Der falsche Erbe

  • Oktopus
  • Erschienen: September 2025
  • 1
Der falsche Erbe
Der falsche Erbe
Wertung wird geladen
Michael Drewniok
95°1001

Krimi-Couch Rezension vonMär 2026

Duell denkbar ungleicher Zwillingsbrüder.

Im Süden Englands liegt an der Küste des Ärmelkanals das Landgut Latchett. Seit Jahrhunderten bewohnen und bewirtschaften es die Ashbys, kleine Landadlige, die sich der großen Politik fernhielten, weshalb es ihnen im Windschatten der Geschichte gelang, Latchett ungeachtet zweier Weltkriege und eines gesellschaftlichen Wandels, der dem Adel die meisten einträglichen Privilegien nahm, profitabel zu erhalten.

Dabei gab es gerade in der jüngeren Vergangenheit kritische Situationen: Vor acht Jahren starben die Eigentümer bei einem Flugzeugabsturz. Patrick, der Erbe, ertrug den Druck der Verantwortung nicht und nahm sich erst 13-jährig das Leben. Zurück blieben sein Zwillingsbruder Simon, die Schwester Eleanor und die Zwillingsschwestern Ruth und Janet. Für die noch minderjährigen Kinder übernahm Tante Bee das Gut. Als Gestüt und Reithof steht Latchett finanziell gut da. Nun steht Simons 21. Geburtstag bevor. Er wird das Gut erben und dessen neuer Herr sein.

Dann geschieht das Unmögliche: Patrick kehrt zurück! Er hat sich nicht umgebracht, sondern England verlassen und hat in den USA gelebt. Nun erhebt er als geringfügig älterer Bruder seinen Anspruch auf Latchett. ‚Patrick‘ kennt sich gut aus dort und erkennt viele Personen aus seiner Kindheit. Außerdem sieht er Simon zum Verwechseln ähnlich. Also heißt man ihn willkommen.

Simon glaubt allerdings nicht an die Heimkehr. Zunächst machen seine Geschwister und ‚Patrick‘ die Frustration des betrogenen Erben dafür verantwortlich - und betrogen wurden Simon, aber auch seine Familie tatsächlich, denn ‚Patrick‘ heißt eigentlich Brat Farrar. Ein findiger Ganove hat ihn in die Familie Ashby eingeschleust, um sich des Gutes zu bemächtigen. Hinter Simons Wut steckt freilich mehr. Er weiß, dass ‚Patrick‘ ein Betrüger ist, stellt ihn aber nicht bloß, weshalb sich Brat bald die Frage stellt, was vor acht Jahren tatsächlich geschehen ist ...

Wer die Vergangenheit aufrührt ...

... muss das Risiko tragen. Selten wurde dies so eindringlich dargestellt wie in diesem Roman aus dem Jahre 1949, der nur wenige Züge eines ‚echten‘ Kriminalromans trägt, sondern dem Subgenre des Psychothrillers zuzuordnen ist. Weder ein findiger Polizist noch ein genialer Detektiv treten auf. Das Drama spielt sich innerhalb einer Familie ab, deren Mitglieder mehr Geheimnisse hüten als zunächst gedacht.

Josephine Tey (1896-1952) hat insgesamt acht Genre-Romane veröffentlicht. Mehrheitlich handelt es sich um klassische Whodunit-Krimis, in denen sie ihren Serienhelden Alan Grant Schurken jagen lässt. Schon diese Werke zeigen ein Verständnis des Verbrechens, das über die technische Seite der Ermittlung hinausgeht. Der kriminelle Mensch bleibt aus Teys Sicht menschlich. Was ihn zur Tat trieb, kann uns alle treffen. Eine Idee kann zu einer gewaltigen Tragödie führen, die nicht nur den Auslöser, sondern alle, die der Lawine zu nahe kommen, in den Abgrund reißt.

In unserem Fall ist es die Sehnsucht eines durch sein Leben treibenden Mannes, der an einen Mephisto gerät. Dieser flüstert ihm ein, was der einsame Brat Farrar hören will.  Eine Mischung aus Neugier und moralischer Gleichgültigkeit treibt ihn dazu, in die Rolle des Patrick Ashby zu schlüpfen - und an dieser festzuhalten, als er sich auf Latchett wohl und heimisch zu fühlen beginnt.

Stets lacht der Teufel zuletzt

Tey bricht mit den Konventionen des Genres, indem sie uns von Anfang an reinen Wein einschenkt: Brat Farrar ist nicht Patrick Ashby und somit ein Hochstapler und Betrüger. Wir lernen ihn, als er sich für seine Rolle vorbereitet, als Menschen kennen - schwach, aber sicherlich nicht böse. Die Sehnsucht nach einem Heim und einer Familie lassen Farrar sein Spiel fortsetzen. Er hält sich gut, und nicht nur die Ashbys, sondern auch die Menschen der Umgebung heißen ihn willkommen.

Für Spannung sorgt Tey, indem sie für Zwischenfälle sorgt. Nicht auf jede Nachfrage konnte sich Farrar vorbereiten. Manchmal tappt er ins Leere und muss improvisieren. Hinzu kommen nicht nur das schlechte Gewissen, sondern auch die aufkeimende Liebe zu seiner ‚Schwester‘ Eleanor, die er verständlicherweise im Keim ersticken sollte, was jedoch weder ihm noch der erschrockenen Eleanor gelingt.

