Die Toten von morgen (Berliner Schattenwelt 2)
- Suhrkamp
- Erschienen: Mai 2026
- 5


Hohes Tempo und heißes Pflaster Berlin
Als die junge Ermittlerin Nihal Khigari den Leichnam eines jungen Mannes unter der Berliner Caprivibrücke untersucht, wird ihr schnell einiges klar: Der Mann wurde regelrecht hingerichtet. Damit dürfte die Reise im Ermittlungsverfahren ganz fix in Richtung Drogen- oder Bandenkriminalität gehen. Im heißen Berliner Sommer beginnt Khigari zu ermitteln – und ahnt nicht, dass sich die Temperatur bald noch deutlich erhöhen wird. Denn Saad, ein Mann, der ihr Leben vor einiger Zeit tief berührt hat, kehrt überraschend in die Stadt zurück.
Neben den persönlichen Problemen, die die junge Ermittlerin gerade ohnehin absolut nicht gebrauchen kann, bringt er eine gehörige Portion Unruhe in ihren Alltag. Unglücklicherweise wird die Situation nicht besser, als sich langsam die Hinweise verdichten, dass Saad möglicherweise selbst in die Aktivitäten genau der Bande verstrickt ist, die den Tod des jungen Mannes zu verantworten hat. Er scheint allerdings nur ein kleiner Fisch im Getriebe zu sein. Und neben den Machtspielen der alten Bosse interessiert sich für sein kleines Leben ohnehin niemand so wirklich. Oder zumindest: fast niemand…
Zerrissene Hintergründe, zerrissene Kulturen, zerrissene Gesellschaften
Kim Koplin erschafft mit dem zweiten Roman ihrer Reihe „Berliner Schattenwelt“ ein rasantes Spiel um Macht, Geld und große Geschäfte. Dieses Tempo drückt sich oft auch in der Sprache des Romans aus: Die guten alten Regeln von „Subjekt, Prädikat, Objekt“ gehören nicht unbedingt zu den Lieblingsthemen der Autorin. Die Fülle an unvollständigen Sätzen kann beim Lesen gelegentlich nerven. Dennoch gelingt es Koplin, ein lebendiges Bild von Berlins unermüdlichen Verbrechern und all jenen, die sie genauso ausdauernd jagen, zu vermitteln. Erzählt wird die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven, sodass keineswegs nur den klassischen Helden und Heldinnen des Romans eine Bühne bereitet wird.
Im Kreise ihrer deutschen Kollegen bildet Nihal Khigari einen spannenden Kontrast. Ihre Eltern stammen aus Aserbaidschan und erwarten von ihrer Tochter, dass sie sich den alten Traditionen fügt – erst recht jetzt, wo ihr Vater im Sterben liegt. Durch diese familiären Konflikte wird die Lage nicht einfacher. Schnell wird beim Lesen klar, wie schmerzhaft die Zerrissenheit zwischen der geforderten beruflichen Einbindung und den Erwartungen an das traditionelle Tochterbild sein muss. Koplins Heldin hat zwar ihren eigenen Weg gefunden, mit dieser Kluft umzugehen, allerdings wirkt ihre Lösung, die sich in extremen sportlichen Herausforderungen widerspiegelt, manchmal etwas zu aufgesetzt.
Die Gesetzeshüterin und der Verbrecher
Dennoch ist auch eine hart arbeitende und kämpfende Polizistin gegenüber wärmeren Gefühlen nicht immun. Diese bekommen in Saad – einem jungen Mann mit Migrationshintergrund – ihre Plattform. Er lebt seit längerem in Deutschland, trägt die Verantwortung für seine kleine Tochter Leila und lässt sich, mindestens genau so energisch, wie Nihal ihre Rolle als Gesetzeshüterin wahrnimmt, immer wieder auf die Seite jener Gesellschaft ziehen, die sich vorzugsweise mit Aktivitäten aus dem Strafgesetzbuch beschäftigt.
Grundsätzlich schafft dieses Zusammenspiel einen interessanten Kontrast. Es wirft jedoch auch die Frage auf, wie sich diese zwei Welten trotz echter Gefühle dauerhaft vereinbaren lassen. Ist es für eine Polizistin normal, dass ihr – lassen wir den Eiertanz – Freund bei einer ernsthaften Aufklärung seiner Vergangenheit und Taten für viele Jahre einfahren würde? Die Antwort darauf bleibt Koplin im Großen und Ganzen schuldig, doch dieses Defizit fällt im rasanten Tempo ihres Romans kaum auf. Dasselbe lässt sich allerdings auch über andere Fragen zur Logik oder Nachvollziehbarkeit sagen.
Fazit
Der heiße Juni in Berlin hat nicht nur meteorologisch, sondern auch im Hinblick auf das Verbrechen so einiges zu bieten. Manchmal wünscht man sich etwas weniger Tempo und dafür mehr Sinn, Verstand und überdachte Entscheidungen. Dennoch: Spannend ist dieser Hauptstadt-Krimi auf jeden Fall – wenn auch vielleicht ein kleines bisschen zu atemlos.

Kim Koplin, Suhrkamp


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