Die Summe aller Dinge

  • DuMont
  • Erschienen: Mai 2026
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Thomas Gisbertz
82°1001

Krimi-Couch Rezension vonJul 2026

Wenn illegale Finanzgeschäfte in den Tod führen.

Cum-Ex- und Cum-Cum-Geschäfte: Mehr als ein Jahrzehnt liegt der Milliardenbetrug am deutschen Staat durch dubiose, kaum durchschaubare Finanzgeschäfte mittlerweile zurück. Eine endgültige juristische Aufarbeitung hat es bis heute nicht gegeben. Seit Jahren ermitteln die Staatsanwaltschaften gegen Banken, Broker-Firmen und Kanzleien, aber auch gegen Behörden und sogar Ministerien – doch bislang ohne nennenswerten Erfolg, zu intransparent und nebulös erscheint alles.

Nun versucht sich der renommierte Frankfurter Krimiautor Oliver Bottini daran, aus dem Aktien-Verwirrspiel einen spannenden globalen Wirtschaftsthriller zu machen – und das mit großem Erfolg. Es ist dem erzählerischen Können des mehrfach ausgezeichneten Schriftstellers zu verdanken, dass er nicht nur Licht ins Trübe bringt, sondern mit seiner Story auch von Beginn an zu fesseln versteht.

Die Frage nach dem „Warum“

Es ist die Geschichte dreier Studienfreunde: Zaid, Freddy und Erik. Der gemeinsame Traum vom großen Geld lässt sie riskante Aktiengeschäfte eingehen. Riskant, weil sie sich mit ihrem Dividendenstripping zumindest im Graubereich der Legalität bewegen, gleichzeitig aber Millionengewinne generieren. Ganz nach dem Motto: Was nicht explizit verboten ist, muss erlaubt sein. Als die deutsche Staatsanwaltschaft dem millionenschweren Steuerbetrug mit dem Cum-Ex-Geschäft einen Riegel vorschieben will, verlagern die Drei ihre extra gegründeten Firmen ins Ausland, um weiterhin trickreich die Kapitalsteuer zu umgehen. Doch plötzlich ermittelt Oberstaatsanwältin Esther Molien gegen die drei Freunde und zerbricht deren scheinbar heile Welt abrupt – mit fatalen Folgen: Zaid begeht in Duisburg Suizid, Freddy wird in London von einem Unbekannten überfahren und Erik entkommt auf Capri nur knapp einem Mafia-Killer. Seitdem ist er auf der Flucht. Zurück bleiben nicht nur zahlreiche Fragen, sondern auch eine Witwe, die wissen will, was geschehen ist und warum sie von den Machenschaften ihres Mannes nie etwas mitbekam. So macht sich Zaids Frau Vera, eine Polizeioberkommissarin, privat auf die Suche nach Antworten, auch weil ihre Tochter Emmy plötzlich spurlos verschwindet. Doch Vera lässt sich nicht beirren und schon gar nicht aufhalten - bis sie endlich Gewissheit hat.

Von Finanzhaien bis zum kleinen Bürger

Oliver Bottini schafft es erneut, aus Themen mit hoher politischer und gesellschaftlicher Brisanz, einer detailreiche Figurendarstellung sowie genau recherchierten Fakten eine packende Handlung zu entwerfen. Dabei steht nicht unbedingt der globale Finanzbetrug im Mittelpunkt des im DuMont Verlag erschienenen Romans. Dieser ist lediglich Ausgangs- und Bezugspunkt des Thrillers. Vielmehr dreht sich alles um Zaid, Freddy und Erik, die Täter, die eigentlich gar keinen kriminellen Charakter besitzen, sondern in einer Mischung aus Selbsttäuschung, Ignoranz und Naivität nicht erkennen, worauf sie sich einlassen. Stellvertretend hierfür steht Veras Mann Zaid, ein aus einfachen Verhältnissen stammender Syrer und gelernter Bauingenieur, der zwar ein Rechengenie ist, aber von der Finanzwelt keine Ahnung hat und nicht einschätzen kann, worauf er sich tatsächlich einlässt. Ähnlich ergeht es der Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse Bad Unterwalden und dem Bürgermeister der Gemeinde, die sich trotz guten Willens durch ihre Leichtgläubigkeit in den finanziellen Verstrickungen verfangen. Kaum anderes kann es dem ein oder anderen Leser ergehen, dem es Oliver Bottini mit einem umfangreichen Figurenensemble und zahlreichen Fakten sowie Hintergründen zum Finanzskandal nicht immer einfach macht. Man sollte daher etwas Interesse für das Thema mitbringen. Ab und an hängt die Story etwas, wird zu eintönig, um dann wieder Fahrt aufzunehmen. Dabei bleiben besonders die Nebenfiguren recht blass, auch weil sie zu stereotyp angelegt sind.

Fazit

Bottinis Roman ist eine Mischung aus Finanz-, Polit- und Justizthriller. Mit einem feinen Gespür stellt Bottini die Fragen nach Schuld, Vertrauen, Macht und finanzieller Gier, die die großen der Finanzwelt ebenso ergriffen hat wie den Durchschnittsbürger. Allerdings bleiben die Figuren bis zum Schluss nicht ganz nahbar, auch weil deren Innensicht fehlt. Zusätzlich verliert sich die Handlung manchmal zu sehr in Nebenhandlungen. Dennoch gelingt dem Autor ein eloquenter, atmosphärisch gelungener und trotz des komplexen Themas insgesamt stringenter Thriller. Oliver Bottini zählt zurecht zu den ganz Großen des deutschen Kriminalromans.

Die Summe aller Dinge

Oliver Bottini, DuMont

Die Summe aller Dinge

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