Der Roman entwickelt eine Wucht, der man sich nicht entziehen kann!
Kinlough, 2003: Sie sind fünfzehn und es ist der Sommer ihres Lebens. Hier, in der kleinen Stadt an der Westküste Irlands, bilden Mush, Helen, Joe, Aidan und Aoife eine unzertrennliche Clique. Im Mittelpunkt der Gruppe steht die ungestüme, charismatische Kala, ein Wildfang, um den sich alles dreht. Sie ist der emotionale Mittelpunkt der Gruppe, ihr Herzschlag. Ein verschworenes Team, Freunde fürs Leben. Bis Kala wenige Wochen später spurlos verschwindet. Ihr Schicksal wird das Leben der anderen für immer verändern.
15 Jahre später kehrt Helen widerwillig für die Hochzeit ihres Vaters in die alte Heimat zurück. Joe, mittlerweile ein berühmter Musiker, weilt ebenfalls in der Stadt, um ein Konzert im Flanagan’s zu geben. Und der treuherzige Mush ist immer in Kinlough geblieben, arbeitet im Café seiner Mutter.
Als man menschliche Überreste im Wald findet, reißen bei den drei ehemaligen Freunden alte Wunden auf und sie werden erneut mit dem rätselhaften Verschwinden ihrer Freundin Kala konfrontiert. Was ist damals wirklich geschehen und welche Rolle spielte jeder Einzelne von ihnen dabei? Helen, Joe und Mush müssen sich endlich ihrer Vergangenheit stellen, um die Gegenwart ertragen zu können.
Debütroman eines irischen Autors
Ursprünglich aus Galway an der Westküste Irlands stammend reiste Colin Walsh einige Jahre umher, bevor er nach Belgien zog, um dort seinen Master in Philosophie zu machen. Die Möglichkeit, in den USA zu promovieren, schlug er 2016 kurzfristig aus. Stattdessen blieb Walsh in Belgien und begann, Kurzgeschichten zu schreiben. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich zunächst durch die Arbeit für eine NGO. Für sein Schreiben wurde Colin Walsh mit mehreren Preisen ausgezeichnet, seine Texte erschienen unter anderem in The Irish Times und wurden auf RTÉ Radio 1 sowie BBC-Radio 4 ausgestrahlt. Sein erster Roman „Kala“ wurde im Jahr 2023 veröffentlicht und war auf Anhieb ein Bestseller. Der Roman gewann den Irish Book Award in der Kategorie „Newcomer des Jahres“. Nun erscheint er auch in Deutschland beim Berliner Gutkind Verlag. Ein absoluter Glücksgriff.
Was geschah mit Kala?
Der Roman ist weit mehr als ein Thriller. Er handelt von enger Freundschaft und tiefer Entfremdung – von der Heimat, aber vor allem von sich selbst. Sechs Jugendliche auf der Überholspur, nichts kann sie aufhalten, nichts kann sie trennen. Bis ein traumatisches Ereignis ihre strahlende Zukunft wie eine Seifenblase zerplatzen lässt. Die Frage der Verantwortung und der Schuld am Verschwinden Kalas prägt nicht nur ihre Erinnerung, sondern auch ihre Gegenwart. Sie prägt vor allem ihre Identität. Die rationale Helen, eine freiberufliche Autorin und Teilzeitlehrerin, die vor zehn Jahren ihrer Heimat verließ, bringt ihre Rückkehr aufgrund von Schuldgefühlen und Unsicherheit vollkommen aus dem Gleichgewicht. Auch der erfolgreiche, aber äußerst narzisstische Musiker Joe hat das, was damals geschah, nie wirklich verarbeitet. Er sucht seit Kalas Verschwinden vergeblich nach etwas wie einem Zuhause, einem Zufluchtsort. Sein einst bester Freund Mush, der gutherzige Träumer, der es nie aus Kinlough herausschaffte, leidet bis heute wohl am schwersten unter dem Verlust Kalas. Dabei trägt er bis heute die Last der Vergangenheit im wahrsten Sinne des Wortes sichtbar mit sich.
Ihre unbeschwerte Teenagerzeit wurde durch die Tragödie abrupt abgelöst von Tagen, Monaten, ja sogar Jahren des Schweigens, der Auflösung, der Ohnmacht, der Verdrängung. Existieren, ohne zu leben. Helen zog sich in sich selbst zurück, Mush verschwand zunehmend aus dem öffentlichen Leben und Joe zerstörte sich selbst, während er nach Antworten im Alkohol suchte. Bis heute. Sein öffentlicher Erfolg steht im Kontrast zur inneren Leere. Kala fehlt ihnen jeden Tag. „Manchmal denke ich daran zurück, wer wir damals waren. Als Kala noch bei uns war. Wir waren eine Naturgewalt. Was ist nur aus uns geworden?“, fragt sich Helen an einer Stelle des Romans. Und so tragen alle ihren Kampf im Herzen aus: zwischen Rache und Vergebung, Verzweiflung und Erlösung.
