Tödliche Freundinnen
- Suhrkamp
- Erschienen: März 2026
- 8


Ambitionierter Thriller, der aber wenig überzeugen kann
Desorientiert wacht die vierundzwanzigjährige Mel nach einem Flugzeugabsturz in der Wildnis auf. Sie hat ein Messer im Bein und wurde unter Drogen gesetzt. Das Cockpit brennt, die Privatmaschine ist völlig zerstört und vom Flugpersonal fehlt jede Spur. Vor allem aber kann sie Chloe nicht finden – ihre Ex-Freundin und Geliebte, die sie seit Jahren gesucht und gerade erst wiedergefunden hat. Für sie wurde Mel zur Privatdetektivin und zur unermüdlichen Sucherin. Doch mit Chloe verbindet sie noch viel mehr. Alles nahm seinen Anfang bei Chloes Sweet-Sixteen-Party, jenem Tag, als die beiden Teenager gemeinsam den Kleinkriminellen Toby Dunne töteten und im Wald vergruben. Zwei Jahre später verschwand Chloe plötzlich und unerwartet. Weil Chloes Vater im Sterben liegt, beauftragt er Mel, vier Jahre nach dem Verschwinden seiner Tochter nach ihr zu suchen. Und tatsächlich: In der kanadischen Wildnis findet sie ihre Freundin wieder. Doch Mel ist nicht die Einzige, die die Suche nach Chloe niemals aufgegeben hat…
Vom YA zum Thriller
Die US-Autorin Tess Sharpe gehört laut Suhrkamp Verlag zu den markantesten Stimmen der zeitgenössischen US Thriller und Jugendbuchszene. Davor machte sie sich zunächst durch zahlreiche Kinderbücher und Young adult novels einen Namen. Nachdem sie Theaterwissenschaft an der Southern Oregon University studiert hatte und professionelle Köchin geworden war, begann sie zunächst mit dem Schreiben von Kurzgeschichten. Größere Bekanntheit erlangte sie aber vor allem 2019 durch ihr Erwachsenendebüt „River of Violence“, das von der Presse gefeiert wurde. Was so gut wie alle ihre Romane verbindet, sind feministische Sichtweisen. Ihre Protagonistinnen werden als starke Frauenfiguren dargestellt, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und sich gegen die Opferrolle zur Wehr setzen. Was bei Stieg Larsson, Sheena Kamal, Iva Pochoda, Taylor Stevens oder Dennis Lehane so wunderbar funktioniert, stößt im aktuellen Roman Sharpes leider an seine Grenzen, denn die Figuren wirken konturlos und blass. Alles erscheint wie eine weitere Young adult Novel, was auch das US-Originalcover des Romans nahelegt. Dabei hat Sharpe mit ihrem 2018 erschienenen Thriller „Barbed Wire Heart“ bewiesen, dass sie sich durchaus auf harte, feministische Noir-Romane versteht.
Wenig überzeugend
Der Thriller weist gleich mehrere Schwächen auf: Die Story kann nicht überzeugen, das Handeln der weiblichen Figuren gibt immer wieder Rätsel auf und die männlichen Figuren treten als der Archetyp des Bösen in überzeichneter und stereotyper Weise auf. Besonderes die Darstellung der männlichen Figuren als vollkommen verblödete, dumm-naive Kriminelle trägt dazu bei, den Thriller nicht ernst zu nehmen. Dadurch verlieren die zentralen Motive wie die Kritik an Gaslighting, Machtmissbrauch und männliche Dominanz an Stärke. Dies liegt auch daran, dass dieser Rachethriller wiederholt inkonsequent ist. So dürfen die Protagonistinnen Chloe und Mel morden, weil die Opfer den Tod verdienen oder zur Gefahr werden, klagen aber gleichzeitig das falsche, kriminelle Handeln anderer an.
Chloe tritt später als kämpfende Amazonin, dem Sinnbild für Stärke, Unabhängigkeit und Kampfkunst (ja, sie tötet gerne mit Pfeil und Bogen), auf, versteckt sich aber jahrelang in den Wäldern auf Vancouver Island. Der Wandel vom vermeintlichen Opfer zur Täterin, die zusammen mit Mel Selbstjustiz begeht, geschieht ebenso schnell wie grundlos, da das eigentliche Grundmotiv des Handelns bereits seit Jahren besteht. Hier würde man sich mehr psychologische Tiefe wünschen, um die Veränderung der Protagonistinnen nur ansatzweise glaubhaft zu machen.
Gelungene Erzählweise
Der Roman springt auf verschiedenen Zeitebenen hin und her. Tess Sharpe gelingt es aber durchaus, die Ereignisse, Hintergrundgeschichten und Parallelhandlungen geschickt miteinander zu verknüpfen. Der Wechsel aus Beobachtung, Erinnerung und innerem Monolog ist stimmig und sorgt für eine insgesamt gelungene Erzählweise. Sharpes Sprache ist klar, mitunter etwas einfach, kann aber auch roh, ja beinahe aggressiv werden. Das mag zum Empfinden der Figuren passen, wirkt aber dennoch oftmals unfreiwillig komisch.
Die Autorin setzt ihren Schwerpunkt eindeutig auf emotionale Konflikte und Reflexionen, was der Geschichte immer wieder an Tempo und Spannung nimmt. Das Motiv der Schuld – verbunden mit den erlittenen Traumata – oder auch Themen wie queere Identität und moralische Ambivalenz erscheinen trotz aller Relevanz besonders durch die zahlreichen Perspektiven redundant und insgesamt zu langatmig.
Fazit:
Der Roman schwankt zwischen Thriller und Young Adult Novel und möchte wichtige Themen wie Identitätsfindung und weibliche Selbstbestimmung in den Vordergrund stellen. Leider funktioniert dieser literarische Spagat nur bedingt, da die Figuren zu klischeehaft angelegt sind und emotionale Wucht statt Spannung und interessanten Twists im Vordergrund steht. Das Ziel, starke Frauenfiguren, die sich ihrer Opferrolle entziehen wollen, zu zeigen, scheitert an der Überzeichnung der Protagonistinnen, die ihr Handeln unglaubwürdig erscheinen lassen. Insgesamt mehr ein Jugendroman als ein packender Thriller.

Tess Sharpe, Suhrkamp

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