Mr. Standfast oder Im Westen was Neues
- Diogenes
- Erschienen: Januar 1972
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Das große, schmutzige Spiel der Spione.
Im Sommer des Jahres 1917 stehen sich an der europäischen Westfront weiterhin die Streitmächte des Deutschen Reiches und der Alliierten gegenüber. Schreckliche Schlachten werden geschlagen, die oft tägliche Todesopfer in fünfstelliger Zahl fordern. Die Menschen daheim sind die schlechten Nachrichten aus dem Krieg leid; immer lauter werden auch auf englischer Seite die Rufe nach Frieden.
Dies will die deutsche Seite ausnutzen. Agenten werden in Marsch gesetzt. Sie sollen nicht nur ausspionieren, was die Briten militärisch planen, sondern auch die unruhigen Massen aufwiegeln. Dafür nutzen sie die Umtriebe von Sozialisten und Kommunisten, die nicht nur zum Frieden, sondern zur Revolution im Namen Lenins aufrufen.
Die Deutschen haben den Grafen Schwabing, ein wahres Agenten-Genie, mit einer perfekten Tarn-Identität auf die Insel geschickt. Der britische Geheimdienst weiß davon, hat jedoch keine Beweise für verbotenes Tun. Die soll ein erfahrener Mann beschaffen, der sich dem misstrauischen Feind - er tarnt sich als braver Brite - hoffentlich nähern kann: Richard Hannay nimmt seit einigen Jahren am „Großen Spiel“ der europäischen Geheimdienste teil. Man baut ihm eine Tarnexistenz als kriegsmüder, unzufriedener Bürger auf und schleust ihn in das Umfeld des Unholds ein.
Doch der Plan scheitert, denn man kennt sich: Vor drei Jahren gehörte der Spion (unter anderem Namen) zu einer Gruppe, die ein Komplott gegen England einfädelten. Dass es aufflog, verdankte man vor allem Hannay. Da sein Gegner ein Meister der Verkleidung ist, entlarvt ihn Hannay nun zu spät. Der Meisterspion flüchtet nach Deutschland. Er muss unbedingt ausgeschaltet werden, weshalb sich Hannay auf eine gefährliche Mission in die nur scheinbar neutrale Schweiz begibt ...
Ein Mann, der Bescheid wusste
John Buchan (1875-1940) gehört zu den grundlegenden Autoren des Kriminalromans bzw. des Thrillers. Er hat dieses Genre nicht nur mit aus der Taufe gehoben, sondern ihm darüber hinaus literarische Beachtung gewonnen. Dies lag zu einem guten Teil an seiner Person: Buchan war aufgrund seiner Verdienste innerhalb der britischen Regierung hoch aufgestiegen. Aus einem Journalisten und Schriftsteller wurde im Ersten Weltkrieg ein Mitglied des Geheimdienstes. 1935 adelte ihn König George V. zum 1. Baron Tweedsmuir; anschließend ging Buchan als Generalgouverneur und damit oberster Repräsentant der mit der ehemaligen Kolonie weiterhin verbundenen britischen Krone nach Kanada.
Ungeachtet seiner politischen Aufgaben war Buchan weiterhin als Schriftsteller aktiv. Ein erster Bestseller war ihm 1915 mit „The Thirty-Nine Steps“ (dt. „Die neununddreißig Stufen“) gelungen. Dieser Roman markierte den ersten Auftritt des Patrioten Richard Hannay, der in vier weiteren Romanen als Soldat und Agent Spione aus feindlichen Ausländern jagte. Dies tat er in England, aber er wagte sich auch weit hinter die feindlichen Linien und kreuzte seine Klinge vor allem mit den „Hunnen“, also dem kaiserlich-deutschen Kriegsgegner bzw. dessen ebenso genialen wie hinterlistigen Saboteuren und Verschwörern.
Die Hannay-Romane sind zumindest im angelsächsischen Raum weiterhin buchladenpräsent. Hierzulande wurde nur „Die neununddreißig Stufen“ immer wieder aufgelegt; dies auch deshalb, weil der Roman durch den gleichnamigen Film von Alfred Hitchcock (1935) einen zusätzlichen Popularitätsschub erhielt. Faktisch finden sich zahlreiche Elemente dieses Werkes auch in „Mr. Standfast“, dem 1919 erschienenen, dritten Roman der Serie. Dass diese in Deutschland nie wirklich Fuß fassen konnte; liegt wohl an der geradezu zelebrierten Feindseligkeit gegenüber den Deutschen, die bei diesen nicht für Begeisterung sorgte, aber aus zeitgenössischer Sicht verständlich ist: Mehr als vier Jahre verbluteten unzählige meist junge Männer aus England auf französischen und flandrischen Schlachtfeldern. Der Zorn darüber endete keineswegs mit dem „Großen Krieg“.
Maulwürfe sind schwer zu fangen
Der Plot ist ebenso klassisch = bewährt wie bekannt: Ein braver Mann kämpft gegen eine tückische Übermacht, die sich im Hintergrund hält und stets besser informiert oder ausgerüstet zu sein scheint als er. Dies führt zu zahlreichen spannenden Ereignissen - zunächst frustrierenden Fehlschlägen sowie lebensgefährlichen Konfrontationen, denen der Held zwar angeschlagen, aber ungebrochen entkommt, bis er schließlich die Schurken stellt und ihren Umtrieben ein Ende bereitet.