Weitere Zwischenfälle sorgen für neue Aufregung, aber bald zeichnet sich eine Bedrohung ab, die über Entlarvung und gesetzliche Ahndung hinausgeht: Simon arbeitet offensichtlich daran, sich des lästigen Konkurrenten zu entledigen. Nach und nach enthüllt sich Farrar ein nicht nur neidischer, sondern gefährlicher Gegner, dessen Taten womöglich von einschlägiger Erfahrung künden. Hier sorgt Tey für ein gänzlich unerwartetes Element. Hinter den Kulissen einer Hochstapelei kommt es zu einem stillen, aber dennoch mörderischen Duell.

Das Problem der Rechtschaffenheit

Schließlich muss Farrar an mehreren Fronten kämpfen. Da ist die Familie, die ihn - inzwischen offiziell zum Herrn von Latchett aufgestiegen - zunehmend fordert. Hinzu kommt die Aufmerksamkeit, die er Simon zollen muss, der immer unverhohlener auftritt. Farrar gerät in einem moralischen Zwiespalt und in ein Komplott. Wie soll er sich herauswinden bzw. überleben, ohne sich zu verraten?

Tey zieht die Schraube stetig an. Ihre Handlungsführung ist mustergültig. Die scheinbare Idylle von Latchett wird zunächst penibel beschrieben sowie mit den genreüblichen Archetypen und Situationen aufgeladen, dann aber entschlüsselt = ihrer ländlichen Drolligkeiten, derer sich der Rätselkrimi gern bedient, beraubt. Der Pfarrer ist kein weltfremder Naivling, sondern steht mit beiden Beinen fest in der Alltagswelt. Frauen sind Wesen mit eigenem Willen sowie sexuellen Bedürfnissen. Die Zeit des feudalen Adels ist vorbei; um Latchett herum mussten die alten Güter verkauft werden, und die Ashbys arbeiten hart, um sich und ihren Besitz zu erhalten.

Was „Brat Farrar“ - so der englische Originaltitel - zu einem literarischen Klassiker erhebt, der die Grenzen des Krimis sprengt oder ignoriert, legt Ruth Rendell in einem ausführlichen Nachwort dar. Sie verweist auf die psychologische Sicht, die Josephine Tey u. a. zu einer Vorläuferin der nach ihrem frühen Tod mit ihren Thrillern aufsteigenden Patricia Highsmith machte. Zu den zahlreichen Autorinnen und Autoren, die ebenfalls in Teys Fußstapfen traten, gehörte Rendell selbst, sodass sie die Mechanismen des Psychothrillers einleuchtend verdeutlichen kann.

„Der falsche Erbe“ in Kino und Fernsehen

Teys Story wurde in ihrer Geschlossenheit und Intensität zumindest vom Fernsehen nicht übersehen. Zwischen 1956 und 1960 strahlte der US-Sender CBS 134 Episoden der Serie „Playhouse 90“ aus. Sie erhielt ihren Titel, weil die Einzelfolgen nicht wie sonst im TV eine Stunde, sondern 90 Minuten (allerdings inklusive Werbung) liefen. „Playhouse 90“ gilt als eine der Glanzleistungen des US-Fernsehens und heimste u. a. 13 „Primetime Emmys“ ein. Viele schon damals berühmte Männer und Frauen sorgten vor und hinter der Kamera für Spannung.

„Brat Farrar“ entstand als „The Clouded Image“ = Folge 9 der zweiten Staffel (1957) unter der Regie von Franklin J. Schaffner, der später Blockbuster wie „Planet of the Apes“ (1968, dt. „Planet der Affen“) oder „Papillon“ (1973) realisierte. Die Rollen waren mit Darstellern wie Farley Granger (aus den Hitchcock-Klassikern „The Rope“/ „Cocktail für eine Leiche“, 1948, und „Stranger on a Train“/ „Der Fremde im Zug“, 1951), Vincent Price und Judith Anderson (aus Hitchcocks „Rebecca“, 1940, aber auch aus „Star Trek III - The Search for Spock“, 1984) hochrangig besetzt.

Für die britische Produktionsfirma „Hammer“ - bekannt für ihre „Dracula“- und „Frankenstein“-Filme mit Christopher Lee und Peter Cushing - inszenierte 1963 ‚Hausregisseur‘ Freddy Francis „Paranoiac“ (dt. „Haus des Grauens“). Den finsteren Simon Ashby mimte hier mustergültig und heimtückisch Oliver Reed.

Die BBC produzierte 1986 eine sechsteilige Mini-Serie (hierzulande als „Brat Farrar - Ein Toter kehrt zurück“ ausgestrahlt), die als ein Highlight des britischen Fernsehens gilt. Unter der Regie von Leonard Lewis spielte Mark Greenstreet in einer Doppelrolle sowohl Simon Ashby als auch Brat Farrar.

Fazit

Frühes Meisterwerk des Psychothrillers, deren Autorin den Stoff und die Figuren (bis auf ein nicht recht zum Tenor der Vorgeschichte passendes Happy-End) vorbildlich unter Kontrolle hält. Obwohl die Leser den Schurken (zu) kennen (scheinen), werden sie eindrucksvoll in die Irre geführt: eine willkommene Neuausgabe dieses Klassikers!

Der falsche Erbe

Josephine Tey, Oktopus

Der falsche Erbe

Ähnliche Bücher:

Deine Meinung zu »Der falsche Erbe«

Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

Dr. Drewnioks
mörderische Schattenseiten

Krimi-Couch Redakteur Dr. Michael Drewniok öffnet sein privates Bücherarchiv, das mittlerweile 11.000 Bände umfasst. Kommen Sie mit auf eine spannende und amüsante kleine Zeitreise, die mit viel nostalgischem Charme, skurrilen und amüsanten Anekdoten aufwartet. Willkommen bei „Dr. Drewnioks mörderische Schattenseiten“.

mehr erfahren