Die Schlagzeile / Hinter dem Vorhang
- Heyne
- Erschienen: Januar 1989
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Mörderischer Brei mit vielen Köchen.
- Die Schlagzeile (The Scoop; 1931): Der „Morning Star“ gehört zu den zahlreichen Zeitungen, die täglich in London erscheinen. Der Druck ist groß: Schlagzeilen müssen gemacht werden! Aktuell beschäftigt ein ungeklärter Mord in Jumbles, einem kleinen Ort nahe Brighton an der südenglischen Küste, die Polizei ebenso wie die Presse. In einem abgelegenen Bungalow fand man erstochen Geraldine Tracey. Sie lebte hier mit ihrem Gatten, einem Handelsreisenden, der häufig außer Haus ist. Offensichtlich plagte sie die Einsamkeit, denn sie empfing häufig den Schmuckhändler Henry Fisher. Er war es auch, der zu seinem Schrecken über Geraldines Leiche stolperte - und von der Polizei als Hauptverdächtiger aufgefangen wurde!
Doch zum Kummer der Beamten hat Fisher ein Alibi. Außerdem ist er nicht der Einzige, der als Täter in Frage kommt. Wo ist der allseits unbekannte Mr. Tracey? Gibt es ihn überhaupt? Wieso taucht am Ort des Verbrechens Arthur Potts, Geraldines weitgehend nichtsnutziger Bruder, auf?
Reporter Johnson vom „Morning Star“ nimmt die Fährte auf. Er entdeckt die Mordwaffe. Kurz darauf findet man ihn in der Telefonzelle, aus der er der Zeitung Meldung erstattet hat: Man hat ihn ebenfalls erstochen. Denis Oliver, der Starreporter des Blattes, übernimmt die Berichterstattung, nimmt Verdächtige und mögliche Zeugen in die Zange. Er ahnt nicht, wie nahe er dem Täter kommt, der die Situation durch weiteren Mord zu entschärfen gedenkt ...
- Hinter dem Vorhang (Behind the Screen; 1930): Das Leben des Medizinstudenten Wilfrid Hope folgte bisher seinem Nachnamen. Er kommt gut voran, und privat ist er verlobt mit der schönen Amy Ellis, die er vergöttert, weshalb er sich gut mit ihren langweiligen Eltern und dem zukünftigen Schwager stellt.
Mit diesem Frieden ist es vorbei, als die Ellis’ einen Untermieter aufnehmen. Paul Duddon ist grob und laut, und vor allem macht er Amy Avancen. Die Eltern sind zu schwach, um ihn in die Schranken zu weisen. Hope wünscht Duddon den Tod, und sein Wunsch geht in Erfüllung: Als er eines Abends seine Braut besucht, findet er im Wohnzimmer hinter einem chinesischen Wandschirm den Rivalen: Man hat ihn erstochen.
Wer ist der Täter? Sämtliche Mitglieder der Familie Ellis kommen nach Ansicht der Polizei in Frage, aber auch Haushälterin und Köchin Mrs. Hulk [sic!] verstrickt sich in Widersprüche. Der neugierige Nachbar Mr. Parsons, der sich für einen Detektiv hält, sorgt mit angeblichen Beobachtungen für zusätzliche Komplikationen ...
Krimi-Prominenz und das liebe Geld
1928 gründeten 26 englische Kriminalautoren in London den „Detection Club“. Von Beginn an war die Zahl der Mitglieder klein, was durch ihre Prominenz wettgemacht wurde. So gehörten zur ersten Generation schon damals bekannte und erfolgreiche Autoren und Autorinnen wie Ronald A. Knox, Agatha Christie, Dorothy L. Sayers, Freeman Wills Crofts, Anthony Berkeley Cox oder Henry Wade.
Man traf sich regelmäßig und diskutierte über das Genre, was u. a. in den berühmt-berüchtigten „10 Regeln für einen fairen Kriminalroman“ mündete, die Ronald Knox 1929 formulierte (höchstens ein Geheimgang, keine Gespenster, Täter aus dem Kreis der Verdächtigen etc.) und die in den folgenden Jahren diverse Ergänzungen und Änderungen erfuhren. (Vor allem Agatha Christie ließ sich durch das Regelwerk nicht einschränken und schrieb immer wieder Krimis, deren Plots es auf den Kopf stellten.)
Die „Dinner Meetings“ fanden in feinem Ambiente statt und waren kostspielig. Der Club benötigte eine finanzielle Grundlage. Die wollte man sich arbeitsnah - also mit der Schreibfeder - beschaffen. Zwischen 1930 und 1939 strahlte das Radio im Rahmen des „BBC National Programme“ regelmäßig Hörspiele aus. Der Club trat an die BBC heran und schlug vor, einen Kriminalroman zu schreiben, dessen Kapitel von Clubmitgliedern verfasst werden sollten. Jedes Kapitel wurde vom Autor oder von der Autorin im Radio vorgelesen und eine Woche später in dem ebenfalls von der BBC ins Leben gerufenen Wochenmagazin „The Listener“ abgedruckt. Damit verbunden war ein Preisausschreiben, in dem die Leser als Detektive versuchen durften, aber nicht nur den oder die Täter/in erraten, sondern auch den Tathergang rekonstruieren mussten - eine echte Herausforderung, wie uns der Herausgeber des „Listener“ in einem dem Roman erfreulicherweise angefügten Nachwort erläutert.