Nicht die Geschichte, sondern die Handlungsführung sorgt für spannende Unterhaltung. Buchan war ein talentierter Literat. Er wusste, worüber er schrieb, wenn er in die Schattenwelt der Geheimdienste eintauchte. Selbstverständlich hielt er sich dort bedeckt, wo reale Interna verborgen bleiben mussten; Buchan war ein hundertprozentiger, konservativer Patriot sowie ein Imperialist, der keinerlei Verständnis für jene aufbrachte, die sich nicht auf dem Schlachtfeld oder wenigstens an der Heimatfront in den Dienst des Vaterlandes stellten. Immer wieder beschreibt er, wie sich Hannay als Drückeberger fühlt, weil er nicht bei ‚seiner‘ Kompanie in Frankreich ist und kämpft, sondern sich hinter den Linien einen Ruf als Kriegsgegner und Friedensapostel aufbauen muss.
Die Berechtigung einer Kriegsmüdigkeit, die aus der Erkenntnis resultierte, dass dieser Kampf zu einem reinen Fleischwolf degeneriert war, wird von Hannay bzw. Buchan ausdrücklich negiert. Er verdammt seine Landsleute aber nicht, sondern weicht aus: Der Brite will zwar den Krieg beenden, gönnt aber keineswegs den Deutschen den Sieg! Wer ausschert, muss ein vom Ausland finanzierter Agent sein - bestenfalls eine sowjetisch gesteuerte Marionette, schlimmstenfalls ein Maulwurf der Deutschen.
Die Jagd ist eröffnet!
Wieder muss Hannay meist im Alleingang seinen Gegner jagen. Schon in „Die neununddreißig Stufen“ sorgte dies für eine einsame, gefährliche Odyssee durch das schottische Hinterland, was sich nun wiederholt. Buchan macht daraus keinen Hehl und bringt diese Wiederholung selbst zur Sprache. Er bemüht sich um neue Zwischenfälle und Krisen. Hinzu kommen großartige Landschafts- und Stimmungsbilder, die ihre Wirkung nicht eingebüßt haben. Dies steigert sich im letzten Drittel, das meist in den Schweizer Alpen spielt und u. a. einen lebensgefährlichen Eilmarsch über eis- und schneeglatte Felsen und Gletscher beinhaltet.
In der Ruhe liegt die Kraft, wie überhaupt ‚Action‘-Spannung lange nur selten im Vordergrund steht. Buchan macht deutlich, wie mühsam und wenig ruhmreich der Alltag im Geheimdienst ist. Man taktiert, reagiert, legt Köder und Fallen aus, wartet ab, kann hoffentlich früh genug abtauchen, wenn der Plan fehlschlägt. Hin und wieder kommt es zur offenen Konfrontation, aber auch dann hat der Gegner vorgesorgt und kann sich davonmachen. Dann geht alles wieder von vorne los.
So schürzt Buchan erst im letzten Drittel die Enden einer weitgespannten Handlung zum finalen Knoten. In der Buchmitte kommt es sogar zu einem Bruch: Der böse Genius kehrt zurück nach Deutschland und Hannay zurück an die Front, wo er sich glücklich weitere Hunnenkugeln und Granatsplitter einfängt. Dann beginnt eine neue Runde: Der Geheimdienst hat den Strolch wieder ausfindig gemacht, und nun soll Hannay ihn endlich stellen. Damit enden die langen Züge; der Erzählatem geht nun stoßweise. Die Ereignisse überstürzen sich. Hannay gerät in eine malerisch-groteske Todesfalle, muss nach aufwändigem Entkommen seine geliebte Mary aus den Klauen des nicht nur bösen, sondern auch noch geilen Meisterspions retten und dann erneut zurück an die Front, um gegen die heuschreckenartig gegen die Frontlinie anbrandenden Deutschen zu kämpfen. Auch für Melodramatik, Männerfreundschaften und beispielhaft patriotische Tode diverser Nebendarsteller bleibt Zeit. Auf den letzten Seiten sorgt Hannay kriegsversehrter Kamerad und Pilot Peter als „Mr. Standfast“ am Himmel über den Freund für den symbolischen Endsieg über die Hunnen.
Anmerkung: Der britische Gentleman stellte gern seine Schulbildung unter Beweis und zitierte noch im Angesicht des Todes aus Klassikern der Literatur. „Mr. Standfast“ ist eine Figur aus einem religiös-christlichen Erbauungsklassiker des Bapistenpredigers John Bunyan (1628-1688). „The Pilgrim’s Progress“ schildert eine allegorische Reise ins Jenseits. Unter denen, die der Held dabei trifft, zählt eben jener Mr. Stand-Fast. Buchan greift die Figur auf, um die Taten des verwundeten, aber weiterhin kämpferischen Peter Pinaar = des idealen britischen Mannes zu überhöhen.
Fazit
Abenteuerroman und Agententhriller aus der Ära weit vor James Bond, der bereits zahlreiche Motive (bzw. Klischees) dieses Genres aufweist. Mehr als ein Jahrhundert fallen zeittypische Vorurteile und Gefühlsduseleien auf. Dennoch bewahrt der Roman die Atmosphäre einer Ära des brutalen Umbruchs und nutzt die Wirren der Zeit als Kulisse einer ungebrochen spannenden Geschichte.

John Buchan, Diogenes

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