Wenn alles eins wird
Colin Walsh gelingt es meisterhaft, jeden Charakter aus der Perspektive anderer zu beleuchten und dem Leser gleichzeitig genügend Raum für eigene Interpretationen zu lassen. Dabei dreht sich alles um die zentrale Figur Kala Lanann. Sie ist der Katalysator der Handlung und steht gleichzeitig sinnbildlich für die verlorene Jugend, unbewältigte Schuld und die Schatten einer Kleinstadt, die vieles verschweigt. Denn hier, in Kinlough, bestimmen immer noch Gerüchte, Schweigen und soziale Kontrolle den Alltag. Hinter der vermeintlichen Idylle der Touristenstadt herrscht eine fast schon grelle Dunkelheit. Ihr trotzte vor allem eine: Kala, die Rebellin, die Menschen magisch anzog, Grenzen überschritt und intensiver als ihre Freunde lebte. Dennoch war sie auch äußerst verletzlich. Hinter ihrer Ungestümtheit steckte ein tiefes Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Anerkennung. Kala wuchs bei ihrer Großmutter auf, von ihren Eltern wusste sie so gut wie nichts. Die Clique bedeutete für sie alles, denn jeder stand ihr in einem anderen Sinne nah.
Und so erinnern sich die drei ehemaligen Freunde jeweils an „ihre“ Kala: Joe an seine erste große Liebe, Helen an ihre beste Freundin und Mush an seine Vertraute. Besonders schmerzvoll ist für ihn bis heute die letzte Begegnung mit Kala: „All die Gefühle in ihr, all die verschiedenen Facetten von Kala, spiegelten sich in ihrem Gesicht wider, veränderten sich sekündlich. Mal fließend, mal sanft, mal wild, mal lieblich, mal ängstlich. Sie war ein Mensch. Sie war meine Freundin. Und ich habe sie nicht einmal umarmt.“ Zuletzt schwebt über allem schwebt die quälende Frage: Was geschah wirklich mit Kala?
Wunderbare Erzählweise
Colin Walsh trifft mit seiner wunderbaren Erzählweise stets den richtigen Ton. Das betrifft ebenso die drei Erzählstimmen, die ihren eigenen, unverkennbaren Sound haben, wie auch die Geschichte selbst, die so sehr berührt und nie ins Kitschige abgleitet. Meisterhaft dosiert der Autor die Informationen, die er seinem Leser gibt: nie zu viel, nie zu wenig, immer so, dass man weiterlesen muss.
Eine dunkle, unheimliche Stimmung flutet den Roman von Beginn an und nimmt stetig zu. Aber es gibt auch Licht, Wärme, Liebe. Die Welt ist bei Walsh nicht abgrundtief schlecht. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden miteinander verwoben, gehen eine Symbiose ein, was in einem Tagebucheintrag von Helens Mutter wunderbar deutlich wird: „Selbst wenn wir an die Vergangenheit denken, finden unsere Erinnerungen in der Gegenwart statt, auch wenn wir uns die Zukunft vorstellen, geschieht dies aus der Gegenwart heraus. Auf dieser Existenzebene geschieht alles gleichzeitig, aber wir erleben es als fließend.“ Genauso ergeht es dem Leser: Die Zeitebenen und die Erzählperspektiven verschwimmen und werden zu einem Strom, von dem man sich gerne mitreißen lässt. Eine absolut fantastische Erzählung.
Fazit
Ein Roman, der in seiner Erzählweise an Donna Tartts „Die geheime Geschichte“ erinnert.Walsh verbindet Coming-of-Age-Elemente mit einem spannenden Kriminalplot. Die Geschichte lebt von einer intensiven Figurenzeichnung, der glaubwürdigen Darstellung der Jugendzeit, einer düsteren Atmosphäre und dem allmählichen Aufdecken eines lange verdrängten Geheimnisses. Ein Buch, von dem man sich wünschen würde, dass es niemals endet. Es lässt einen laut auflachen, vor Wut weinen, verzweifelt nach Luft ringen. Ein herzzerreißender, aber auch ein herzerwärmender Roman, der lange nachhallt und den Leser nicht loslassen will. Wenn Sie nur ein Buch in diesem Jahr lesen, muss es „Kala“ sein. Ein Geniestreich!

Colin Walsh, Gutkind


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