Sich bloß nicht auf die Füße treten!
Das Konzept war interessant, und zumindest theoretisch hielt sich der Aufwand in Grenzen: Ein Kapitel war schnell geschrieben. Doch es gab einen Haken: Je weiter die Handlung voranschritt, desto komplexer wurde sie. Die Autoren durften sich nicht absprechen, jede/r musste dort anknüpfen, wo der oder die Vorgänger/in die Feder abgesetzt hatte. Gelegte Spuren waren aufzunehmen, weiterzuführen oder als Sackgasse zu beenden.
Man ging davon aus, dass Profis sich auf die beschriebene Weise zusammenraufen könnten. Dies traf zu, aber vor allem „Hinter dem Vorhang“ spiegelt seine Entstehung wider. Nicht die unterschiedlichen Stile der Beiträger waren das Problem; die Veränderung des Tonfalls galt sogar als zusätzlicher Reiz. Knackpunkt war die Einschränkung einer Handlung, deren Bogen nur vage bekannt war bzw. vom unglücklichen letzten Verfasser, der die Fäden aufnahm und plausibel zu einem Finalknoten schnürte, nachträglich so geschaffen werden musste, dass er sich in den vorangegangenen Kapiteln zumindest abzuzeichnen schien.
Es wundert nicht, dass die Erfahrungen, die aus der Entstehung von „Hinter dem Vorhang“ resultierten, zu einer Änderung des Verfahrens führte. Für „Die Schlagzeile“ existierten ein Plot und der Entwurf einer Handlung, die sich auf diese Weise ungeachtet oder gerade aufgrund der gesetzten Grenzen besser kontrollieren und vorantreiben ließ. Außerdem war es möglich, auch deutlich längere Handlungsbögen zu konstruieren sowie mit dem Wissen des nächsten Verfassers Haken zu schlagen, die ins Geschehen integriert werden konnten.
Professionelle Arbeit, aber kein Krimi-Wunder
In „Hinter dem Vorhang“, einem kürzeren Werk, übernahm jeweils ein Autor ein Kapitel: Hugh Walpole (Kap. 1), Agatha Christie (Kap. 2), Dorothy L. Sayers (Kap. 3), Anthony Berkeley Cox (Kap. 4), E. C. Bentley (Kap. 5) und Ronald A. Knox (Kap. 6). Für „Die Schlagzeile“ ging die Regie an Dorothy Leigh Sayers. Sie schrieb die Kapitel 1 und 12 und somit das Finale. Außerdem an Bord waren: Agatha Christie (Kapitel 2, 4), Edmund Clerihew Bentley (Kap. 3, 8), Anthony Berkeley Cox (Kap. 5, 9), Freeman Wills Crofts (Kap. 6, 11) und Clemence Dane (Kap. 7, 10).
Erwartungsgemäß werden beide Mordrätsel gelüftet, aber der Weg dorthin erscheint im Vergleich mit den Einzelwerken der teilnehmenden Autorinnen und Autoren zäh. Das Konzept ist eher ein Korsett, der Vortrieb der Handlung wirkt tastend, weil auf den nächsten in der Verfasserkette Rücksicht zu nehmen war. Für „Die Schlagzeile“ gilt dies mehr als für „Hinter dem Vorhang“, denn je ausführlicher das Geschehen wurde, desto größer war die Gefahr, dass es zu breit ausfächerte und das (er-) lösende Finale vom Kampf mit den losen Fäden ersetzt wurde.
Es erstaunt nicht, dass „Die Schlagzeile“ und „Hinter dem Vorhang“ ungeachtet des prominenten Autorenteams nach der Erstveröffentlichung lange in der Versenkung verschwanden. Hier stand nicht die Krimikunst, sondern das Handwerk im Vordergrund, und das schränkt den Unterhaltungswert ein. Erst 1983 (!) wurden beide Werke vom Archivstaub befreit und erstmals gemeinsam in Buchform veröffentlicht.
Anmerkung: Das Konzept der „collaborative detective novel“ (auch „round robin novel“) wurde vom „Detection Club“ noch mehrfach aufgegriffen. 1931 schufen 14 (!) Mitglieder den Roman „The Floating Admiral“ (dt. „Die letzte Fahrt des Admirals“), 1933 bzw. 1936 folgten die weniger aufwändigeren Kurzromane „Ask a Policeman“ bzw. „Six Against the Yard“. 1939 erschien „Double Death“ (dt. „Doppelter Tod“) als sechsbändige Serie im „Sunday Chronicle“, einer Zeitung aus Manchester.
Fazit
Eher kurios und als Zeitzeugen interessant sind diese beiden Kriminalromane, die Gemeinschaftswerke einiger der besten Autorinnen und Autoren des Genres darstellen. Nichtsdestotrotz leisten die beiden Teams saubere Arbeit, die man gern zur Kenntnis nimmt.

Diverse Autoren, Dorothy L. Sayers, Heyne

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