren mit einer noch jungen Regierungsform - müssen für diese Geschichte berücksichtigt werden.
Das Verbrechen als Familienfluch
Die Autorin setzt die daraus resultierenden Irritationen gezielt ein, um eine Mordermittlung zu schildern, die sich von den heute bekannten Methoden unterscheiden muss - dies nicht nur, weil die Kriminologie als solche noch nicht existiert, sondern auch, weil der politische, soziale und kulturelle Hintergrund für eine gänzlich eigenständige Färbung des Denkens und Handelns sorgt, in der eben doch archaische Gesellschaftsbilder und von Naturkräften geprägte Religionsvorbilder präsent sind.
Das Recht wird buchstäblich zelebriert, orientiert sich jedoch an tradierten Vorstellungen und Erfahrungswerten. Dazu gehört eine Sicht des Verbrechens, die nicht nur den Täter, sondern auch seine Familienmitglieder und Freunde in den Fokus einer ‚Ermittlung‘ ziehen, die aus heutiger Sicht rudimentären Regeln folgt: Man weiß nicht wirklich, was man tun muss, und bemäntelt dies durch ein Vorgehen, das die Justiz eindrucksvoll präsentiert und die Bevölkerung zufriedenstellt.
Stephanos ist der Herr seines Hauses, was ihn dazu verpflichtet, für zahlreiche Verwandte und Sklaven zu sorgen; dies nicht nur finanziell, sondern auch sozial. Würde ein Mitglied der „Familie“ zum Mörder, könnte dies zum Verlust des gesellschaftlichen Ansehens und zum wirtschaftlichen Ruin führen. Das Verbrechen gilt als ‚ansteckend‘, und vorsichtshalber grenzt man aus, wer als Bazillenträger verdächtig ist. Deshalb versteht man die Intensität der Sorgen, die Stephanos sich macht. Unschuld schützt unter diesen Umständen eben nicht vor Strafe.
Learning by Doing
Während Aristoteles zumindest theoretisch weiß, wie man ermittelt, muss Stephanos bei Null beginnen. Dies ist natürlich auch ein Element der Spannung, da wir nicht nur ‚gemeinsam‘ mit ihm einschlägige Erfahrungen machen, sondern auch in Sackgassen und sogar Fallen tappen sowie Fehler begehen. Wie es sich gehört, sieht es zunächst nicht gut und dann immer schlechter für Stephanos aus, bis im genretypischen, hier in den Areopag - das ist der Gerichtshof der Stadt - verlegten Finale der Fall in großer Runde gelöst wird. Damals wie heute geht es dramatisch zu, wenn der scheinbar unterlegene Stephanos zur Hochform aufläuft, Indizien vorlegt und logisch miteinander verknüpft.
Bis es soweit ist, wird es zusehends turbulenter, je näher Stephanos dem Täter kommt. Nur scheinbar nicht immer an seiner Seite ist Aristoteles, der durchaus die deduktiven Talente seines Nachfahren Sherlock Holmes besitzt. Zum Leidwesen Stephanos’ (und zwecks Irreführung der Leser) pflegt er jedoch auch dessen kommunikative Knausrigkeit und setzt Stephanos (und uns) nur sporadisch über seine unabhängig betriebenen Nachforschungen in Kenntnis. Allerdings können er bzw. Autorin Doody dies damit begründen, dass Stephanos sich denkbar ungeschickt anstellt und ihm wichtige Fakten quasi zum Eigenschutz vorenthalten werden müssen. Ansonsten ist Aristoteles keine „Denkmaschine“, sondern gesellig und dem Wohlleben keineswegs abhold.
Doody beherrscht sichtlich das Handwerk des klassischen Krimi-Schmiedens, das sie geschickt in das historische Umfeld einbettet. Wer hinter den bald mehreren Morden steckt, vermutet der genrekundige Fan zwar relativ rasch und richtig, aber das Warum besitzt eine eigene Hintergrundgeschichte. Die Figurenzeichnungen sind ein wenig grob, doch das passt in eine Welt, die von Formen beherrscht wird, „welche die Vielschichtigkeiten des gesellschaftlichen Umgangs so angenehm vereinfachten“ (S. 189). Emotionen bleiben der Story untergeordnet bzw. sorgen nicht seifig für zusätzliche = nutzlose Seiten. „Mord im alten Athen“ ist deshalb eine erfreuliche Wiederentdeckung, weshalb es schade ist, dass uns hierzulande die zehn weiteren Fälle vorenthalten blieben, die Stephanos und Aristoteles bis 2021 lösten.
Fazit
Anfangs ein wenig steif, dann plausibel und zunehmend rasant erzählt die Autorin eine Kriminalgeschichte vor einem gut recherchierten, nicht aufdringlich eingesetzten Hintergrund. Der „Fall“ funktioniert, die Figuren sind schlicht gezeichnet bzw. sauber in die Gesamtstory eingepasst: lohnend auch für Krimifreunde, die sich nicht im antiken Griechenland auskennen (wollen).

Margaret Doody, Kampa

Deine Meinung zu »Mord im alten Athen«
Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!